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matinee (joe dante, usa 1993)

Veröffentlicht: Februar 21, 2011 in Film
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1962: Während die Kubakrise sich zum Dritten Weltkrieg auszuweiten droht, fiebern ein paar Kinder auf Key West dem Besuch Lawrence Woolseys (John Goodman) entgegen, einem berühmten Horrorfilmregisseur, der im örtlichen Kino die effektgespickte Aufführung seines neuen Films „Mant“ überwachen soll. Unter den Kindern ist auch Gene (Simon Fenton), ein echter Filmnerd, dessen Vater als Navy-Soldat aktiv an der Seeblockade teilnimmt. Bei der heiß ersehnten Vorführung des Schockers um einen Mann, der unter dem Einfluss radioaktiver Strahlung zur Riesenameise mutiert, kommt es schließlich zur Massenpanik, weil die Zuschauer Woolseys Gimmicks als Wirkung einer Atombombenexplosion interpretieren …

MATINEE kann man nach dem doch etwas ausufernden GREMLINS 2: THE NEW BATCH durchaus als inszenatorisches Heilfasten von Regisseur Dante beschreiben. Statt eines wilden, gaggespickten Effektfeuerwerks um kleine Knuddelmonster wirft er mit MATINEE einen sehr persönlich geprägten Blick zurück in die Vergangenheit und auf eine kurze aber dramatische Phase, in der die Zerstörung der Welt plötzlich kein Science-Fiction-Stoff mehr war, sondern ein ganz realistisches Szenario. Man kann sich das als jemand, der damals noch nicht lebte, kaum vorstellen und Dante tut gut daran, sich bei der Wahl der Mittel zur Horizontannäherung  zurückzunehmen. Es gibt keine pathetischen Monologe und Selbstoffenbarungen der Protagonisten, vielmehr sind es die schmerzhafte Abwesenheit des Vaters, die wie eine Wunde klafft, der Blick Genes, der für seinen kleinen Bruder irgendwie die Contenance bewahren muss, obwohl er fast starr vor Angst ist, die stets präsenten Radio- und Nachrichtenmeldungen und die bemitleidenswerten Versuche der Menschen, in einem Moment totaler innerer Auflösung irgendwie die Ordnung zu wahren, die den empathiebegabten Betrachter in die Lage versetzen, das Gefühl, das sich damals tief in den Magengruben eingenistet hatte, nachzuvollziehen. Aber MATINEE ist als Joe-Dante-Film natürlich auch und vor allem ein Film über das Kino ganz allgemein, die gesellschaftliche Relevanz von Horrorfilmen und die kathartische Erfahrung des kollektiven Kinobesuchs im Besonderen. Lawrence Woolsey – der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass er von der B-Movie-Legende William Castle inspiriert ist – bietet mit seinen Filmen aber längst nicht nur die oft herbeizitierte Möglichkeit, der tristen Realität zu entfliehen, diese Einschätzung greift nämlich viel zu kurz: Er gibt den realen Ängsten überhaupt erst eine Gestalt und erlaubt es seinen Zuschauern so, diese auszuleben. Die Atombombe, an die alle Besucher von „Mant“ denken, und die Explosion, die sie auslöst, sind abstrakte Gebilde, körperlose und deshalb nicht greifbare Vorstellungen, mit denen sich kaum produktiv umgehen lässt. Der Ameisenmann hingegen lauert nicht nur auf der Leinwand, er läuft in den Inszenierungen Woolseys auch im Kinosaal herum: Man kann ihn an- und wegschreien, anfassen und wenn man will sogar verprügeln. Dass die Vorführung von „Mant“ fast selbst zur Katastrophe ausartet, ist zwar nicht beabsichtigt, spielt Woolsey aber trotzdem in die Karten; den Kids, die sich den Weltuntergang gar nicht vorstellen können, hat er einen Testlauf ermöglicht.

