Archiv für Januar, 2011

Der Student Jonathan (Anthony Edwards) fährt gemeinsam mit seinem Kumpel Manolo (Nick Corri) nach Europa – nicht zuletzt in der Hoffnung, dort endlich entjungfert zu werden. In Paris begegnet er der erotischen Tschechin Sasha Banicek (Linda Fiorentino) und beide stürzen sich in eine heftige Affäre. Als sie Paris in Richtung Berlin verlassen muss, schließt sich Jonathan ihr an, noch nicht ahnend, dass sie tatsächlich eine CIA-Agentin ist, die einen dubiosen Auftrag in Ost-Berlin zu erfüllen hat. Und so sieht sich der arglose Student nach kurzer Zeit von KGB-Männern verfolgt …

GOTCHA! ist auch wieder so ein Kandidat: Hätte ich den Film im Teeniealter gesehen, könnte ich heute wahrscheinlich kaum objektiv über ihn urteilen. Tatsächlich erinnere ich mich noch an die lobenden Worte eines Klassenkameraden, dem die Begeisterung über den Teenie-Agentenfilm förmlich aus den Augen sprang. Ganz so hin und weg bin ich dann nicht, auch wenn GOTCHA! ein sehr ordentlicher und vor allem recht origineller Vertreter des in den Achtzigerjahren so populären Teeniefilms ist. Mit Anthony Edwards steht Jeff Kanew ein sehr sympathischer und vor allem natürlicher Hauptdarsteller zur Verfügung und die authentische Berliner Kulisse ist natürlich ein Augenschmaus und – Achtung: marketingdeutsch – absolutes Alleinstellungsmerkmal. Da bin ich dann auch fast geneigt, es GOTCHA! positiv anzurechnen, dass er nicht von Attraktion zu Attraktion hüpft, nicht eine Zote an die nächste reiht, sondern seine Geschichte sehr behutsam und durchaus mit einigem Ernst entwickelt – während der Sichtung hätte ich mir gerade in der ersten Hälfte etwas mehr Zug zum Tor gewünscht. Kanew gelingt es aber recht gut, die in den Achtzigerjahren noch ganz gegenwärtigen Spannungen zwischen Ost und West aus der Sphäre obercooler Superagenten zurück in den Alltag zu holen. Ein bisschen amerikanische Kommunistenparanoia muss man als Europäer zwar verknusen können, aber auch das war vor 25 Jahren eben die gängige Reaktion auf das Treiben hinter dem eisernen Vorhang. Mein verhaltener Einstieg war also eigentlich gar nich so angebract, denn GOTCHA! ist schon ein feiner Film. Aber eben nichts, was mich vor Begeisterung um den Schlaf bringt.

Als Sean (David Bradley) noch ein kleiner Junge war, wurde sein Papa, ein Karatekämpfer, umgebracht und Sean fortan von Izumo (Calvin Young) in der Kunst des Ninjitsu unterwiesen. In der Gegenwart reist er in den fiktiven Staat Triana, um an einem Karateturnier teilzunehmen. Als er dort seinem alten Meister begegnet und dieser kurz darauf entführt wird, macht er sich mit Jackson (Steve James) und Dexter (Evan J. Klisser) auf die Suche nach ihm. Die führt ihn zu „The Cobra“ (Marjoe Gortner), der für General Andreas (Yehuda Efroni) eine Rasse von Supersoldaten kreieren soll und nur auf Sean gewartet hat …

