Archiv für Februar, 2011

Der Fischer Mücke (Bud Spencer) läuft mit seinem Schiff in einem kleinen Hafen ein, nachdem es von einem U-Boot beschädigt wurde. Vor Ort liefern sich die dort stationierten US-Soldaten, angeführt vom großmäuligen Sergeant Kempfer (Raimund Harmstorf), und eine Gruppe kleinkrimineller italienischer Jugendlicher erbitterte Schlägereien. In einem Football-Match sollen die Fronten endgültig geklärt werden. Und Mücke, selbst ein ehemaliger Football-Profi, mit dem Kempfer noch eine offene Rechnung hat, nimmt sich des hoffnungslosen italienischen Haufens an …

Wer die letzte Ausgabe der Splatting Image und den dortigen Artikel „10 Lieblingsfilme“ gelesen hat, weiß bereits, welche innige Bindung ich zu SIE NANNTEN IHN MÜCKE, wie er hierzulande so wunderschön hieß, habe. Er dürfte zu den von mir mit Abstand am häufigsten gesehenen Filmen zählen und die Wiedersehen, die ich alle paar Jahre zelebriere, arten immer zu nostalgischen Exzessen zwischen ungebremster Ferkelsfreude und bleischwerer Melancholie aus. Es ist zwar ein schnöder Allgemeinplatz, aber das ändert nix daran, dass Filme wie SIE NANNTEN IHN MÜCKE heute einfach nicht mehr gemacht werden und dass das einfach nur schade ist. Das populäre italienische Kino ist schon lange tot und die Kinos, die vor 30 Jahren noch gute Erträge mit Bud-Spencer&Terence-Hill-Filmen feierten, gibt es auch nicht mehr. Fort sind sie, die Zeiten, in denen die De-Angelis-Brüder als „Oliver Onions“ mit ihren schmissigen Popsongs die Hitparaden stürmten und Filme gleichzeitig vollgestopft waren mit Schlägereien und Kraftausdrücken und dabei trotzdem so naiv und unschuldig. Im direkten Vergleich mit dem zuletzt gesehenen PIEDONE D’EGITTO, der allein wegen der Synchro von Rainer Brandt sehenswert war, ist LO CHIAMAVANO BULLDOZER tatsächlich ein schöner Film, der nicht erst durch die Berliner Schnodderschnauze gerettet werden muss. Bud Spencer hat eine seiner schönsten Rollen als in sich gekehrter Aussteiger, der dann doch über seinen Schatten springt. Mit Schlaghose, Strickpulli und Kapitänsmütze sieht er toll aus und die etwas ernstere und weniger geschwätzige Anlage seiner Rolle kommt ihm sehr entgegen. Überhaupt Spencer: Er mag schauspielerisch limitiert gewesen sein, aber ich behaupte, dass kein anderer diese Rolle besser hätte spielen können (kein Kunststück allerdings, sie wurde ihm ja auch auf den voluminösen Leib geschrieben). Das gilt auch für Raimund Harmstorf, der den stets kurz vor der Explosion stehenden Sergeant mit ebenso viel Herzblut spielt und auch gleich die Synchro besorgt hat: Sein kurzatmiger bellender Tonfall, der wohl auch einen Heriatsantrag noch wie einen Befehl klingen ließe, ist alles. Brandt hält sich demgegenüber eher zurück, stellt sich weitgehend in den Dienst des Films, ohne allerdings ganz auf seine unnachahmlichen Kreationen zu verzichten: Über eine Pistole sagt Mücke etwa: „Mit so einer Sargbegonie schießt man nicht nur Löcher in den Käse.“ Und Kempfer bezeichnet seinen weißen Schlagstock als „bleichen Migränestift“. Wirklich zu Herzen geht aber die fast kindliche Logik des Films, der seine klischierten Plotelemente in Rekordzeit abspult, dabei aber nicht herzlos ökonomisch, sondern regelrecht märchenhaft wirkt. Das ist wohl auch der Schlüssel zum Verständnis dieser Filme: Es sind Märchenfilme. Sie zeigen eine nicht rosarote, aber doch sehr einfache Welt, in der ein Fausthieb nicht einen Rattenschwanz an Problemen nach sich zieht, sondern alles auflösende Klarheit bringt. Das tut auch heute noch gut. Und vielleicht ist es besser, den Zeiten von Bud Spencer und Konsorten via DVD-Sichtung hinterherzutrauern, als sich vorzustellen dass jemand heute anträte, die klaffende Lücke zu füllen. Bis zum nächsten Mal, Mücke!