MATINEE markiert in Dantes Schaffen wohl so etwas wie den Scheitelpunkt seiner Laufbahn. Auf GREMLINS 2: THE NEW BATCH noch einen draufzusetzen, wäre für ihn wohl kaum noch befriedigend gewesen, die Entscheidung, einen Film über die Filme zu drehen, die er so liebt und denen er in jedem seiner Filme Tribut zollte, war mithin goldrichtig. Aber MATINEE ist eben leider nicht aus dem Stoff, mit dem sich die Massen mobilisieren lassen, und unterbrach somit eine eindrucksvolle Reihe von künstlerisch wie auch finanziell erfolgreichen Filmen. Die Rückkehr zum bunten Genrekino mit SMALL SOLDIERS konnte die Talfahrt von Joe Dante danach nicht mehr aufhalten. Auch wenn MATINEE vielleicht der ideale Film gewesen wäre, eine dem B-Film und Exploitationkino gewidmete Karriere zu beenden, hoffe ich, dass Joe Dante dem Kino noch eine Weile erhalten bleibt und sich die Leute vielleicht wieder daran erinnern, warum sie in den Achtzigerjahren in Schare in seine Filme gerannt sind: nicht für die knuffigen Gremlins, sondern für das, was diese Gremlins ihnen zu verstehen halfen.

Der böse Comora (Charles Comyn) engagiert den Sauf-und-Raufbold Butch Donovan (Jim Mitchum), um ein Flugzeug voller deutscher Touristen ans tropische Reiseziel zu bringen. Eigentlich jedoch will er seine Versicherung betrügen und hat zu diesem Zweck die Ölleitung der Propellermaschine sabotiert. Butch kann die Maschine jedoch auf einer einsamen Insel landen, die von zahlreichen hilfsbereiten Tieren bevölkert wird. Als Comora einen Funkspruch der Überlebenden auffängt, schickt er seine Schergen, damit sie endgültig aufräumen …

Ebenfalls aus der Kategorie „Filme, die ich als Kind rauf und runter, jetzt aber schon ewig nicht mehr gesehen habe“: Die vom deutschen Allround-Regiehandwerker Harald Reinl inszenierte und mit zahlreichen deutschen Fernsehstars gespickte Komödie IM DSCHUNGEL IST DER TEUFEL LOS. Der Film ist deutlich als Event aufgezogen mit seinen zahlreichen Anleihen bei Besserem und Größerem, zeigt aber schon die Auflösungserscheinungen, die die deutsche Komödie alter Prägung, ein in den vorangegangenen Jahrzehnten noch sehr veritables Genre, in den Achtzigerjahren trotz solcher Erfolge wie DIE SUPERNASEN oder OTTO – DER FILM an ihren vorläufigen Endpunkt führte. In Reinls Film soll der reichlich abgehalfterte Sohn des Hollywood-Superstars Robert Mitchum wohl für etwas internationales Format sorgen, hat aber nur eine schmierige Plauze und einen Dreitagebart sowie das vom Papa geerbte Antlitz vorzuweisen. Ich vermute, seine Bezahlung bestand in den Schnapspullen, an denen er den ganzen Film über nuckelt. Er gibt den Helden alter Prägung, wie er aus dem Kino vollkommen verschwunden ist, ein ehrliches, verschwitztes, meist betrunkenes Raubein, das nicht viel im Kopf hat, dafür aber umso mehr in den Fäusten, darüber hinaus ein großes Herz und alles kann, was ein Mann so können muss: Flugzeuge fliegen, mit dem Schießgerwehr rumballern, Jeep fahren und Funkgeräte bedienen. Ihm zur Seite steht der kleine Baldwyn Dakile, der in den beiden letzten PLATTFUSS-Filmen den Bodo gegeben hatte, Udo Jürgens Tochter Jenny, die kurz zuvor Schlagerherzen mit dem zusammen mit dem Papa eingeheulten Duett „Liebe ohne Leiden“ hatte höher schlagen lassen, darf das Gspusi von Teeniestar Tommy Ohrner spielen und mal kurz im dekorativen Bikini durchs Fototapeten-Strandsetting laufen, Alexander Grill, bekannt aus zahllosen LEDERHOSEN-Filmen und Softerotik-Lustspielen der Siebzigerjahre, ist das unverzichtbare Comic Relief, das beständig in Wasserlöcher fällt oder nassgespritzt wird, Klaus Havenstein ist für den Running Gag des Films zuständig – er spielt einen Schweizer, der immer wieder behauptet: „Mit der SwissAir wäre das nicht passiert“ –, und Werner Pochath gibt den skrupellosen Bösewicht, auf den er halt abonniert war.

