the hurt locker (kathryn bigelow, usa 2008)

Veröffentlicht: Februar 28, 2011 in Film
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Team Bravo, eine US-amerikanische Bombenentschäfungseinheit in Bagdad, wartet auf das kurz bevorstehende Ende des Einsatzes, als der Einsatzleiter Staff Sergeant Matt Thompson (Guy Pearce) bei einer Explosion ums Leben kommt. Er wird ersetzt von Sergeant William James (Jeremy Renner), der seine Kameraden, Sergeant Sanborn (Anthony Mackie) und Eldridge (Brian Geraghty) mit seinen draufgängerischen Aktionen mehr als einmal in Gefahr bringt …

„Krieg ist eine Droge.“ behauptet THE HURT LOCKER zu Beginn per Schrifteinblendung und setzt in den folgenden 125 Minuten alles daran, den gezogenen Vergleich plausibel zu machen. Sein Protagonist Sergeant William James ist der Abhängige, der die Grenzerfahrung des Bombenentschärfens braucht, weil sie von vollkommener Klarheit ist: Leben oder Tod, mehr gibt es nicht. Am Ende, wenn man ihn nach seiner Heimkehr in einem Supermarkt beim Einkaufen mit seiner Familie sieht, er vor der riesigen Auswahl verschiedener Sorten Frühstücksflocken kapituliert, ahnt man, was er an seinem Job so schätzt – und man weiß, dass er seiner Aufgabe solange nachgehen wird, bis er einmal die falsche Entscheidung trifft, ihn die Bombe, die er entschärfen soll, zerreißt. Es ist ein Sterben auf Raten, das er vollzieht: In einer Schachtel (dem titelgebenden „hurt locker“) sammelt er Teile von Sprengsätzen, die er entschärft hat und die ihn daran erinnern, dass er hätte sterben können. Der Adrenalinschub, den er bei der Ausübung seiner Tätigkeit erfährt – und den Kathryn Bigelow in ihrer messerscharfen Inszenierung für den Zuschauer erfahrbar macht -, hält nicht lang vor, rettet ihn nur bis zum nächsten Einsatz, der eine weitere, noch tollkühnere Gratwanderung für ihn bedeutet. THE HURT LOCKER ist kein handelsüblicher Kriegsfilm und noch nicht einmal zwingend als Antikriegsfilm zu bezeichnen. Politik interessiert Bigelow in diesem Film gottseidank nur wenig. Es gibt keine der seit einigen Jahren so angesagten Selbstkasteiungen der USA, keinen plumpen Antiamerkanismus, keinen naiven Pazifismus, keine weinenden Witwen, keine langgezogenen Sterbeszenen, keine sinnlosen Heldentode, die mit den filmischen Mitteln der Emotionalisierung ausgewalzt würden. Gestorben wird in THE HURT LOCKER kurz und heftig, dann geht man wieder zur Tagesordnung über, weil man sonst selbst riskiert, draufzugehen. Krieg ist ein dreckiges Geschäft, das Menschen körperlich und seelisch zerstört, aber es ist ein seit Menschengedenken etabliertes Mittel der Kommunikation. Die Frage, die Bigelow viel mehr interessiert als letztlich müßige Erörterungen von Moral und Recht: Was treibt die Beteiligten an, sich an diesem Geschäft zu beteiligen? Und da findet sie Antworten, die wahrscheinlich viel erschütternder sind als alles Auswalzen von Leid oder das Breittreten von Grausamkeiten, die ja immer auch verkennen, dass es den „sauberen“ Krieg nun einmal nicht gibt. Krieg kann eine ziemlich überwältigende Erfahrung sein, eine, die alles in den Schatten stellt, und ironischerweise das normale Leben mit seinen banalen Handlungen und nichtigen Entscheidungen dagegen wie die Hölle erscheinen lässt. Diese Erkenntnis muss ich erst einmal verdauen.

Kommentare
  1. HomiSite sagt:

    Hatte den Film damals im Kino gesehen, weil er als „next big thing“ gehypet wurde. Die erste Hälfte (?) fand ich auch hervorragend – „messerscharfen Inszenierung“ und so -, hatte aber mit der zweiten Teil etwas Probleme, weil’s mir da irgendwie zu, äh, typisch dramatisch wurde. Vielleicht passt es dazu, dass der „süchtige“ Protagonist immer den nächsten, größeren Kick braucht und sich entsprechend auf diese etwas unrealistische Suche einlässt, aber ich dachte irgendwie: Okay, bleibt halt Hollywood.

  2. Oliver sagt:

    Sehe ich nicht so. Einer typischen Dramaturgie verweigert sich der Film doch: Es gibt keinen übergeordneten Konflikt, der gelöst werden müsste, eigentlich auch keine nennenswerte Steigerung, lediglich Auftrag nach Auftrag nach Auftrag. Natürlich gibt es einige Elemente, die man als Klischees des Kriegsfilm bezeichnen kann: den Naivling, der beim ersten echten Einsatz draufgeht, die Hauptfigur, die es erwischt, die Familie zu Hause, der nachgeweint wird. Aber das würde ich nicht zwingend als „Hollywood“ und also ökonomisch bedingt bezeichnen wollen, sondern eben als genreimmanent.

  3. HomiSite sagt:

    Gut, der Film setzt ja irgendwo ein und blendet schließlich aus, ohne Lösung oder Vorhandensein eines zentralen Konflinkt, „nur“ als Momentaufnahme. Ich empfand aber die ganze Sache mit der Suche nach dem Jungen als gewissen Ersatz dafür, als ob den Machern klar wurde, dass man ganz ohne typischen Spannungskonflikt nicht ankommt.

  4. Oliver sagt:

    Aber auch das war ja eher ein Schlaglicht als ein ausgearbeiteter Subplot. Für mich war das nicht, wie du andeutest, ein Angebot an den vom Rest des Films nicht genügend ins Boot geholten Zuschauer, sondern lag ganz auf der Linie des restlichen Films. Auch in dieser Episode wird weder geklärt, ob der Junge tot ist (die zur Bombe präparierte Leiche), der Soldat mithin verrückt, oder wo er sonst hin verschwunden sein könnte. Die ganze Geschichte könnte ja völlig belanglos sein.

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