edge of the city (martin ritt, usa 1957)

Veröffentlicht: März 21, 2011 in Film
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Der schweigsame drifter Axel North (John Cassavetes) kommt nach New York und meldet sich dort auf Empfehlung eines Freundes zur Arbeit im Hafen beim fiesen Vorarbeiter Charles Malik (Jack Warden). Der lässt den Neuen von nun an bei jeder Gelegenheit spüren, wie tief er in seiner Schuld steht. Der aufrichtige Tommy Tyler (Sidney Poitier) nimmt sich des Neuen an, verteidigt ihn gegen die Schikanen Maliks und zieht so dessen Zorn auf sich. Zwischen den beiden ungleichen Männern entsteht eine innige Freundschaft: Axel entpuppt sich als tief verletzter junger Mann, den zudem ein dunkles Geheimnis plagt und dem Tommy dabei hilft, wieder in die Spur zu kommen. Doch ein eskalierender Streit zwischen Malik und Tommy unterbricht jäh seine fast therapeutischen Bemühungen. Und nun ist es an Axel, sich zu beweisen …

Der Auftakt meiner angekündigten kleinen Ritt-Retrospektive war auch der Auftakt für Ritts Filmregie-Laufbahn. Nachdem er bereits erfolgreich für Theater und Fernsehen gearbeitet hatte, war er 1952 für seine angebliche Unterstützung der Kommunisten auf der Schwarzen Liste gelandet und arbeitete in den nächsten Jahren ausschließlich für die Bühne. Als die Kommunistenpanik gegen Ende des Jahrzehnts nachließ, bot sich ihm eine neue Chance, in Hollywood Fuß zu fassen. EDGE OF THE CITY ist der Film eines engagierten Mannes, der die sozialen Härten des Lebens im Kapitalismus kennen gelernt hat und für den Werte wie Nächstenliebe, Zivilcourage, Individualismus und Toleranz nicht bloß Lippenbekenntnisse sind, sondern Tag für Tag erkämpft, bestätigt und verteidigt werden müssen. Seinem Protagonisten – ein gerade 28-jähriger John Cassavetes in einer ungewohnt verletzlichen Rolle – ist schon in seiner Jugend eingeimpft worden, minderwertig zu sein und diese Suggestion hat sich mittlerweile verfestigt. Was er auch versucht, ist zum Scheitern verurteilt, wo er sich auch aufhält, nimmt er bereitwillig die Opferrolle ein. In der Welt der Hafenarbeiter landet er zwangsläufig am unteren Ende der Hackordnung. Es gebe drei Arten von Männern, sagt ihm der selbstbewusste Tommy, der sich in einer Zeit des immer noch lodernden Rassismus Respekt erkämpft hat: Den „man“, der seinen Weg geht und seinen Platz im Leben kennt, den „slime“, der sich auf Kosten anderer erhöht, und den Einsamen, der zu keiner der beiden Gruppen gehört und deshalb der Ärmste von allen ist. Für Axel geht es in EDGE OF THE CITY darum, vom Außenseiter zum Mann zu werden, anstatt zum „slime“ zu verkommen, seine Ängste zu konfrontieren und sie zu besiegen, um zu einem gesunden Selbstbild zu kommen. Doch das bedeutet, auch die Verantwortung für die eigenen Fehler zu übernehmen. Der deutsche Titel von Ritts Film ist EIN MANN BESIEGT DIE ANGST, was zwar jede Spannung schon im Keim erstickt, den Inhalt aber treffend wiedergibt. EDGE OF THE CITY ist auch ein Film über die Nachkriegsgeneration, die in Ermangelung eines Kriegsschauplatzes, an dem sie sich behaupten könnte wie ihre Väter, Schwierigkeiten hat, ihren Platz im Leben und in einer Welt zu finden, die auch keine andere Logik kennt als die des Schlachtfeldes.

Man merkt Ritts Debüt seine Theaterherkunft deutlich an: Die Figuren sind allesamt sehr breit angelegt und deutlich auf einen erzählerischen Zweck hin entworfen; die Handlung schreitet mit äußerster, didaktischer Logik voran und bietet nur wenig Raum für Spontaneität oder Erkundungen jenseits des vorgegebenen Pfades und der Dialog ist das wichtigste Mittel der Figurenentwicklung. Dass EDGE OF THE CITY dennoch weniger steif anmutete, als sich das jetzt liest, liegt vor allem im zurückgenommenen Spiel der drei Hauptdarsteller begründet. Jack Warden, der hier im Grunde eine rauhbeinige Version seines Geschworenen aus Sidney Lumets 12 ANGRY MEN gibt, ist eine wunderbare Projektionsfläche für den Zuschauerhass, ohne seinen Malik jedoch zum überzeichneten Schurken zu machen, und Cassavetes, drückt ähnlich etwa wie ein paar Jahre zuvor James Dean schon durch seine Körpersprache sein ganzes Unbehagen aus. Er hat gleich zu Beginn eine starke Szene, wenn er seine Mutter anruft, vor lauter Scham über sein Versagen (über das ich hier jetzt nichts schreiben möchte) aber nur in den Hörer sprechen kann, wenn er die Hand schützend davorhält. Poitier bringt eine enorme physische Präsenz mit, obwohl er doch in erster Linie durch Eloquenz besticht, was seinen Tommy Tyler – die am stärksten auf ihre Funktion hin konstruierte Figur des Films – davor rettet, zum leblosen Strukturelement zu verkommen. Sehr stark ist auch das Ende, das Ritts Film von thematisch ähnlich gelagerten morality plays abhebt: Axel besiegt zwar, wie gesagt, seine Angst und seinen stärksten Kontrahenten, aber der Triumph hat eine kaum zu übersehende Schattenseite. Happy End geht anders. Aber so ist das halt mit den Werten: Man muss sie auch dann leben, wenn für einen selbst daraus unangenehme Konsequenzen erwachsen.

Für meine Ritt-Reihe ist nach EDGE OF THE CITY sicherlich noch Luft nach oben – wie sollte es bei einem Debüt auch anders sein? -, die ausgesprochenen Stärken des Regisseurs, ausgezeichnete Schauspielführung, ein Talent für die dramaturgische Pointierung und der Blick für die sozialen Schieflagen im kapitalistischen Westen – treten aber schon deutlich zu Tage. Hinzu kommt, dass ich mir Vertreter solch klassischer und heute leider hoffnungslos überholter, schauspielerzentrierter Dramenkunst einfach immer gut ansehen kann. Es ist aus der Mode gekommen, sich in der Bewertung auf drei so unspektakuläre Worte wie „Ein guter Film“ zu beschränken. EDGE OF THE CITY könnte ich aber kaum besser beschreiben.

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