Aller Guten Dinge sind zwar nach Volksmund drei, doch AMERICAN NINJA 3: BLOOD HUNT ist wohl die berühmte Ausnahme von der Regel. Alle Jubeljahre wird er von mir in der Hoffnung eingeworfen, dass er mir vielleicht endlich seine mir bislang verborgen gebliebenen Qualitäten offenbart, aber auch bei dieser Sichtung steht am Ende nur die Erkenntnis, dass der dritte Eintrag der Erfolgsserie eine reichlich freudlose Angelegenheit ist. Selbst wenn man die Ansprüche ganz weit runterschraubt und AMERICAN NINJA 3 lediglich als hohlen Trashfilm betrachtet, gibt es hier rein gar nichts zu holen. Wirklich alle Beteiligten haben ihr Schlechtestes gegeben – oder aber sie haben in dem Bemühen, auch noch den letzten Funken Spaß aus dem Film zu saugen, Überstunden gemacht. Die Story ist selbst dann noch unfassbar dämlich, wenn man sie nur als Wegbereiter für die Actionszenen begreift, die Inszenierung hausbacken und angestrengt, die Kampfchoreografien unter aller Sau und – der Todesstoß für den Film – David Bradley ein so dermaßen unsympathischer Protagonist, dass das Unterfangen eigentlich von vornherein hoffnungslos ist. Die Cannon wollte den einstigen Karatechampion wohl zum neuen Actionstar aufbauen, doch das ist gründlich in die Hose gegangen und vielleicht das beste Beispiel dafür, wie Golan und Globus in der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre von ihrem Urteilsvermögen verlassen worden sind. Bradley lässt sich in eigentlich allen seinen Filmen nur ertragen, wenn es einem gelingt, sich an seiner prollig-machohaften Art hochzuziehen. Klar, auch Dudikoff war kein guter Schauspieler, aber er war als Handkanten-James-Dean gut besetzt und vor allem sympathisch. Wenn David Bradley mit Leichenbittermiene die Muckis anspannt, denkt man hingegen an Steroidmissbrauch, Date Rape und Demütigungen in der Jungsumkleide beim Sportunterricht. Im Vergleich mit dem sonnigen Fun-Actioner AMERICAN NINJA 2: THE CONFRONTATION wirkt Teil 3 unfreundlich, düster und misanthropisch. Das ist nicht per se schlecht, nur gibt der Stoff das gar nicht her. Sundstroms Film ist albern, ohne dabei Spaß zu machen. Eigentlich das vernichtendste Urteil, das man über einen Film verkünden kann. Bis zum nächsten Mal.

Der düstere irische Urban-Crime-/Selbstjustizfilm SAVAGE von Brendand Muldowney ist in der feinen Edition Störkanal von I-On New Media erschienen, die ich bereits mehrfach lobend erwähnt habe. Auch SAVAGE darf man sich als Freund des genannten Subgenres durchaus zu Gemüte führen. AUf F.LM gibt es eine Rezension von mir: Klick.

Zur Belohnung für den immensen Erfolg von AMERICAN NINJA spendierten Menahem Golan und Yoram Globus ihrem Regisseur Sam Firstenberg und dem Darstellerduo Michael Dudikoff und Steve James wohl einen schönen Urlaub – mit der Vorgabe, statt Urlaubsfotos und kitschiger Souvenirs ein knalliges Sequel mitzubringen. Diese Geschichte habe ich mir zwar ausgedacht, wenn man den in Südafrika gedrehten AMERICAN NINJA 2: THE CONFRONTATION aber so sieht, kann man sich durchaus vorstellen, dass es sich genauso abgespielt hat. Er sieht aus wie ein TUI-Werbespot, in den Godfrey Ho ein paar Ninjas reingemogelt hat: weiße Traumstrände, türkisfarbene Buchten, saftig grüne Palmen, ein strahlend blauer wolkenloser Himmel, Männer in bunten Hawaiihemden und braungebrannte Strandnixen in farbenfroher (und knapp geschnittener) Bademode, wohin das Auge auch sieht. Auf den flotten, dabei auch schon nicht gerade ungemein harten Vorgänger setzt Firstenberg also noch einen drauf: Wenn es mal einen Feelgood-Actioner gab, den man am besten mit einem sommerlichen Cocktail in der Hängematte liegend genießt, dann ist es dieser hier. Nachhaltigkeit oder gar Ernst sollte man dann auch nicht unbedingt erwarten: Trotz der gesteigerten Ninjapräsenz wirken die schwarzen Killer wie eine Randerscheinung, die die Helden mal schnell wegkloppen müssen, um sich wieder am Wasser tummeln zu können. Inhaltlich schießt der Film dann auch einen Bock nach dem anderen, von denen der größte nicht einmal der ist, dass der „The Lion“ genannte Oberschurke mit viel Aufwand Superninjas aus der Retorte züchtet, die dann in einem Testlauf ohne größere Anstrengung von seinem menschlichen Ninjaanführer weggemurkst werden. Nein, nein, der Knaller ist der, dass dies weder einen der anwesenden Kaufinteressenten abschreckt, noch dem Schöpfer selbst als Scheitern seiner Pläne erscheint. Da sieht man mal wieder, dass der beste Verkäufer der ist, der selbst am meisten an sein Produkt glaubt. Und wenn es dazu des Selbstbetruges bedarf, bitteschön!