Öfter mal was Neues: Für die Filmgazette habe ich DIE TAUBE AUF DEM DACH rezensiert, der im vergangenen November auf DVD veröffentlicht worden ist, nachdem der Film eine mehr als dreißigjährige Odysse hinter sich gebracht hat. Für mich war es – peinlicherweise – der erste DEFA-Film, aber dafür auch ein guter Einstand, auf dem sich aufbauen lässt. Hier findet sich mein Text.

Ben Crandall (Ethan Hawke), ein Science-Fiction-begeisterter Junge, träumt nachts von einem rätselhaften Schaltbrett, das er für seinen Freund Wolfgang (River Phoenix), einen genialen Tüftler, aufzeichnet. Nachdem der das Brett gebaut und an einen Computer angeschlossen hat, entsteht eine transparente Kugel im Raum, die sich über Tastatur beliebig vergrößern und steuern lässt. Zusammen mit Darren (Jason Presson) bauen die Jungs aus Schrott ein Raumschiff, das sie mit der Kugel verbinden und dann darin eine Reise antreten, die sie tatsächlich ins Weltall führt, zu den Außerirdischen, die Ben den Traum geschickt haben …

Von den Filmen, die Joe Dante in den Achtzigerjahren gedreht hat, ist EXPLORERS wahrscheinlich der am wenigsten populäre. Zu Unrecht, wie ich meine, denn er fügt sich nicht nur nahtlos ins Werk des Science-Fiction- und Monsterfilm-besessenen Nerds ein, sondern dürfte darüber hinaus der warmherzigste und schönste Film sein, den er in jenem Jahrzehnt vorlegte. Es ist nur unschwer zu erkennen, dass Dante mit EXPLORERS seine eigenen Kinderträume verfilmte: Ben ist sein Alter ego, schläft nachts zu WAR OF THE WORLDS, verschlingt Science-Fiction-Filme und -Magazine und wünscht sich nichts sehnlicher, als die dort beschriebenen fremden Welten einmal selbst zu besuchen. Dante lädt seine Bilder auf mit dieser Sehnsucht: ob es der blassblaue Himmel ist, der die endlose, zahlreiche Geheimnisse bergende Weite verbildlicht, das zartgoldenen Licht der Sonne, das einen Schleier über die amerikanische Kleinstadt legt, der gelüftet werden will, oder die diese Stadt umgebenden Hügel, hinter denen unzählige weitere Welten liegen, die auf ihre Erkundung warten. Dass es für Ben, Wolfgang und Darren ins Weltall geht, ist nur die äußerste Konkretion dieser Sehnsucht: Sie wollen tatsächlich dahin gehen, wo nie jemand zuvor gewesen ist. Dahinter steht aber letztlich das kindliche Bedürfnis, den eignenen Platz in der Welt zu finden und sich selbst zu erfahren – und wie ginge das besser als im Kontakt mit dem buchstäblich Anderen, Fremden, den Außeriridischen? Die Reise ins All ist dann auch vor allem eine Reise zu den eigenen Wurzeln. Sie treffen auf ihre Spiegelbilder, zwei außerirdische Kinder, die wie sie neugierig waren, wer da draußen noch ist. Die Erde kennen sie aus dem Fernsehen, so wie die drei Helden die Aliens aus den Filmen kennen, und die Bilder erfüllen ihre Fantasie und ihre Träume. Das Träumen und das Streben ist in Dantes Vision keine conditio humana, sondern die treibende Kraft hinter allem Leben.

