gymkata (robert clouse, usa 1985)

Veröffentlicht: Februar 13, 2011 in Film
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Man ist es als auch abseits ausgetretener Pfade suchender Filmseher gewohnt, allerlei krudes Zeug zu finden, das einem deutlich macht, wie eindimensional und auch singulär das Kino ist, das man aus Fernsehen, Kino und Videothek kennt. Philippinische Söldnerfilme, türkische Superheldenepen, bizarrer Trash aus den Sechzigerjahren, nigerianischer Horror: Man schaut diese Filme, weil man weiß, dass man etwas bekommt, das es nirgendwo anders gibt. Aber nach einiger Zeit merkt man: Die dort vorgefundene Craziness ist einfach nur eine andere Normalität. Anders verhält es sich aber mit einem Film wie GYMKATA: Von Robert Clouse inszeniert, dessen 1973 entstandener ENTER THE DRAGON entscheidend verantwortlich für den Martial-Arts- und Kung-Fu-Film-Boom der Siebzigerjahre war, und von MGM produziert, ist GYMKATA ein im Schoße des Mainstream entstandener Actionfilm, wie er auch im exotischen Mikronesien nicht bizarrer und bescheuerter hätte ausfallen können.

Der Turner Jonathan Cabot (Turnweltmeister Kurt Thomas) erhält von der US-amerikanischen Regierung einen Spezialauftrag: Er soll in die Zwergnation Parmistan am Hindukusch einreisen, dort am traditionellen „Game“ mitwirken, dem sich alle Immigranten stellen müssen, um bleiben und außerdem am Ende einen Wunsch äußern zu dürfen. Cabots Wunsch soll die Erlaubnis zur Stationierung von Bodenabwehrstationen des US-amerikanischen Star-Wars-Programms erwirken. Es gibt nur ein Problem: Seit 900 Jahren hat kein Teilnehmer das „Game“ bestanden – und jedem Verlierer winkt der Tod …

Diese bescheuerte Story wirft ja schon einmal etliche Fragen auf: Warum müssen die Amerikaner ihre Technologie unbedingt in Parmistan stationieren? Warum gehen sie den Umweg über die Teilnahme an einem Spiel, wenn die Erfolgsaussichten doch als ausgesprochen gering angesehen werden müssen, anstatt den diplomatischen oder militärischen Weg zu gehen? Warum wählen sie ausgerechnet einen Turner aus, der dann erst noch zum Martial-Artisten ausgebildet werden muss, anstatt gleich einen solchen anzuwerben? Der Film beantwortet diese Frage schon in seiner Tagline: „The Skill of Gymnastics, the Kill of Karate!“ Ja, der Logik des Films zufolge, ist ein karatekämpfender Turner besser als ein Karatekämpfer. No shit! Aber woher wissen die Amis überhaupt, dass sie einen Kämpfer brauchen, wenn doch noch nie jemand überlebt hat, um vom Wesen des berüchtigten „Game“ zu berichten? Nach allem, was die Amerikaner wissen, könnte es sich dabei ebenso gut um ein Wissensquiz, ein Schachspiel, Topfschlagen oder Wettessen handeln. Aber selbst, wenn sie annehmen, es setze Zweikampfkünste voraus: Warum muss Cabot dann lernen, auf Händen die Treppe hochzulaufen? (Die verblüffende Antwort: Damit man mehrere Draufsichten auf seine beturnhosten Eier unterbringen kann.) Zugegebenermaßen sind solche Logikfragen immer etwas kleinlich, aber man stimme mir bitte darin zu, dass vom Zuschauer hier etwas zu viel Suspension of Disbelief verlangt wird.