Ich fand AMERICAN NINJA 2: THE CONFRONTATION lange Zeit besser als seinen Vorgänger, was ich heute zwar nicht mehr behaupten würde, aber toll ist das Sequel trotzdem. Wenn ich mal in einem Film Urlaub machen dürfte, wäre er auf jeden Fall ein sicherer Kandidat. (Wer sich gern über Unzulänglichkeiten und Goofs beömmelt, sollte um 12:05 mal genau aufpassen: Offensichtlich musste da eine Szene in Abwesenheit von Dudikoff nachgedreht werden. Kann passieren. Aber normalerweise filmt man das Double dann so, dass sein Gesicht nicht zu erkennen ist.)

Aldous Snow (Russell Brand), ein selbstzerstörerischer Rockstar wie er im Buche steht, ist nach seinem selbstgefälligen, prätentiösen Album „African Child“ am Tiefpunkt einer Karriere angelangt, an dem ihn auch noch seine Partnerin und Mutter seines Sohnes Jackie Q (Rose Byrne) verlässt. Aaron Green (Jonah Hill) ist Snows immer noch größter Fan und außerdem Mitarbeiter von dessen Label Pinnacle Records. Als deren CEO Sergio (Sean „P. Diddy“ Combs) nach einem großen Coup sucht, der nach diversen Flops wieder Geld in die Kassen spült, schlägt Aaron spontan ein Jubiläumskonzert von Aldous Snow im Greek vor. Dort hatte der Star vor genau zehn Jahren seinen großen Durchbruch gefeiert. Sergio willigt ein und beauftragt den gutmütigen Aaron persönlich, den eigenwilligen Star innerhalb von drei Tagen von London nach L.A. zu bringen. Das erweist sich nicht zuletzt aufgrund der Drogensucht Snows als schwieriger als erwartet …

GET HIM TO THE GREEK bestätigt mich in meiner Ansicht, Judd Apatow sollte die Finger vom Regieführen lassen und sich auf die Rolle des Produzenten beschränken. Nicholas Stoller, der zuvor den sehr netten, von mir möglicherweise unterschätzten FORGETTING SARAH MARSHALL gedreht hat (in dem der Aldous-Snow-Charakter bereits eine wichtige Rolle spielte), legt eine rasante, urkomische, wilde, sich aber niemals in der von seinem Mentor bekannten Dauerschleife vulgärer Zoten und Pipikackadialoge ergehende Komödie vor, die selbst ihrer als Rockstarkarikatur angelegten Hauptfigur Glaubwürdigkeit und vor allem Würde zugesteht. Auch Jonah Hill, bei Apatow als ununterbrochen sabbelnder Herrenwitz komplett unterfordert und unte Wert verkauft, zeigt, dass er als liebenswerter Regular John unbezahlbar ist. Es wäre sichelich ein leichtes gewesen, GET HIM TO THE GREEK als Aneinanderreihung von einer unaufhaltsamen Eskalationslogik folgenden Episoden anzulegen, doch Stoller widersteht der Versuchung, zügelt das Tempo mit zunehmender Spielzeit, anstatt es zu forcieren und führt seine beiden Hauptfiguren einer Selbsterkenntnis zu, die den vorangegangenen Film nicht bloß als hohlen Witz dastehen lassen, sondern seinen dramatischen Kern herausarbeiten. GET HIM TO THE GREEK erzählt auch von einer Unterhaltungsindustrie, die ihre Stars solange füttert, bis sie sich in die Monster verwandeln, die die Masse haben will – ohne Rücksicht auf Kollateralschäden oder Interesse für den Menschen hinter der Marke. Man mag das für spießig, schmalzig oder sogar verlogen halten: Schließlich gehört Stollers Film als Hollywoodprodukt selbst der Sphäre an, die er kritisiert. Aber erstens macht ihn das – frei nach Adorno und Horkheimer – nur relevanter, und zweitens ist es mir lieber, wenn Charaktere eine tatsächliche Entwicklung durchmachen und nicht nur die Gründe finden, aus denen es sich lohnt, so blöd zu bleiben, wie sie sind (= wie sie in den Apatow-Filmen gezeichnet werden).

