telefon (don siegel, usa 1977)

Veröffentlicht: März 3, 2011 in Film
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In den USA häufen sich Anschläge von Zivilisten auf ehemalige militärische Ziele. Doch hinter den vermeintlich unbescholtenen Bürgern verbergen sich in Wahrheit russische „Schläfer“, die vom abtrünnigen Dalchimsky (Donald Pleasence) per Telefon reaktiviert werden und daraufhin wie Roboter ihrer längst hinfälligen Bestimmung folgen. Die UdSSR schickt Major Grigori Borzov (Charles Bronson), um Dalchimsky auszuschalten, bevor dieser weiteres Unheil anrichten kann, oder die Geheimdienste der USA herausfinden, wer sich hinter den Anschlägen verbirgt. Borzov zur Seite steht die Amerikanerin Barbara (Lee Remick) – und die hat wiederum den Auftrag Borzov zu eliminieren, sobald er seine Mission erfüllt hat …

Als ich dieses Blog vor fast genau drei Jahren gründete, war die Don-Siegel-Werkschau eine tragende Säule. Leider ist sein umfangreiches Werk bis heute nicht vollständig auf DVD erhältlich, trotzdem freue ich mich darüber, wenn ich dem unvollständigen Puzzle ein weiteres Teilchen hinzufügen und im Fall von TELEFON außerdem ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten feiern kann. Zwischen den späten Meisterwerken THE SHOOTIST und ESCAPE FROM ALCATRAZ entstanden, ist Siegels mit Science-Fiction-Elementen angereicherter Agententhriller trotz der Besetzung mit dem damaligen Superstar Charles Bronson ein auf den ersten Blick eher „kleiner“ Film. Ist man von Siegel sonst annähernd maschinelle Effizienz gewohnt, die im Zusammenhang mit seinen typischen Männergeschichten leicht den Eindruck von Zynismus erweckt, wie etwa besonders eklatant in DIRTY HARRY oder THE BLACK WINDMILL, mutet TELEFON trotz der für das Genre typischen Schrifteinblendungen, die das angezeigte Verstreichen der kostbaren Zeit noch mit maschinellem Rattern unterlegen, seines Kalter-Krieg-Szenarios und der bitteren Geschichte richtiggehend entspannt an. Und das ist nicht etwa auf einen Inszenierungsfehler zurückzuführen, sondern vollkommen beabsichtigt.

TELEFON ist, ich sage das jetzt mal so krass, ein Frauenfilm. Nicht im Sinne der RomComs, die nur dazu gemacht werden, dass Frauen sich mit Taschentüchern vor dem Fernseher versammeln und dem gerade trendmäßig anzuhimmelnden Traumtyp nachschmachten, sondern in dem Sinne, dass die weiblichen Charaktere den Film tragen und ihn erden. Das ist umso überraschender, als Siegel als ausgesprochener Männerregisseur gilt und aufgrund seiner zahlreichen Kollaborationen mit Clint Eastwood eine beliebte Zielscheibe des feministisch befeuerten Zorns der Filmkritikerin Pauline Kael war. Wer weniger inputhermeneutisch an Siegels Werk geht, wird erkannt haben, dass es schon immer wichtige und starke Frauenfiguren in seinen Filmen gab, aber in TELEFON tritt das besonders eklatant hervor. Der große Wurf des Drehbuchs von Stirling Silliphant und Peter Hyams ist somit nicht etwa die wunderschöne Idee, die Schläfer durch ein Gedicht von Robert Frost „wecken“ zu lassen, sondern die Spiegelung der Schläfergeschichte im Konflikt Barbaras, die sich in Borzov verliebt, ihn aber gegen ihren Willen umbringen soll. (Die bestehenden Parallelen werden noch dadurch betont, dass auch Barbara ihren Auftrag am Telefon erhält und ihre Reaktion darauf von Siegel genauso inszeniert wird wie die der Schläfer.) Durch die auf den ersten Blick etwas aufgesetzt wirkende Liebesgeschichte zwischen Barbara, die den heiligen Ernst ihres Partners fast belustigend findet, und Borzov, der von den privaten Avancen sichtlich genervt ist, wird auch das eigentliche Drama hinter den Anschlägen akzentuiert: Nicht die Bedrohung für die USA oder den Weltfrieden ist es, die erschüttert, weil diese Konzepte von Siegel gar nicht weiter beleuchtet werden und abstrakt, ja fremdartig bleiben müssen, sondern die privaten Auswirkungen, das Herausreißen von Durchschnittsbürgern aus ihrem Leben und das Zurückbleiben ihrer Familien, die das Mitleid des Zuschauer erzeugen.

Und so enttarnt Siegel die Machtspiele der Geheimdienste als chauvinistische Eitelkeit, die nicht zuletzt auf dem Rücken der Frauen ausgetragen werden.Die größte Grausamkeit des Films ist es, als Borzov Barbara dazu auffordert, einen der überlebenden Schläfer zu exekutieren: Es ist der Versuch, sie zu brechen, sie auf seine Seite zu ziehen. Aber schließlich will auch Borzov nicht mehr mitmachen: Er und Barbara entziehen sich dem bösen Spiel und haben am Ende das Leben und die Welt buchstäblich vor sich. Dieses Finale ist dann auch eines der schönsten, die Siegel jemals inszeniert hat. Ja, TELEFON ist ein Liebesfilm und bestätigt mal wieder die These, dass alle Agentenfilme verklausuliert von der Liebe handeln, weil die sozusagen die Fortsetzung der Spionage mit anderen Mitteln ist. Ach so, die andere Frauenfigur des Films, die CIA-Computeranalystin Putterman (Tyne Daly), habe ich jetzt unterschlagen in meiner kleinen Exegese. Aber ihr sollt ja auch noch was zum Nachdenken haben.

Kommentare
  1. Kim sagt:

    Tyne Daly war ja auch Clint Eastwoods female partner in Dirty Harry…war es Teil 2? oder 3? von Don Siegel.

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