Die echten Stars des Films sind aber eine ganzes Rudel Löwen, der obligatorische lustige Schimpanse, ohne den der deutsche Film wohl schon zehn Jahre zuvor in den Bankrott gegangen wäre, ein in einem Wasserloch wohnender Seelöwe (!), Panther, Tiger, Elefanten, Nashörner und anderes Getier, das den Film wohl in die Nähe des zur selben Zeit mit viel Tamtam an den Kinokassen versumpften Hollywood-Gimmickfilm ROAR rücken soll. Ein super frisiertes und immer wie frisch aus dem Beauty-Salon gekommen aussehendes Eingeborenenmädel ist auch noch mit dabei und fertig ist die versalzene Suppe, die man heute nur noch mit Kopfschütteln bestaunen kann, dann aber unangerührt zurückgehen lassen sollte. IM DSCHUNGEL IST DER TEUFEL LOS ist wirklich nur im Vollrausch zu ertragen oder dann, wenn eh alles schon egal ist. Als Absacker nach einem bierschweren Tag war er dann auch ideal. Ein schönes Wiedersehen zwar, aber eines, dass mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Einzelfall bleiben wird.

king kongDie Änderungen zum Original: Der Schurke ist Fred Wilson (Charles Grodin), der auf der Hemaitinsel des Riesenaffen Erdöl vermutet, die Heldenrolle fällt Jack Prescott (Jeff Bridges) zu, der Böses ahnt und den Landgang als blinder Passagier verhindern will, Jessica Lange ist Dwan, eine schiffbrüchige Schauspielerin, in die sich der arme Affe verliebt, das Empire State Building wird gespielt vom World Trade Center und Kong ist keine Stop-Motion-Animation mehr, sondern ein schnöder Mann im Affenkostüm.