Weiter im Text: Cabot willigt ein – auch, weil bereits sein Vater dem „Game“ zum Opfer fiel. Wie unwahrscheinlich ist DAS bitte? Man muss doch eine seltene vererbbare Geisteskrankheit annehmen, wenn die Vertreter zweier aufeinander folgender Generationen einer Familie nichts Besseres mit ihrem Leben anzufangen wissen, als sich in einer Dritte-Welt-Nation am Hindukusch einem aussichtslosen Wettbewerb zu stellen. Das Überraschende an GYMKATA ist, dass er diesen Wahnsinn bis zum Ende durchhält. Das „Game“ entpuppt sich als Menschenjagd-Spiel, bei dem die Kandidaten durch einen reichlich anspruchslosen Hinderniskurs gehetzt werden, auf dem Ninjas als Fahnenstangen und Wegweisern platziert sind. Jaja, Ninjas: Die werden zwar nicht explizit so bezeichnet, sind mit ihren schwarzen Tarnanzügen aber eindeutig als solche zu identifizieren – auch wenn sie kaum ihren einzigartigen Talenten nachgehen dürfen. Der oberböse Jäger ist Zamir (Richard Norton in seinem charakteristischen Look mit Vollbart und Nackenspoiler), der in dieser Funktion auch Cabots Papa ermordete und außerdem auch dessen Love Interest, Prinzessin Rubali, ehelichen soll. In Actionfilmkonventionen gedacht, qualifiziert ihn das gleichzeitig zur dreifach lebenslänglichen Haftstrafe, zur Vierteilung, Enthauptung und Kastration, ewigen Verdammnis und öffentlicher Bloßstellung: Er bettelt förmlich um seine Hinrichtung durch den Helden. Die kommt dann auch, weil Cabot dank seiner Gymkata-Kampfkunst unbesiegbar ist: Und das ist dann wirklich der Gipfel des Films. Sein bevorzugter Move ist ein aus dem Stand gesprungener Salto mit einfacher Schraube, den er benutzt, um seinen Feinden auf den Kopf zu springen. Aber die Parmistanis – sämtlichst mittelalte Bauern mit Fellmützen und faulen Zähnen – bauen ihm förmlich goldene Brücken: Im letzten „Level“ des „Game“ muss Cabot durch eine alte Irrenanstalt, deren aufgebrachte Insassen ein wenig an die Mobs aus alten Universal-Filmen erinnert. Dort steht – aus unerfindlichen Gründen – dieses Turngerät herum, das man Pferd nennt und das Cabot nun für eine Turnerroutine nutzt, bei der die Irren bevorzugt mit ihren Gesichtern in seine herumwirblenden Füße rennen, anstatt ihn mit ihren Mistgabeln einfach runterzupieksen.

Ich schließe den Text jetzt, weil der Irrsinn namens GYMKATA nicht zu fassen ist. Ich empfehle jedem meiner Leser, diese unerklärliche Mischung schlechter Einfälle und mieser Umsetzung, US-amerikanischer Herablassung und rassistischer Klischees, schlechtem Schauspiel und katastrophaler Inszenierung ausfindig zu machen (es gibt eine US-DVD) und sich davon zu überzeugen, dass GYMKATA einer der bizarrsten Filme ist, die das Studiosystem jemals hervorgebracht hat. Ein Erlebnis.

Kommentare
  1. Chris sagt:

    Ich dachte, Du wolltest mich schon bei der Einführung bzw. mit der „Inhaltsangabe“ veräppeln…

  2. Ich hab den schon länger auf der Wunschliste, aber ich befürchte, daß es langsam mal Zeit wird. Ich hab keine Ahnung ob ich bei der Beschreibung vor Freude jauchzen soll, oder schreiend das Weite suchen. Allein die Abbildung rockt schon. Turnerkarate. Ninjas. Muahaha. xD

  3. Oliver sagt:

    @ Chris

    Würde ich nie tun, bin für meine Humorlosigkeit landauf, landab bekannt.

    @ Ape-Man

    Nee, der macht schon Spaß. Zwar nicht so, wie Clouse sich das gedacht hat, aber vergeudete Zeit ist das sicherlich nicht.

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