week end (jean-luc godard, frankreich 1967)

Veröffentlicht: Februar 5, 2011 in Film
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Corinne (Mireille Darc) und ihr Ehemann Roland (Jean Yanne) – beide führen nicht unbedingt das, was man eine Traumehe nennen würde – fahren in die französische Provinz, um dort eine Erbschaft anzutreten. Doch auf dem Weg werden sie von Staus, zahlreichen Verkehrsunfällen und den aus diesen resultierenden Konflikten aufgehalten …

„Dieser Film wurde auf dem Schrottplatz gefunden“, behauptet eine Einblendung zu Beginn und charakterisiert das wilde Durcheinander aus kleinen erzählerischen Episoden, Schrifttafeln, Zitaten aus Film und Literatur und politischer Exegese, dem die ästhetische Geschliffenheit von MADE IN U.S.A und 2 OU 3 CHOSES QUE JE SAIS D’ELLE zudem ganz abgeht, sehr treffend. Formal zwar kaum weniger konstruiert als die beiden genannten Filme, wirkt WEEK END vielmehr roh und, ja, auch hässlich. So hässlich, dass sich selbst die Schauspieler ekeln: „Das ist ein Scheißfilm!“, sagt Mireille Darc einmal, ihre Rolle kurz aufgebend. Der Zusammenbruch der bürgerlichen Welt, den Godard in einer an die großen Dystopien des 20. Jahrhunderts erinnernden Handlung darstellt, äußert sich im buchstäblichen Chaos: Die Menschen hassen einander und gehen beim kleinsten Konflikt mit tierhafter Gewalt wie entfesselt aufeinander los, die Straßen sind von Autowracks und blutigen Leichen gesäumt, Beziehungen sind jeder Emotion beraubt und zu nüchternen Zweckgemeinschaften verkommen, die Sprache ist vulgär, für den anderen hat man nur noch Beschimpfungen übrig. Nur das Auto, das Statussymbol der Besitzenden, wird gehütet we der eigene Augapfel und an ihm entzünden sich deshalb auch die härtesten Auseinandersetzungen.

WEEK END scheint auf den ersten Blick eine Rückbesinnung auf die von der Dekonstruktion gängiger Genremuster geprägte erste filmische Phase von Godards Schaffen. Im Gegensatz zu MADE IN U.S.A etwa kann man WEEK END durchaus als erzählerischen Film verstehen, ihn wie oben vorgeschlagen als Dystopie, Schwarze Komödie oder als Horrorfilm betrachten. Doch in der Wahl der Mittel setzt Godard die mit den WEEK END unmittelbar vorangegangenen Filmen eingeschlagene Linie mit äußerster Konsequenz fort. Eine spektakuläre – und zu Recht berühmte – Plansequenz strapaziert die Nerven des Zuschauers bis aufs Äußerste, für eine andere lange Dialogszene, in der die Sprechenden nur als Schemen erkennbar sind, das gesprochene Wort zudem immer wieder von Musik übertönt wird und Zooms eine Bedeutung vorgaukeln, die in den Bildern und Worten gar nicht enthalten ist, ist der Begriff „Dekonstruktion“ noch zu kurz gegriffen. WEEK END wohnt eine zerstörerische Kraft inne, die innerhalb von 95 Minuten alles in Frage stellt, was sich in Filmgeschichte und -technik bis zu diesem Zeitpunkt als Gesetz etabliert zu haben schien. In WEEK END wird man nicht bloß Zeuge des vielbeschworenen Zusammenbruchs der Ratio, man meint förmlich spüren zu können, wie das Fundament des Daseins unter einem wegbröckelt. Ich kenne nur wenige Filme, denen es so beispiellos gelingt, körperliches Unbehagen zu erzeugen. Dass ich die letzten 20 Minuten, in denen Corinne und Roland einer Gruppe linker Revoluzzer zum Opfer fallen, mit ihren maoistischen Kampfparolen eher albern fand, fällt demgegnüber nicht mehr so ins Gewicht, ist vernachlässigbar und vielleicht sogar einfach nur  konsequent. WEEK END ist zwar nicht das „Ende des Kinos“ geworden, das am Schluss des Films prophezeit wird; das mag aber vor allem darauf zurückzuführen sein, dass der Mensch im Vergessen immer schon besonders gut war.

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