Für mich mit ähnlich viel Erinnerungen aufgeladen wie LO CHIAMAVANO BULLDOZER ist KING KONG im kollektiven Gedächtnis vor allem als megalomanischer Trash und einer von vielen De-Laurentiis-Flops verankert. Bislang – die letzte Sichtung ist lange her – konnte ich die Häme, die über ihm ausgeschüttet wird, nicht so ganz nachvollziehen: Für mich war KING KONG immer ein großer, aufwändiger Hollywood-Film, der zudem mit einem wirklich herzzerreißenden Affentod aufwarten konnte. Nun, diese Wahrnehmung würde ich heute weitestgehend kindlicher Verblendung zuschreiben, denn Guillermins Event-Remake ist tatsächlich wenig mehr als teurer Schund. Klar, das ist alles mit großer Geste inszeniert und John Barrys schwelgerischer Score tut seinen Teil, KING KONG zu dem Großereignis aufzublasen, das er sein soll, aber das verstärkt nur den Eindruck, es mit mit viel Geld auf Hochglanz poliertem Käse zu tun zu haben. Die Fettnäpfchen im Einzelnen: Debütantin Jessica Lange sieht zwar super aus, kann ihrer als oberflächlich-hohlbirnigem Starlet gezeichneten Dwan aber überhaupt keine menschlichen Fassetten abringen. Ein Riesenaffe scheint tatsächlich ihr idealer Partner, dennoch bleibt die Liebesbeziehung zwischen beiden reine Behauptung, was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass das Drehbuch den zentralen Handlungsstrang – Jack muss Dwan aus Kongs Händen befreien – auf wenige Minuten runterkürzt. Die Entscheidung, Kong am Ende nicht aufs Empire State Building, sondern auf das WTC klettern zu lassen, ist ja nur folgerichtig, der Effekt verpufft aber wirkungslos, weil sich kein einziger Mensch in Manhattan aufzuhalten scheint. Panik? Fehlanzeige. Den finalen Sargnagel bedeuten aber die Special Effects, für die tatsächlich ein Oscar vergeben wurde, damit sämtlichen japanischen Godzilla-Kostüm-Herstellern ins Gesicht spuckend, und die die schöneren Einfälle des Film ein ums andere Mal sabotieren. Zwar ist das Affengesicht schön animiert worden, aber das ändert nix daran, dass ein Schauspieler, der im Jahre 1976 im Affenkostüm vor einem Bluescreen oder aber in Minaturkulissen rumlatscht, die Effektkunst nicht zu neuen Ufern treibt, sondern diese um ein bis zwei Jahrzehnte zurückwirft. Der interessanteste inhaltliche Aspekt scheint mir die Unentschlossenheit des Aktivisten Jack, der sich einerseits für den Erhalt der Umwelt und fremder Kulturen einsetzt, aber dennoch nicht unbeteiligt bleiben will, wenn Geschichte geschrieben und die entsprechenden Tantiemen vergeben werden. So wie das im fertigen Film abgehandelt wird, scheint es aber eher ein Unfall als Absicht zu sein.

Ich will  trotzdem nicht allzu viel meckern: KING KONG ist recht bunte Sonntagnachmittag-Unterhaltung, die mit entsprechend nostalgischem Background für 120 kurzweilige und mit unfreiwilligem Humor gespickte Minuten sorgt und als Musterbeispiel menschlicher Hybris eh unumgänglich ist. Er zeigt zudem sehr anschaulich, wogegen sich die Protagonisten des 1976 schon wieder auf dem absteigenden Ast befindlichen New-Hollywood-Kinos eigentlich positioniert hatten: gegen dummdreiste und unkreative, aber mit viel Finanzpower hochgetunte Popanze wie diesen hier. Ein Riesenaffe von einem Film, ideed.

Der Fischer Mücke (Bud Spencer) läuft mit seinem Schiff in einem kleinen Hafen ein, nachdem es von einem U-Boot beschädigt wurde. Vor Ort liefern sich die dort stationierten US-Soldaten, angeführt vom großmäuligen Sergeant Kempfer (Raimund Harmstorf), und eine Gruppe kleinkrimineller italienischer Jugendlicher erbitterte Schlägereien. In einem Football-Match sollen die Fronten endgültig geklärt werden. Und Mücke, selbst ein ehemaliger Football-Profi, mit dem Kempfer noch eine offene Rechnung hat, nimmt sich des hoffnungslosen italienischen Haufens an …

