avatar (james cameron, usa 2009)

Veröffentlicht: März 8, 2011 in Film
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Der querschnittsgelähmte Ex-Marine Jake Sully (Sam Worthington) wird als Ersatz für seinen toten Bruder auf den Planeten Pandora beordert, um dort am Avatar-Programm mitzuarbeiten. Bei diesem Programm wird der Geist eines „Piloten“ in den Körper eines Ureinwohners Pandoras, eines Na’Vi, transportiert. Ziel des Expermentes ist es, die Kultur der Na’Vi zu erforschen und Kenntnisse zu gewinnen, die dem Menschen bei der Kolonisierung des Planeten hilfreich sein können. Der wirtschaftlich-militärische Komplex hat freilich anderes im Sinn: Sein Ziel sind die kostbaren Rohstoffe, die unter dem Hometree, dem heiligen Wohnort der Na’Vi liegen. Jake soll dabei helfen, die Ureinwohner von diesem Ort zu vertreiben, doch er findet mehr und mehr Gefallen an seinem neuen Leben im Körper eines Außerirdischen …

Nun habe ich ihn endlich auch gesehen, den Film, der das Kino angeblich so grundlegend verändern würde. Um diese Hoffnung zu bestätigen oder aber ad acta zu legen, ist es wohl noch zu früh, Fakt ist, dass die Popularität Camerons und von AVATAR der Marke „3D“ sicherlich geholfen haben, aber auch, dass bislang kein einziger 3D-Film das Versprechen der totalen Immersion einlösen noch auch nur der Opulenz von Camerons Wunschkind nahekommen konnte. Aber auch bei Cameron erkennt man, dass im Umgang mit der neuen Technologie noch etwas die Souveränität fehlt: Erzählerisch läuft AVATAR auf Sparflamme, entpuppt sich als Collage aus zahlreichen bekannten Motiven, Handlungsabläufen aus anderen Filmen, tausendfach erprobten Inszenierungsklischees und Figuren, die einem bereits nach wenigen Sekunden Screentime vollkommen bekannt sind, weil sie keinerlei Brüche haben. Das ist nicht so wahnsinnig schlimm, weil AVATAR dafür – wie zu erwarten war – an anderer Stelle aus dem Vollen schöpft: Die Bilder vom Planeten Pandora, seiner fremdartigen Flora und Fauna, sind traumhaft, die Effekte von einer Qualität, die man so bisher tatsächlich noch nicht gesehen hat. Die ersten 90 Minuten des Films vergehen allein deshalb im Flug, weil man sich an den Bildern einfach nicht sattsehen kann und der Handlung kaum mehr als die Rolle des Reiseleiters zukommt.

Aber gerade in der Verbindung der technischen Brillanz auf der einen mit einer doch als einfältig zu bezeichnenden Geschichte auf der anderen – ein guter Freund von mir merkte an, dass AVATAR im Grunde genommen ein Remake von RED SCORPION ist – bietet AVATAR reichlich Anlass für ausufernde Diskussionen. Das Maß an menschlicher Selbstgeißelung, das in diesem Film zum Ausdruck kommt, ist beachtlich: Je mehr der Mensch sich wissenschaftlich in die Zukunft entwirft, je ausgereifter und komplexer seine Schöpfungen werden, umso stärker scheinen auch revisionistische Kräfte zu werden, anders sind der Naturmystizismus und die Technologieskepsis, die sich durch AVATAR ziehen, nicht zu erklären. Es ist bizarr, dass das vielleicht ehrgeizigste Projekt der Filmgeschichte seine Zuschauer mithilfe modernster Computertechnologie in eine urtümliche Traumwelt entführt, um ihnen dann zu erzählen, dass wir uns von der Natur entfremdet haben und mit der Technologie aufs falsche Pferd gesetzt haben. Und diese Bizarrerie ist es auch, die AVATAR eine Widersprüchlichkeit verleiht, die der Plot mit seinen groben Schwarzweiß-Strukturen völlig verleugnet. Der Konflikt Naturvolk vs. Zivilisation – auf Bild- und Dialogebene natürlich angereichert mit etlichen Bezügen auf Vietnam- und Golfkrieg, den Genozid an Indianern und den von Bush ausgerufenen „War on Terror“ – lässt keine differenzierte Betrachtung zu und auch die Figuren des Films sind eindeutig in einem sauber geordneten Gut-Böse-Schema zu verorten. Und wenn dann zum Finale hin mit Feuereifer für die „gute Sache“ eingestanden und mit Begeisterung und heiligem Zorn gestorben und getötet wird, dann fragt man sich unweigerlich, wie viele fremde Planeten der Mensch noch (via Kino) aufsuchen muss, um festzustellen, dasser dort immer nur sich selbst findet. Ist unsere Fantasie so beschränkt, dass selbst naturliebende Aliens so aussehen müssen, als kämen sie geradewegs aus Afrika? Und kann man Naturverbundenheit musikalisch nicht anders umsetzen, als mit dem grauenvollen Ethnoschwurbel aus dem Eine-Welt-Laden? (Aber wenn man schon James Horner für den Score engagiert, wollte man es offensichtlich noch nicht einmal versuchen.) Dass jemand, der so viel Energie und Zeit dafür aufbringt, ja, seine ganze Karriere dem Ziel gewidmet hat, neue Weg zu gehen, andererseits Klischess aus dem vorvorletzten Jahrhundert bemüht, ist mindestens ebenso erstaunlich wie der Effektzauber, den Cameron in AVATAR entfesselt

Das ist jetzt recht viel Kritik für einen Film, dessen Leistung unbestreitbar ist, der zudem über die üppige Spielzeit von rund 180 Minuten durchweg gute Unterhaltung bietet, von dem ich also sagen würde, dass er mir gefallen hat. Aber irgendwas ist dennoch faul an diesem Film, etwas, was noch jenseits seiner naiven Weltsicht und seiner durchaus als verlogen zu bezeichnenenden Zurück-zur-Natur-Message liegt. Cameron hatte seinen Beruf ja schon nach seinem Riesenerfolg mit TITANIC einer Neuinterpretation unterzogen, als er sein Schaffen plötzlich ganz in den Dienst der Technologie stellte und Dokumentationen drehte, die allein dazu dienten, neuartige Kameras zu erproben. Dieser technokratische Zug befremdet auch den Betrachter von AVATAR, dessen Naturparadies Pandora sich am Schluss als gigantisches Netzwerk entpuppt, in dem jedes Lebewesen mit dem anderen durch Nervenbahnen verbunden ist und Erinnerungen in diesen Bahnen quasimateriell gespeichert und abgerufen werden können. Ein faszinierender Entwurf, der mit dem Ehrgeiz Camerons im Hinterkopf aber auch irgendwie Angst macht. Mir zuliebe dürfte er als nächstes einfach mal wieder einen ganz gewöhnlichen Spielfilm drehen, einfach um mir zu beweisen, dass er mit dem irdischen Dasein noch nicht ganz abgeschlossen hat.

Kommentare
  1. Whoknows sagt:

    Ähem – Ich sollte zwar nicht an jeder passenden und unpassenden Stelle auf die Blähungen während meines Kinobesuchs hinweisen, von denen mich ein Gang zur Toilette erlöste, vielleicht auch nicht darauf, dass ich als „Anhänger“ der Dekonstruktion den Film deshalb als „Sein zu Scheisse“ bezeichne. Aber ich komme mir immer so gebildet vor, wenn ich es tue. 😉

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