Joe Dantes Kino, das Populärkultur und ihre Errungenschaften feiert, nicht als Quell der Verdammnis begreift, sondern als immateriellen Gedächtnisort, an dem die Gesellschaft ihre Ängste und Wünsche verarbeitet und verhandelt, könnte kaum außergewöhnlicher sein. Man ist es gewöhnt, von wichtigtuerischen pseudogesellschaftskritischen Filmen auf Technik- und Medienpessimismus gepolt zu werden, sich immer und immer wieder erzählen zu lassen, dass der Fernsehapparat der Grund für alle unsere Probleme ist. Vielleicht war Dantes Zeit, waren die Achtzigerjahre tatsächlich unschuldiger, dass er zu dieser These gelangen konnte. Ich glaube das nicht. Wie Ben, der ins Weltall reist, ohne zu wissen, was ihn dort erwartet, im Vertrauen darauf, dass die Welt gut ist, hat sich Dante einfach seinen kindlichen Idealismus bewahrt. Das macht seine Filme so wunderbar und wertvoll.

Billy (Zach Galligan) und Kate (Phoebe Cates) haben ihrer Heimatstadt Kinston Falls den Rücken gekehrt und leben nun in Manhattan, wo sie für den milliardenschweren Unternehmer Clamp (John Glover) in dessen State-of-the-Art-Wolkenkratzer arbeiten. Als Zach in einem dort untergebrachten Labor für Genforschung den kleinen Gizmo wiederfindet, bahnt sich die Fortsetzung der Katastrophe aus dem ersten Teil an: Die einmal mutierten Gremlins legen in Kürze das komplette Gebäude lahm …

Teil 2 bietet dem Gesetz der Serie folgend spektakulärere Gremlin-Action, buntere Spezialeffekte und generell von allem mehr. Das ist ganz wertfrei betrachtet durchaus angemessen, weil es in Joe Dantes Sequel in erster Linie um menschliche Hybris und Eitelkeit, Eigenschaften die in New York, der Hauptstadt der buchstäblich zu den Sternen strebenden Megalomanie, natürlich ihre ideale Heimat finden. GREMLINS 2: THE NEW BATCH erinnert dann auch nicht nur von seinem Setting her, sondern auch in seinem Technikskeptizismus an die Katastrophenfilme der Siebzigerjahre, in denen wahlweise ein unsinkbares Kreuzfahrtschiff, ein unbrennbares Hochhaus, ein unabstürzbares Flugzeug oder eine unkaputtbare Metropole untergingen, abfackelten, abstürzten oder in sich zusammenfielen. Dante denkt die schon im Vorgänger enthaltene Kritik also konsequent zuende, engt den Zuschauer damit aber auch ein bisschen ein: Was vorher relativ unauffällig in die Handlung eingebettet war und lediglich ein kleines inhaltliches Detail ausmachte, dominiert das Sequel von Beginn an und drängt sich etwas eindimensional in  den Vordergrund. GREMLINS 2: THE NEW BATCH nimmt so über weite Strecken den Charakter einer Groteske an, die in der Zeichnung des mit unsinnigen und defekten technischen Hilfsmitteln vollgestopften und schlicht menschenfeindlichen High-Tech-Hochhauses wahlweise an Kafka, Cartoons oder Chaplins MODERN TIMES erinnert. Dies macht Dantes Film auf diskursiver Ebene interessanter als den Vorgänger, entrückt ihn aber auch der nostalgisch-emotionalen Erschließung, was beim ersten Teil so fantastisch funktioniert hatte. Dass Dante – ebenfalls in äußerster Konkretisierung seiner ja immer schon vorhandenen selbstreferenziellen Ansätze – die Barriere zum Zuschauer niederreißt und die Gremlins den Film selbst attackieren lässt, trägt ebenfalls zu dieser Entfremdung bei; eine schöne und vor dem Hintergrund der Charakterisierung der Gremlins als fleischgewordene Fehlerteufel völlig richtige Szene by the way, die mich damals schon im Kino begeistert hat, auf dem heimischen Bildschirm aber natürlich nicht ganz ihre Wirkung entfaltet. Eigentlich hatte Dante für die Videoauswertung seines Films extra eine entsprechend modifizierte Szene gedreht, aber auf der DVD findet sich nur das Kinooriginal. Schwamm drüber. Mir hat GREMLINS 2: THE NEW BATCH sehr gut gefallen, sogar besser, als ich ihn in Erinnerung hatte. Man muss die oben aufgezählten Punkte dann auch gar nicht als Kritik begreifen: Vom doch noch sehr Spielberg’schen Erstling hat sich Dante für sein Sequel einfach in eine andere Richtung entwickelt, die zwar schon Zeichen des heraufziehenden Jahrzehnts erkennen lässt, aber doch noch mehr Herz hat, als die Vertreter des nur noch Attraktionen anhäufenden Unterhaltungskinos, die ihm folgen sollten. Und Dante ist eigentlich eh immer ein Wiedersehen wert, wie ich dieser Tage erneut erfreut feststellen muss.