Wer die letzte Ausgabe der Splatting Image und den dortigen Artikel „10 Lieblingsfilme“ gelesen hat, weiß bereits, welche innige Bindung ich zu SIE NANNTEN IHN MÜCKE, wie er hierzulande so wunderschön hieß, habe. Er dürfte zu den von mir mit Abstand am häufigsten gesehenen Filmen zählen und die Wiedersehen, die ich alle paar Jahre zelebriere, arten immer zu nostalgischen Exzessen zwischen ungebremster Ferkelsfreude und bleischwerer Melancholie aus. Es ist zwar ein schnöder Allgemeinplatz, aber das ändert nix daran, dass Filme wie SIE NANNTEN IHN MÜCKE heute einfach nicht mehr gemacht werden und dass das einfach nur schade ist. Das populäre italienische Kino ist schon lange tot und die Kinos, die vor 30 Jahren noch gute Erträge mit Bud-Spencer&Terence-Hill-Filmen feierten, gibt es auch nicht mehr. Fort sind sie, die Zeiten, in denen die De-Angelis-Brüder als „Oliver Onions“ mit ihren schmissigen Popsongs die Hitparaden stürmten und Filme gleichzeitig vollgestopft waren mit Schlägereien und Kraftausdrücken und dabei trotzdem so naiv und unschuldig. Im direkten Vergleich mit dem zuletzt gesehenen PIEDONE D’EGITTO, der allein wegen der Synchro von Rainer Brandt sehenswert war, ist LO CHIAMAVANO BULLDOZER tatsächlich ein schöner Film, der nicht erst durch die Berliner Schnodderschnauze gerettet werden muss. Bud Spencer hat eine seiner schönsten Rollen als in sich gekehrter Aussteiger, der dann doch über seinen Schatten springt. Mit Schlaghose, Strickpulli und Kapitänsmütze sieht er toll aus und die etwas ernstere und weniger geschwätzige Anlage seiner Rolle kommt ihm sehr entgegen. Überhaupt Spencer: Er mag schauspielerisch limitiert gewesen sein, aber ich behaupte, dass kein anderer diese Rolle besser hätte spielen können (kein Kunststück allerdings, sie wurde ihm ja auch auf den voluminösen Leib geschrieben). Das gilt auch für Raimund Harmstorf, der den stets kurz vor der Explosion stehenden Sergeant mit ebenso viel Herzblut spielt und auch gleich die Synchro besorgt hat: Sein kurzatmiger bellender Tonfall, der wohl auch einen Heriatsantrag noch wie einen Befehl klingen ließe, ist alles. Brandt hält sich demgegenüber eher zurück, stellt sich weitgehend in den Dienst des Films, ohne allerdings ganz auf seine unnachahmlichen Kreationen zu verzichten: Über eine Pistole sagt Mücke etwa: „Mit so einer Sargbegonie schießt man nicht nur Löcher in den Käse.“ Und Kempfer bezeichnet seinen weißen Schlagstock als „bleichen Migränestift“. Wirklich zu Herzen geht aber die fast kindliche Logik des Films, der seine klischierten Plotelemente in Rekordzeit abspult, dabei aber nicht herzlos ökonomisch, sondern regelrecht märchenhaft wirkt. Das ist wohl auch der Schlüssel zum Verständnis dieser Filme: Es sind Märchenfilme. Sie zeigen eine nicht rosarote, aber doch sehr einfache Welt, in der ein Fausthieb nicht einen Rattenschwanz an Problemen nach sich zieht, sondern alles auflösende Klarheit bringt. Das tut auch heute noch gut. Und vielleicht ist es besser, den Zeiten von Bud Spencer und Konsorten via DVD-Sichtung hinterherzutrauern, als sich vorzustellen dass jemand heute anträte, die klaffende Lücke zu füllen. Bis zum nächsten Mal, Mücke!

Öfter mal was Neues: Für die Filmgazette habe ich DIE TAUBE AUF DEM DACH rezensiert, der im vergangenen November auf DVD veröffentlicht worden ist, nachdem der Film eine mehr als dreißigjährige Odysse hinter sich gebracht hat. Für mich war es – peinlicherweise – der erste DEFA-Film, aber dafür auch ein guter Einstand, auf dem sich aufbauen lässt. Hier findet sich mein Text.