GET HIM TO THE GREEK ist ein unerwartetes Komödienhighlight mit ebenso unerwartetem Tiefgang und einem unerwartet großartigen P. Diddy sowie etlichen Gastauftritten bekannter Fernseh- und Musikstars, von denen Metallica-Drummer Lars Ulrich den besten Spruch des Films provoziert: „Go and sue Napster, you danish twat!“

Joe Armstrong (Michael Dudikoff) ist ein Einzelgänger mit Stahl im Blick und rätselhafter Vergangenheit, das ist schon klar, als man ihn zum ersten Mal teilnahmslos an einem Army-Transporter lehnen sieht, während seine Kollegen sich benehmen wie auf dem Schulhof. Dieses Auftreten macht ihn sogleich verdächtig und bringt ihm den Neid der anderen ein. Als er eine Ninjaattacke auf einen Militärkonvoi allein zerschlägt, anstatt sich ruhig zu verhalten, und so den Tod einiger Soldaten mitzuverantworten hat, wird er nicht als Held gefeiert, sondern als Kollegenschwein tituliert. Was in der Realität eine durchaus angemessene Reaktion wäre, ist in Firstenbergs AMERICAN NINJA – dem erfolgreichsten Film des Ninjabooms und Auftakt zu einer insgesamt fünfteiligen Reihe – Ausdruck von Missgunst und Mittelmaß: Joe ist nämlich ein amerikanischer Ninja und er weiß genau, dass man mit Stillhalten gegen Ninjas nicht weit kommt. Für ihn wendet sich jedoch alles zum Guten, als er den Anführer der Front gegen ihn, den toughen Jackson (Steve James) im Zweikampf besiegt. Hatte der ihn kurz zuvor noch als Schlappschwanz, Verräter, Feigling und mithin Oberarsch ausgemacht, den es zu bestrafen gilt, ist er nach seiner Niederlage plötzlich ganz anderer Meinung: Wer ihm die Fresse poliert, der muss ja ein dufter Typ sein – andernfalls hätte man sich ja auch einen gefährlichen Feind gemacht. Was man als Indiz für den unfreiwilligen Humor eines Trashfilms abtun könnte, ist tatsächlich ziemlich gut beobachtet. Ja, so geht es ab in Männerbünden.

Die Ninjas sind die Privatarmee des verbrecherischen Millionärs Ortega, der mit Armstrongs Vorgesetzten einen Waffenhandel vereinbart hat. Angeführt vom „Black Star Ninja“ (Tadashi Yamashita), dem ranghöchsten Ninja Japans, sollen die Profikiller erst einen Überfall vortäuschen (eben jenen, den Joe zu Beginn verhindert hat), dann schließlich für die Erledigung des Störenfrieds sorgen. Das misslingt, weil Joe selbst ein Ninja ist, was in sich schon ein Sakrileg darstellt: Der Black Star Ninja weiß nämlich, dass nur Japaner die Kunst des Ninjitsu erlernen dürfen. So kommt es am Schluss zum unausweichlichen Kampf der guten Army-Soldaten gegen ihre schurkischen Vorgesetzten, Ortega und dessen Ninjaarmee sowie von Joe gegen den Black Star Ninja. Am Ende steht Joe auf dem Dach von Ortegas Riesenvilla, sein stahlblauer Blick in die ferne Zukunft gerichtet, wo weitere Aufgaben auf ihn warten.

Ich habe AMERICAN NINJA schon als Jugendlicher unzählige Male als Videoaufzeichnung von RTLplus gesehen, war begeistert von den Ninjas und ihren coolen Waffen und Dudikoff, der ein bisschen wie eine glattpolierte Actionfigur von James Dean wirkt. Vor ein paar Jahren, als ich den Film nach längerer Abstinenz mal wieder eingeworfen hatte, war viel vom Zauber verflogen, sah das alles doch recht preisgünstig und trashig aus. Diesen Eindruck muss ich jetzt erneut revidieren: Ich habe AMERICAN NINJA nämlich fast so genossen wie damals mit schätzungsweise 13 Jahren und kann ihm zubilligen, einer der schönsten Actionfilme der Achtzigerjahre zu sein. Zwar ohne große Durchschlagskraft oder Nachhaltigkeit, dafür aber mit viel Tempo gelingt es Sam Firstenberg – der auch schon die letzten beiden Teile von Cannons vorangegangener Ninja-Trilogie inszeniert hatte – hier, den Ninja als Figur für den amerikanischen Actionfilm nutzbar zu machen. Die in AMERICAN NINJA verwendete Blaupause wird in jedem der vier kommenden Sequels zum Einsatz kommen: ein amerikanischer Held mit Ninjatalenten auf der einen, eine im Dienste eines Schurken stehende Ninjaarmee mit einem hervorgehobenen Anführer auf der anderen. So umging Firstenberg das bis dahin bestehende Protagonistenproblem, machte dafür aber ein neues Fass auf: Dadurch, dass durch die Figurenkonstellation unzählige Ninjas ins Gras beißen musste, unterminierte er deren Ruf als Meister des Tötens. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich ein anderes Mal erzählen werde.