Ich schätze, eine Inhaltsangabe erübrigt sich hier, deshalb steige ich ohne langes Vorgeplänkel ein. GREMLINS habe ich, wie wahrscheinlich jeder, der in den Achtzigerjahren seine Kindheit und Jugend erlebt hat, etliche Male gesehen. An die Erstbegegnung kann ich mich noch gut erinnern: Ich war auf einem Kindergeburtstag eingeladen, auf dem die gemeinsame Sichtung des GREMLINS-Videos das unumstrittene Highlight darstellte. Weil wir für den Film alle noch zu jung waren (war GREMLINS auch damals schon erst ab 16 freigegeben?), forderte mich die Mutter des Geburtstagskindes auf, doch meine Eltern anzurufen und um Erlaubnis zu bitten. Das tat ich und meine Eltern erlaubten mir selbstverständlich, den Film zu gucken: Wahrscheinlich wollten sie ihrem Sohn auch die Schmach ersparen, für den Ausfall der von allen herbeigesehnten Vorführung verantwortlich zu sein. Dantes Film ist natürlich super angekommen: Wohl nicht zuletzt deshalb, weil jeder Junge insgeheim davon träumt, auch so einen kleinen Mogwai zu haben – und natürlich davon, sich auch mal so herrlich daneben benehmen zu können wie die Gremlins nach ihrer Metamorphose.

Dem erwachsenen Zuschauer offenbart sich das Treiben der kleinen Monster natürlich ungleich deutlicher als Zerrbild menschlich-nonkonformistischer Asozialität, was dem Film, der in einer prototypischen US-amerikanischen Kleinstadt-Spießeridylle angesiedelt ist, einen anarchisch-respektlosen Anstrich verleiht – die Punkfrisur des bösen Gremlin-Anführers spricht Bände. Darüber hinaus sind mir die für Dante so typischen Filmreferenzen bei dieser Sichtung besonders aufgefallen, zumal es sich nicht bloß um kleine Insidergags handelt, sondern ein richtiger Teppich aus ihnen gewoben wird. Das beginnt schon mit der Exposition, die im Stile eines Film Noirs in ein anachronistisch überformtes Chinatown führt, wo der Voice-over-Erzähler allerdings nicht auf ein besonders verkommenes Exemplar der Gattung Frau stößt, sondern eben auf einen chinesischen Trödelhändler, bei dem er den Mogwai erwirbt. Man muss schon arg blind sein, wenn einem nicht auffällt, dass alle Figuren des Films unentwegt vor der Glotze hängen – und auch wenn sie dort sicher auch von Dante geliebte Filme sehen, so ganz gesund kann dieser Dauerkonsum nicht sein. Es ist wohl wie mit den technischen Geräten, die den von den Gremlins sabotiert werden oder aber von allein den Geist aufgeben (am prominentesten sicherlich die beknackten Erfindungen des Vaters) : So lange man sich nicht in totale Abhängigkeit von diesem Schnickschnack begibt, ist alles in Ordnung. Und dass die Vorführung von Disneys SNOW WHITE AND THE SEVEN DWARVES die Vorentscheidung zugunsten der menschlichen Bevölkerung von Kleinspießersdorf bringt, rückt alles wieder gerade. Ein schöner Film, immer noch. Unglaublich, dass der fast 30 Jahre alt ist …

Ich hatte ja anlässlich meines Kinobesuchs schon im vergangenen Jahr einen Text zu THE EXPENDABLES verfasst, (fast) pünktlich zur DVD-Veröffentlichung gibt es nun auf F.LM – Texte zum Film eine echte Rezension von mir. So viel vorab: Der Film gefällt mir immer noch, einige Kritikpunkte konnten sogar noch etwas revidiert werden.

