the brotherhood (martin ritt, usa 1968)

Veröffentlicht: April 1, 2011 in Film
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Nach seiner Hochzeit bittet Vince Ginetta (Alex Cord) seinen älteren Bruder Frank (Kirk Douglas), einen New Yorker Mafiosi, ihn als Geschäftspartner aufzunehmen. Frank, der das von seinem ermordeten Vater übernommene Geschäft seit Jahrzehnten allein führt und seinen Bruder liebt, ist begeistert. Doch das soll sich bald ändern: Als Frank sich nämlich wegen des drohenden Risikos gegen die Expansionspläne der anderen New Yorker Familienoberhäupter stellt, ist es ausgerechnet sein Bruder Vince, der ihm in den Rücken fällt. Die entstandene Kluft wird endgültig unüberbrückbar, als Frank erfährt, dass Vince‘ Schwiegervater hinter der Ermordung seines Vaters steckt …

Einer der Gründe, warum Ritt nur selten zum kanonischen Kreis der großen US-Regisseure gezählt wird, deren Namen jeder halbwegs Filminteressierte sofort aufzählen kann, dürfte in seinem Status als charakterzentrierter Regisseur zu suchen sein. Mehr als an einem markanten visuellen Stil, einer bestimmten Erzählhaltung oder einem deutlich herausgearbeiteten, wiederkehrenden Thema erkennt man seine Filme daran, wie sie ihren Fokus auf die zentralen Charaktere richten und sich die Geschichte aus diesen heraus entwickeln lassen. Mehr als einzelne Bilder, Momente, Szenen oder Sequenzen behält man diese Charaktere in Erinnerung: den verschüchterten Axel und den lebensfrohen Tommy aus EDGE OF THE CITY, den verschlagenen Ben Quick aus THE LONG HOT SUMMER, das eigenbrötlerische Genie Ram Bowen aus PARIS BLUES, den Zyniker Hud Bannon aus HUD oder den Halbindianer John Russell aus HOMBRE, der sich von den Menschen abgewendet hat. In Ritts Filmen lassen sich diese Charaktere nicht von den Geschichten trennen; es ist undenkbar, dass seine Filme von anderen Charakteren bevölkert würden oder dass diese Charaktere eine andere Geschichte erlebten, als die, die Ritt erzählt. Ja, eigentlich macht es bei Ritts Filmen überhaupt keinen Sinn, beide Größen – Charaktere und Handlung – noch als getrennte Einheiten zu betrachten. Wenn man – wie so viele – dem (immerhin nicht ganz unverständlichen) Irrglauben erliegt, Charakterisierungen und Handlungsverläufe eines Films seien das Werk des Drehbuchautors, während der Regisseur hauptsächlich die Verantwortung dafür trage, diesen Inhalt in eine Form zu gießen, dann muss Ritts Beitrag zu seinen eigenen Filmen tatsächlich eher klein anmuten. Ritts Inszenierungskunst ist ein Paradebeispiel für die unsichtbare Regie, die sich immer in den Dienst des jeweiligen Stoffes stellt, anstatt diesem einen markanten visuellen Stempel aufzudrücken.

THE BROTHERHOOD spiegelt dies nahezu perfekt: Inhaltlich nimmt er Coppolas THE GODFATHER (und auch dessen Fortsetzung) um vier Jahre vorweg und um der Pointierung willen behaupte ich jetzt einfach mal ganz dreist, dass letzterer Ritts Film nicht wahnsinnig viel hinzuzufügen hat, wenn man mal davon absieht, dass Coppola mit seiner Mafia-Familiensaga historische Breite anstrebt, wärend Ritt eben alles auf den Konflikt zweier Brüder herunterbricht. Die Parallelen sind jedenfalls frapperiend: Vince Ginetta, ein junger gutaussehender Soldat und Absolvent einer Hochschule steigt ins mafiöse Familiengeschäft ein, für das er vom Bruder bislang als zu gut betrachtet wurde. Der Vater hatte das Familiengeschäft aus dem Nichts aufgebaut, bis ihn ein Mordanschlag das Leben kostete. Sohn Frank führte es erfolgreich weiter, steuerte es in zumindest halblegale Gefilde, sicherte die Existenz der Familie, konsolidierte das Vermögen auf einem guten Niveau. Das ist dem jüngeren Bruder nun nicht mehr genug: Er will, der Logik des Kapitals folgend, expandieren, das Risiko in Kauf nehmend. Und weil der ältere Bruder sich diesem Wunsch verweigert, wird er untragbar. Ritts Film beginnt chronologisch mit der Hochzeit des jüngeren Bruders, folgt seinem Protagonisten nach einem Auftragsmord ins sizilianische Exil und endet mit dem Brudermord, dem wie in Coppolas THE GODFATHER: PART II der Todeskuss vorangeht. Noch Fragen?

Doch mehr als dafür, in der Geschichte seiner Mafiafamilie die Geschichte der USA zu spiegeln, diese als eine Geschichte von Mord und Verrat zu zeigen, geht es bei Ritt wie so oft um den Konflikt zwischen dem Individuum und der Gesellschaft. THE BROTHERHOOD ist ja ein zweifach besetzter Titel, weil er sich sowohl auf das zentrale Brüderpaar als auch auf die Mafiaorganisation bezieht. Erstere wird durch letztere komplett zerstört. Es entpuppt sich als Trugschluss, zu glauben, dass man innerhalb der Machtsrukturen der Mafia „seinen“ Weg gehen, seine Identität wahren könne. Das funktioniert nur solange, wie man die Mehrheit auf seiner Seite weiß. Es ist der normale Gang der Dinge, dass Frank abtreten muss und er nimmt das Schicksal hin wie jemand, der weiß, dass es irgendwann so kommen musste. Das letzte Bild gilt aber nicht ihm, sondern seinem Bruder, der in der Hierarchie der Mafia steil nach oben gekommen ist. Aber um welchen Preis? Auch ihm wird wohl dämmern, dass eine Familie, die ihn zwingt, den eigenen Bruder zu töten, auch keine Skrupel davor hat, ihn eines Tages genauso beseitigen zu lassen. Aber der Vertrag ist bereits unterzeichnet. Es gibt kein Zurück mehr.

Ein toller Film, der leider völlig vergessen und dessen US-DVD mittlerweile OOP ist. Trotzdem empfehle ich, vor der nächsten, xten THE GODFATHER-Sichtung kurz innezuhalten und sich zu überlegen, ob man nicht lieber ein paar Euro mehr für diesen wichtigen Vorgänger und -denker investiert. Es lohnt sich.

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