Irgendwo im diesigen Oregon: Eine Gruppe von Teenagern langweilt sich zwischen billigem Dope und Dosenbier, während die Eltern durch Abwesenheit oder Indifferenz glänzen. Als der schweigsame Samson (Daniel Roebuck) erzählt, er habe seine Freundin erwürgt, und den ungläubigen Freunden die Leiche am Fluss vorführt, meint Layne (Crispin Glover), er müssen ihn vor der Polizei beschützen. Matt (Keanu Reeves) hingegen ist skeptisch …

RIVER’S EDGE habe ich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen und an Details der Handlung konnte ich mich dann auch nicht mehr wirklich erinnern, aber seine bedrückende Stimmung hat sich fest in meinem Gedächtnis eingebrannt. Hunter, der später einige Folgen von TWIN PEAKS inszenieren sollte – was passt, weil die Lynch-Serie fast dieselbe Prämisse wie sein Film hat –, erzeugt diese Stimmung ausschließlich durch Erzähltempo, Dialoge, Charakterisierungen und Settings und ohne Rückgriff auf die heute so angesagten Tricks der Postproduktion, die schlechten Filmemachern als bequeme Abkürzung dienen. RIVER’S EDGE ist dann auch kein Film, der den Zuschauer überrumpelt oder mit krassen Bildern um sich wirft, sondern einer, der fast unmerklich ins Bewusstsein drängt und dort ganz langsam seine Wirkung entfaltet. Hunters Film ist wie ein herbstlicher Nieselregen: Man spürt ihn nicht direkt und es dauert eine ganze Weile, bis man durchnässt ist, aber  dann ist man bis auf die Knochen durchfeuchtet und halb erfroren.

Hunter zeigt eine vollkommen entfremdete und desorientierte Jugend, die gar nicht mehr in der Lage ist, etwas zu empfinden – und ziemlich ratlos vor dieser furchtbaren Erkentnis steht. Matt und seine Freunde wissen, dass es schrecklich ist, dass ihre Freundin tot am Flussufer liegt, sie wissen, dass sie trauern oder aber wenigstens erschrocken sein müssten, stattdessen regt sich nichts in ihnen. Layne verwandelt das Erlebnis in ein Abenteuer, wie er es aus dem Fernsehen oder Kino kennt („I feel like Chuck Norris“, sagt er einmal), und als Matt Samson schließlich anzeigt, tut er das aus rein rationalen Erwägungen, weil er weiß, dass Samson jederzeit wieder zuschlagen könnte. Wie Geister stapfen die Kids durch die trostlose Landschaft ihrer Heimat auf der Suche nach irgendetwas, dass sie lebendig fühlen lässt. Diese Akzentuierung unterscheidet RIVER’S EDGE von zahlreichen anderen Filmen, die eine verrohte, von zu viel Medienkonsum und zu wenig Erziehung brutalisierte Jugend auf dem Weg ins gesellschaftliche Abseits zeigen, und vorgeben, ganz genau zu wissen, wo der Hase im Pfeffer liegt. Hunter hebt hingegen nie den mahnenden oder belehrenden Zeigefinger, bringt vielmehr viel Mitgefühl und Verständnis für seine hilflosen Protagonisten auf, die einen verzweifelten Kampf um den Erhalt ihrer Menschlichkeit kämpfen – und diesen zu verlieren drohen. Ein Meisterwerk des Teeniefilms mit durchweg starken Darstellern, aus denen der eh grandiose Crispin Glover mit seiner allerdings dankbaren Rolle des Möchtegernanführers Layne noch heraussticht. Und dass sich fast das komplette Debütalbum „Show no Mercy“ von Slayer auf dem Soundtrack befindet, schadet dem Film sicher auch nicht.