„Fist“ Sullivan (Sam Jones) arbeitet als Geldeintreiber und Schaukämpfer für die Familie von Mafiaboss Dino Diamond (Harry Guardino). Der hat soeben mit der Malucci-Familie einen trügerischen Friedenspakt geschlossen, um deren Anführer Victor Malucci (Abe Vigoda) in Sicheheit zu wiegen. Als sich die Gelegenheit bietet, ihn auszuschalten, schlägt Diamond eiskalt zu und schiebt den Mord Sullivan in die Schuhe …

Mit FIST OF HONOR versuchten sich die Köpfe der für krachige, gut aussehende DTV-Action bürgenden Produktionsgesellschaft PM Entertainment, Richard Pepin und Joseph Merhi, an einem etwas zurückgenommeren Mafia- und Rachefilm. Dieser Versuch ist jedoch nur bedingt als erfolgreich zu bewerten: Zwar gelingt es Pepin überraschend gut, die für das Mafiasujet angemessenen Bildwelten zu malen, wobei nicht zuletzt das tolle Mafia-Casting eine entscheidende Rolle spielt, doch bekommt er seinen Stoff erzählerisch nicht in den Griff. Es dauert eine gute Stunde, bevor sich überhaupt ein Plot herauskristallisiert, bis dahin gestaltet sich FIST OF HONOR als Aneinanderreihung mehr oder weniger zielloser Episoden, die mal den Konkurrenzkampf der Familien, mal Sullivan und seine Aufträge, mal sein Privatleben zum Inhalt haben. Die Besetzung Sullivans mit Sam Jones ist die höchste Hürde, die man zu nehmen hat, will man FIST OF HONOR etwas abgewinnen: Der grobe, eh nur wenig charmante und hier noch mit einem GI-Bürstenhaarschnitt gestrafte Jones, müht sich redlich, den Sympathieträger zu geben, doch sieht man immer nur den unbeweglichen Proleten, der sein Geld damit verdient, Leute zu vermöbeln, und trotzdem versucht als cooler Kumpel – etwa des Teenie-Nachbarmädchens – wahrgenommen zu werden. Im Grunde ist er nicht schlecht für die Rolle: Geldeintreiber wird man wohl kaum für seine zwischenmenschlichen Fähigkeiten oder wegen der sozialen Kompetenz und eine gewisse Grunddummheit ist wohl ebenfalls nötig, ein Engagement bei der Mafia niemals kritisch zu hinterfragen – vor allem, wenn man dem Chef die Freundin ausgespannt hat –, aber das ändert eben nichts daran, dass er als Identifikationsfigur schlichtweg ungeeignet ist. Das größte Manko des Films ist aber wahrscheinlich, dass das, worum es in FIST OF HONOR eigentlich hauptsächlich gehen sollte, nämlich die Rache Sullivans, in lausigen 20 Minuten abgesfrühstückt wird. Bemerkenswert ist Pepins Film in erster Linie für das überraschend niedrige Aggressionspotenzial des Helden: Als der den Mörder seine Freundin in die Finger kriegt, begnügt er sich damit, diesen durch eine Scheibe zu werfen. Das geht in anderen Filmen als Liebesbekundung durch!

Der Ninja Yuen-Wu (Hiroyuki Sanada) wird seinem Clan untreu, um in China den Mörder seines Vater ausfindig zu machen. Der vermeintliche Übeltäter führt ein beschauliches Dasein als Spiegelmacher und Onkel des großmäuligen Kampfsportlers Jay (Conan Lee), der selbst keinem Kampf aus dem Weg geht. Die Wege Jays und Yuen-Wus kreuzen sich schließlich …

