piedone d’egitto (steno, italien 1980)

Veröffentlicht: Februar 13, 2011 in Film
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Kommissar Rizzo (Bud Spencer) wird vom Ölmagnaten Barns (Robert Loggia) als Sicherheitschef eingestellt, weil der Polizist dessen Tochter Connie (Cinzia Monreale) aus den Händen von Entführern befreit hat. Die überredet den Papa dazu, Kontakt mit dem Wissenschaftler Cerullo (Leopoldo Trieste) aufzunehmen, der eine sagenhafte Entdeckung gemacht haben will, die die Ölindustrie revolutionieren soll. Doch Cerullo wird entführt und nach Ägypten verschleppt …

Eine merkwürdige Sichtung war das: Ganz sicher, dass ich den Film aus meiner Kindheit kannte, konnte ich mich tatsächlich an keine einzige Szene, noch nicht einmal an den groben Handlungsverlauf erinnern. Und dann fällt am Ende ein von mir sehr geliebter und herbeigesehnter Spruch, der klar macht, dass ich PIEDONE D’EGITTO doch irgendwann mal gesehen haben muss. Es ist aber durchaus passend, dass man vom vierten und letzten Plattfuß-Film kein Bild, keine Szene, keinen Inszenierungskniff, sondern eine Dialogzeile der von Rainer Brandt gewohnt kreativ und fantasievoll besorgten Synchronisation im Gedächtnis behält.

PIEDONE D’EGITTO wirft die Frage nach der Identität des Autors und seines Textes auf: Wessen Film schaut man eigentlich, wenn man den vierten Plattfuß-Film in der Brandt-Synchro schaut? Nimmt man – etwas naiv und altmodisch – an, Synchronisation habe zum Zweck, das gesprochene, gedachte oder geschriebene Wort mit möglichst hoher Sinntreue von einer Sprache in eine andere zu übertragen, dann ist das, was Rainer Brandt macht, nur noch von rein technischem Standpunkt aus als solche zu bezeichnen. Er legt den Filmfiguren Worte in den geschlossenen Mund, lässt sie aus dem Off ins Bild quatschen, verfälscht Szenen offenkundig und charakterisiert Figuren nach Gutdünken um. PIEDONE D’EGITTO ist, wie etliche Spencer/Hill-Filme vor und nach ihm, zumindest in der deutschen Synchronisation eindeutig und zweifellos Brandts Film. Die Geschichte um den entführten Wissenschaftler und seine brisante Erfindung interessiert nur insofern, als sie möglichst viele Anlässe für die Figuren bietet, ihrer sprachlichen Kreativität freien Lauf zu lassen, und man möchte sich kaum ausmalen, was für eine zähe Angelegenheit Stenos Film im O-Ton wäre.

Besonders, was Brandt mit der Plattfuß-Figur anstellt, ist bemerkenswert und beeinflusst ihre Wahrnehmung durch den Zuschauer stärker als es das Spiel Spencers könnte – der Star muss eigentlich nur seine Physis und sein Gesicht bereitstellen: Was von der Figur hängenbleibt, das ist das zwischen Resignation und Genervtheit pendelnde Granteln, das zwischen den Zähnen durchgepresste Stöhnen, die aus dem Off gezischte Beleidigung, die offen vorgetragene Respektlosigkeit, die verschluckten Silben und abgeschliffenen Konsonanten, die von Faulheit ebenso zeugen wie von artikulatorischer Ökonomie, die es ihm erlaubt, seine Bonmots mit einem Maximum an Schnoddrigkeit rauszuhauen. Brandts Synchro nähert die Plattfuß-Filme – und alle Filme und Serien, die er mit seiner charakteristischen Schnodderschnauze versehen hat – dem Anarchohumor der Marx-Brothers an, dessen Einflüsse aber nur schwer einem bestimmten Milieu oder einer bestimmten Szene zuzuschreiben sind. Es handelt sich um eine Kunstsprache, die sich zwar aus dem reichen Fundus an Kraftausdrücken und Redensarten speist, die deutsche Dialekte und Soziolekte so hergeben, aber größer als die Summe ihrer Elemente ist. Brandts Rizzo ist kein typischer Arbeiter, auch wenn das manchmal den Anschein hat. Wie er zwischen den unterschiedlichen Stilen hin und herspringt, auch schon einmal Weltliteratur und Philosophie zitiert, weist ihn durchaus als gebildeten Menschen aus, der sich allerdings nur wenig um Etikette schert. Seine Respektlosigkeit gegenüber anderen Kulturen, die Herablassung gegenüber Reichen und Gebildeten, mögen an die Standesdünkel und Borniertheit des Kleinbürgers erinnern, doch tritt Rizzo gegenüber allem und jedem gleichermaßen unverschämt auf: Es ist die Toleranz des Realisten, die aus ihm spricht.

Wenn er dem Ägypter auf die Frage nach seinem Namen entgegenschmettert, das gehe ihn einen Scheißdreck an, und auf dessen Auskunft, er heiße Achmed, erwidert, dass er auch wie ein solcher aussehe, dann hat das nichts mit dem Alltagsrassismus des Spießers zu tun. Die kreative Beleidgung ist vielmehr Rizzos bevorzugter Modus der Kommunikation und Einladung, es ihm gleichzutun, wozu sich die piekierten Schurken und effiminierten Weicheier, auf die er trifft, bzw. auf die Brandt ihn treffen lässt, jedoch meist zu fein sind. Betrachtet man seine Rhetorik vor dem Hintergrund seines Berufs, dann kann man sie auch als strategisches Mittel begreifen: Sie soll den Gegenüber aus der Reserve locken, ihn verunsichern und zu unüberlegter Handlung treiben. Rizzo ist wie sein amerikanischer Kollege Columbo ein Schauspieler, der die Wichtigkeit der Sprache erkannt hat und sie als sein zweitwichtigstes Instrument – neben seinen Fäusten – einsetzt.

So gesehen, ist PIEDONE D’EGITTO sehr erhellend und er liefert einige der besten Beispiele Brandt’scher Synchronkunst: Ein Krokodil wird als „gepanzerte Pflaume“ beschimpft, Rizzo brummelt kurz und sinnfrei „Alles nass jetzt!“, als er aus dem Nil steigt, den Palast eines Araberkönigs diffamiert er als „Schuppen im Messinglook“, zu Caputo sagt er, der sehe aus wie „Else, die Gehobelte“, und einen Lilliputaner beschimpft er mit „Klein-Detlef, der Gardinenschlitzer“. Es ließen sich zahlreiche weitere Sprüche aufzählen, die den Film zu einem großen Vergnügen machen. Der Spruch, wegen dessen ich mich an PIEDONE D’EGITTO erinnert habe, lautete übrigens: „Quatsch mal durch’n Sieb!“ Und das würde Rizzo angesichts meines ausufernden Sermons hier wahrscheinlich auch sagen.

Kommentare
  1. […] fahren und Funkgeräte bedienen. Ihm zur Seite steht der kleine Baldwyn Dakile, der in den beiden letzten PLATTFUSS-Filmen den Bodo gegeben hatte, Udo Jürgens Tochter Jenny, die kurz zuvor Schlagerherzen […]

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