Ben Crandall (Ethan Hawke), ein Science-Fiction-begeisterter Junge, träumt nachts von einem rätselhaften Schaltbrett, das er für seinen Freund Wolfgang (River Phoenix), einen genialen Tüftler, aufzeichnet. Nachdem der das Brett gebaut und an einen Computer angeschlossen hat, entsteht eine transparente Kugel im Raum, die sich über Tastatur beliebig vergrößern und steuern lässt. Zusammen mit Darren (Jason Presson) bauen die Jungs aus Schrott ein Raumschiff, das sie mit der Kugel verbinden und dann darin eine Reise antreten, die sie tatsächlich ins Weltall führt, zu den Außerirdischen, die Ben den Traum geschickt haben …

Von den Filmen, die Joe Dante in den Achtzigerjahren gedreht hat, ist EXPLORERS wahrscheinlich der am wenigsten populäre. Zu Unrecht, wie ich meine, denn er fügt sich nicht nur nahtlos ins Werk des Science-Fiction- und Monsterfilm-besessenen Nerds ein, sondern dürfte darüber hinaus der warmherzigste und schönste Film sein, den er in jenem Jahrzehnt vorlegte. Es ist nur unschwer zu erkennen, dass Dante mit EXPLORERS seine eigenen Kinderträume verfilmte: Ben ist sein Alter ego, schläft nachts zu WAR OF THE WORLDS, verschlingt Science-Fiction-Filme und -Magazine und wünscht sich nichts sehnlicher, als die dort beschriebenen fremden Welten einmal selbst zu besuchen. Dante lädt seine Bilder auf mit dieser Sehnsucht: ob es der blassblaue Himmel ist, der die endlose, zahlreiche Geheimnisse bergende Weite verbildlicht, das zartgoldenen Licht der Sonne, das einen Schleier über die amerikanische Kleinstadt legt, der gelüftet werden will, oder die diese Stadt umgebenden Hügel, hinter denen unzählige weitere Welten liegen, die auf ihre Erkundung warten. Dass es für Ben, Wolfgang und Darren ins Weltall geht, ist nur die äußerste Konkretion dieser Sehnsucht: Sie wollen tatsächlich dahin gehen, wo nie jemand zuvor gewesen ist. Dahinter steht aber letztlich das kindliche Bedürfnis, den eignenen Platz in der Welt zu finden und sich selbst zu erfahren – und wie ginge das besser als im Kontakt mit dem buchstäblich Anderen, Fremden, den Außeriridischen? Die Reise ins All ist dann auch vor allem eine Reise zu den eigenen Wurzeln. Sie treffen auf ihre Spiegelbilder, zwei außerirdische Kinder, die wie sie neugierig waren, wer da draußen noch ist. Die Erde kennen sie aus dem Fernsehen, so wie die drei Helden die Aliens aus den Filmen kennen, und die Bilder erfüllen ihre Fantasie und ihre Träume. Das Träumen und das Streben ist in Dantes Vision keine conditio humana, sondern die treibende Kraft hinter allem Leben.

Joe Dantes Kino, das Populärkultur und ihre Errungenschaften feiert, nicht als Quell der Verdammnis begreift, sondern als immateriellen Gedächtnisort, an dem die Gesellschaft ihre Ängste und Wünsche verarbeitet und verhandelt, könnte kaum außergewöhnlicher sein. Man ist es gewöhnt, von wichtigtuerischen pseudogesellschaftskritischen Filmen auf Technik- und Medienpessimismus gepolt zu werden, sich immer und immer wieder erzählen zu lassen, dass der Fernsehapparat der Grund für alle unsere Probleme ist. Vielleicht war Dantes Zeit, waren die Achtzigerjahre tatsächlich unschuldiger, dass er zu dieser These gelangen konnte. Ich glaube das nicht. Wie Ben, der ins Weltall reist, ohne zu wissen, was ihn dort erwartet, im Vertrauen darauf, dass die Welt gut ist, hat sich Dante einfach seinen kindlichen Idealismus bewahrt. Das macht seine Filme so wunderbar und wertvoll.