Im selben Jahr wie der zuletzt gesehene FIVE ELEMENT NINJAS entstanden, könnte NINJA IN THE DRAGON’S DEN kaum weiter von diesem entfernt sein. Kein Wunder: Chang Cheh war 1982 schon seit über 20 Jahren als Regisseur tätig, hatte in dieser Zeit über 80 Filme inszeniert und den hongkong-chinesischen Kung-Fu-Film ganz entscheidend geprägt, während der gerade 31-jährige Corey Yuen sein Regiedebüt eben erst hinter sich gebracht hatte. Man sieht in seinem Film also schon das kommende, kommerziell und künstlerisch so erfolg- und einflussreiche Jahrzehnt des Hongkong-Kinos heraufziehen: Beschwingte Disco-Beats treiben den von einer Attraktion zur nächsten springenden Film an, Slapstick-Sequenzen wechseln sich mit halsbrecherischen Martial-Arts-Choreografien ab, innovative Kamera- und Schnitttechniken erhöhen das Tempo noch weiter. Auch inhaltlich bedeutet NINJA IN THE DRAGON’S DEN eine Abkehr von den Schwertkämpfer- und Kung-Fu-Epen Chang Chehs, in denen dieser einen wehmütigen Blick zurück auf eine Zeit warf, in der das Wort eines Mannes noch zählte und der Erhalt der Ehre alles war, auch wenn das auf Kosten des eigenen Lebens ging. Bei Corey Yuen sieht man das Dasein weniger streng und so kann auch der Schulterschluss zwischen dem Chinesen und dem Japaner geprobt werden, was wenige Jahre vorher noch undenkbar gewesen wäre.

NINJA IN THE DRAGON’S DEN ist neben seiner historischen Bedeutung vor allem für seine Stunts und Kampfchoreografien sehenswert – der Humor ist wie immer bei Hongkong-Filmen Geschmackssache. Ich mag ihn für seine ungebremste Naivität und selbstvergessene Albernheit, die sich einen Scheißdreck um Kategorien wie Coolness schert, mittlerweile sehr gern, habe dafür aber durchaus einige Zeit gebraucht. Yuens Zweitwerk ist relativ populär, erlebte Mitte der Achtzigerjahre sogar eine deutsche Veröffentlichung unter dem sich damals wohl aufdrängenden Titel NINJA KOMMANDO und lief auch mal im Fernsehen, wo ich ihn als Teenie auszugsweise sah, ohne zu wissen, um welchen Film es sich handelte. Viele Jahre später war ich dann sehr verdutzt, als ich die feine Hongkong-Legends-DVD aus den Niederlanden einlegte und unverhofft mit einem längst vergessenen Bekannten konfrontiert wurde.

Nach der sportlichen Auseinandersetzung zweier verfeindeter Kampfsportschulen  beauftragen die Verlierer einen japanischen Ninja-Clan, um sich zu rächen. Die Ninjas beherrschen die mysteriöse „Five Elements Formation“, der die besten Kämpfer ihres Gegner schnell zum Opfer fallen, ihre Schule damit dem folgenden Großangriff der Ninjas schutzlos ausliefern. Nur Shao Tien-hao (Tien Chi-cheng) kann entkommen und sucht seinen alten Meister auf, der ihn in der Kunst des Ninjitsu unterweisen soll, damit er die „Five Element Ninjas“ besiegen kann …

Von der Düsternis und Melancholie seiner Filme aus den Sechziger- und Siebzigerjahren ist in Chang Chehs kultisch verehrtem Ninjafilm nicht mehr viel zu spüren. Ganz im Stile von Filmen seines Spätwerks wie FIVE DEADLY VENOMS oder CRIPPLED AVENGERS bildet nicht mehr länger das einst bestimmende Schwertkämpfer-Ethos den erzählerischen Mittelpunkt, sondern vielmehr das lustvolle und überschwängliche Fabulieren, die Anhäufung poppigbunter Kostüme, bizarrer Kampfstile und greller Bluteffekte. FIVE ELEMENT NINJAS ist tatsächlich kaum mehr als eine Aneinanderreihung von langen Kampf- und Actionsequenzen, die nicht mehr länger auf realistischem Boden fußen, sondern dem Reich der Fantasie entspringen. Bemüht sich Chang Cheh auch, mithilfe von Schrifteinblendungen den Eindruck einer historisch faktengetreuen Annäherung an die Ninjafigur aufrechtzuerhalten, so lässt er in den Szenen um die Five Elements Formation – die Ninjas treten gegen ihre Kontrahenten in „Levels“ an, deren Thema von jeweils einem der Elemente Metall, Holz, Wasser, Feuer, Erde inspiriert ist – jeden Realismus fahren. Die Metall-Ninjas kämpfen mit goldenen Helmen, die ihnen sowohl als Schilder und Waffen als auch als Reflektoren dienen, mit denen sie die Gegner blenden, die Holz-Ninjas verkleiden sich als Bäume, die Wasser-Ninjas greifen aus einem Teich heraus an, die rotgewandeten Feuerninjas arbeiten mit Rauchbombem und brennenden Pfeilen und die Erd-Ninjas schließlich graben sich ein und aus. Es ist wohl zwingend notwendig, sich eine gewisse Kindlichkeit bewahrt zu haben, um FIVE ELEMENT NINJAS schätzen zu können, dann allerdings ist er ein wahres Fest für Augen, Herz und Geist. Die eindimensionalen Charaktere, denen man ihre simplen Gemütsregungen – Wut, Trauer und Freude – am Gesicht ablesen kann, ebnen den Weg für einen Film, der in seiner moralischen Eindeutigkeit an alte Volksmärchen erinnert und so umweglos zum Ziel gelangt. Alles findet unmittelbaren Niederschlag in den herrlich klaren Bildern, die von den traumhaft detailverliebten Kostümen und Studiosettings leben, für die man die Filme der Shaw Brothers so liebt. FIVE ELEMENTS NINJAS ist kein Film, der lange Exegese und Analyse benötigte oder dadurch reicher würde: Er ist pure in Bilder gepresste Lust. Und das Kind im Manne, das gestern mit leuchtenden Augen vor dem Fernseher saß, wird in diesem Jahr sehr wahrscheinlich nicht mehr besser bedient werden als von Chang Cheh.

Man ist es als auch abseits ausgetretener Pfade suchender Filmseher gewohnt, allerlei krudes Zeug zu finden, das einem deutlich macht, wie eindimensional und auch singulär das Kino ist, das man aus Fernsehen, Kino und Videothek kennt. Philippinische Söldnerfilme, türkische Superheldenepen, bizarrer Trash aus den Sechzigerjahren, nigerianischer Horror: Man schaut diese Filme, weil man weiß, dass man etwas bekommt, das es nirgendwo anders gibt. Aber nach einiger Zeit merkt man: Die dort vorgefundene Craziness ist einfach nur eine andere Normalität. Anders verhält es sich aber mit einem Film wie GYMKATA: Von Robert Clouse inszeniert, dessen 1973 entstandener ENTER THE DRAGON entscheidend verantwortlich für den Martial-Arts- und Kung-Fu-Film-Boom der Siebzigerjahre war, und von MGM produziert, ist GYMKATA ein im Schoße des Mainstream entstandener Actionfilm, wie er auch im exotischen Mikronesien nicht bizarrer und bescheuerter hätte ausfallen können.

Der Turner Jonathan Cabot (Turnweltmeister Kurt Thomas) erhält von der US-amerikanischen Regierung einen Spezialauftrag: Er soll in die Zwergnation Parmistan am Hindukusch einreisen, dort am traditionellen „Game“ mitwirken, dem sich alle Immigranten stellen müssen, um bleiben und außerdem am Ende einen Wunsch äußern zu dürfen. Cabots Wunsch soll die Erlaubnis zur Stationierung von Bodenabwehrstationen des US-amerikanischen Star-Wars-Programms erwirken. Es gibt nur ein Problem: Seit 900 Jahren hat kein Teilnehmer das „Game“ bestanden – und jedem Verlierer winkt der Tod …