Billy (Zach Galligan) und Kate (Phoebe Cates) haben ihrer Heimatstadt Kinston Falls den Rücken gekehrt und leben nun in Manhattan, wo sie für den milliardenschweren Unternehmer Clamp (John Glover) in dessen State-of-the-Art-Wolkenkratzer arbeiten. Als Zach in einem dort untergebrachten Labor für Genforschung den kleinen Gizmo wiederfindet, bahnt sich die Fortsetzung der Katastrophe aus dem ersten Teil an: Die einmal mutierten Gremlins legen in Kürze das komplette Gebäude lahm …

Teil 2 bietet dem Gesetz der Serie folgend spektakulärere Gremlin-Action, buntere Spezialeffekte und generell von allem mehr. Das ist ganz wertfrei betrachtet durchaus angemessen, weil es in Joe Dantes Sequel in erster Linie um menschliche Hybris und Eitelkeit, Eigenschaften die in New York, der Hauptstadt der buchstäblich zu den Sternen strebenden Megalomanie, natürlich ihre ideale Heimat finden. GREMLINS 2: THE NEW BATCH erinnert dann auch nicht nur von seinem Setting her, sondern auch in seinem Technikskeptizismus an die Katastrophenfilme der Siebzigerjahre, in denen wahlweise ein unsinkbares Kreuzfahrtschiff, ein unbrennbares Hochhaus, ein unabstürzbares Flugzeug oder eine unkaputtbare Metropole untergingen, abfackelten, abstürzten oder in sich zusammenfielen. Dante denkt die schon im Vorgänger enthaltene Kritik also konsequent zuende, engt den Zuschauer damit aber auch ein bisschen ein: Was vorher relativ unauffällig in die Handlung eingebettet war und lediglich ein kleines inhaltliches Detail ausmachte, dominiert das Sequel von Beginn an und drängt sich etwas eindimensional in  den Vordergrund. GREMLINS 2: THE NEW BATCH nimmt so über weite Strecken den Charakter einer Groteske an, die in der Zeichnung des mit unsinnigen und defekten technischen Hilfsmitteln vollgestopften und schlicht menschenfeindlichen High-Tech-Hochhauses wahlweise an Kafka, Cartoons oder Chaplins MODERN TIMES erinnert. Dies macht Dantes Film auf diskursiver Ebene interessanter als den Vorgänger, entrückt ihn aber auch der nostalgisch-emotionalen Erschließung, was beim ersten Teil so fantastisch funktioniert hatte. Dass Dante – ebenfalls in äußerster Konkretisierung seiner ja immer schon vorhandenen selbstreferenziellen Ansätze – die Barriere zum Zuschauer niederreißt und die Gremlins den Film selbst attackieren lässt, trägt ebenfalls zu dieser Entfremdung bei; eine schöne und vor dem Hintergrund der Charakterisierung der Gremlins als fleischgewordene Fehlerteufel völlig richtige Szene by the way, die mich damals schon im Kino begeistert hat, auf dem heimischen Bildschirm aber natürlich nicht ganz ihre Wirkung entfaltet. Eigentlich hatte Dante für die Videoauswertung seines Films extra eine entsprechend modifizierte Szene gedreht, aber auf der DVD findet sich nur das Kinooriginal. Schwamm drüber. Mir hat GREMLINS 2: THE NEW BATCH sehr gut gefallen, sogar besser, als ich ihn in Erinnerung hatte. Man muss die oben aufgezählten Punkte dann auch gar nicht als Kritik begreifen: Vom doch noch sehr Spielberg’schen Erstling hat sich Dante für sein Sequel einfach in eine andere Richtung entwickelt, die zwar schon Zeichen des heraufziehenden Jahrzehnts erkennen lässt, aber doch noch mehr Herz hat, als die Vertreter des nur noch Attraktionen anhäufenden Unterhaltungskinos, die ihm folgen sollten. Und Dante ist eigentlich eh immer ein Wiedersehen wert, wie ich dieser Tage erneut erfreut feststellen muss.