Diese bescheuerte Story wirft ja schon einmal etliche Fragen auf: Warum müssen die Amerikaner ihre Technologie unbedingt in Parmistan stationieren? Warum gehen sie den Umweg über die Teilnahme an einem Spiel, wenn die Erfolgsaussichten doch als ausgesprochen gering angesehen werden müssen, anstatt den diplomatischen oder militärischen Weg zu gehen? Warum wählen sie ausgerechnet einen Turner aus, der dann erst noch zum Martial-Artisten ausgebildet werden muss, anstatt gleich einen solchen anzuwerben? Der Film beantwortet diese Frage schon in seiner Tagline: „The Skill of Gymnastics, the Kill of Karate!“ Ja, der Logik des Films zufolge, ist ein karatekämpfender Turner besser als ein Karatekämpfer. No shit! Aber woher wissen die Amis überhaupt, dass sie einen Kämpfer brauchen, wenn doch noch nie jemand überlebt hat, um vom Wesen des berüchtigten „Game“ zu berichten? Nach allem, was die Amerikaner wissen, könnte es sich dabei ebenso gut um ein Wissensquiz, ein Schachspiel, Topfschlagen oder Wettessen handeln. Aber selbst, wenn sie annehmen, es setze Zweikampfkünste voraus: Warum muss Cabot dann lernen, auf Händen die Treppe hochzulaufen? (Die verblüffende Antwort: Damit man mehrere Draufsichten auf seine beturnhosten Eier unterbringen kann.) Zugegebenermaßen sind solche Logikfragen immer etwas kleinlich, aber man stimme mir bitte darin zu, dass vom Zuschauer hier etwas zu viel Suspension of Disbelief verlangt wird.

Weiter im Text: Cabot willigt ein – auch, weil bereits sein Vater dem „Game“ zum Opfer fiel. Wie unwahrscheinlich ist DAS bitte? Man muss doch eine seltene vererbbare Geisteskrankheit annehmen, wenn die Vertreter zweier aufeinander folgender Generationen einer Familie nichts Besseres mit ihrem Leben anzufangen wissen, als sich in einer Dritte-Welt-Nation am Hindukusch einem aussichtslosen Wettbewerb zu stellen. Das Überraschende an GYMKATA ist, dass er diesen Wahnsinn bis zum Ende durchhält. Das „Game“ entpuppt sich als Menschenjagd-Spiel, bei dem die Kandidaten durch einen reichlich anspruchslosen Hinderniskurs gehetzt werden, auf dem Ninjas als Fahnenstangen und Wegweisern platziert sind. Jaja, Ninjas: Die werden zwar nicht explizit so bezeichnet, sind mit ihren schwarzen Tarnanzügen aber eindeutig als solche zu identifizieren – auch wenn sie kaum ihren einzigartigen Talenten nachgehen dürfen. Der oberböse Jäger ist Zamir (Richard Norton in seinem charakteristischen Look mit Vollbart und Nackenspoiler), der in dieser Funktion auch Cabots Papa ermordete und außerdem auch dessen Love Interest, Prinzessin Rubali, ehelichen soll. In Actionfilmkonventionen gedacht, qualifiziert ihn das gleichzeitig zur dreifach lebenslänglichen Haftstrafe, zur Vierteilung, Enthauptung und Kastration, ewigen Verdammnis und öffentlicher Bloßstellung: Er bettelt förmlich um seine Hinrichtung durch den Helden. Die kommt dann auch, weil Cabot dank seiner Gymkata-Kampfkunst unbesiegbar ist: Und das ist dann wirklich der Gipfel des Films. Sein bevorzugter Move ist ein aus dem Stand gesprungener Salto mit einfacher Schraube, den er benutzt, um seinen Feinden auf den Kopf zu springen. Aber die Parmistanis – sämtlichst mittelalte Bauern mit Fellmützen und faulen Zähnen – bauen ihm förmlich goldene Brücken: Im letzten „Level“ des „Game“ muss Cabot durch eine alte Irrenanstalt, deren aufgebrachte Insassen ein wenig an die Mobs aus alten Universal-Filmen erinnert. Dort steht – aus unerfindlichen Gründen – dieses Turngerät herum, das man Pferd nennt und das Cabot nun für eine Turnerroutine nutzt, bei der die Irren bevorzugt mit ihren Gesichtern in seine herumwirblenden Füße rennen, anstatt ihn mit ihren Mistgabeln einfach runterzupieksen.

Ich schließe den Text jetzt, weil der Irrsinn namens GYMKATA nicht zu fassen ist. Ich empfehle jedem meiner Leser, diese unerklärliche Mischung schlechter Einfälle und mieser Umsetzung, US-amerikanischer Herablassung und rassistischer Klischees, schlechtem Schauspiel und katastrophaler Inszenierung ausfindig zu machen (es gibt eine US-DVD) und sich davon zu überzeugen, dass GYMKATA einer der bizarrsten Filme ist, die das Studiosystem jemals hervorgebracht hat. Ein Erlebnis.