m*a*s*h (robert altman, usa 1970)

Veröffentlicht: April 10, 2011 in Film
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Der Chirurg Hawkeye Pierce (Donald Sutherland) kommt während des Koreakriegs mit einem von ihm gestohlenen Jeep in dem Mobile Army Surgical Hospital – kurz: M.A.S.H – der US-Armee an, in dem er seinen Dienst verrichten soll. Das Lazarett erweist sich als Ansammlung von Chaoten, in die sich das Schlitzohr Hawkeye perfekt einfügt: Der Leiter Colonel Blake (Robert Bowen) ist vor allem an der Vermeidung von Konflikten interessiert und lässt alles laufen, Major Burns (Robert Duvall) ist ein religiöser Fanatiker, der einen koreanischen Jungen mit der Bibel indoktriniert und der Zahnarzt Captain Waldowski (John Schuck), der aufgrund seines riesigen Geschlechtsteils „Jawbreaker“ genannt wird, will sich umbringen, weil er befürchtet, homosexuell geworden zu sein. Der Geistliche Father John Mulcahy (Rene Auberjonois) ist derweil bemüht, das Maß der moralischen Ausschreitungen zu beschränken, doch als die verklemmte Krankenschwester O’Houlihan (Sally Kellerman) und Hawkeyes Footballkumpel John McIntyre (Elliott Gould) ihren Dienst im Lager antreten, nehmen die Streiche der Soldaten eine neue Qualität an. Und am Ende kulminiert alles in einem Footballspiel, indem die Ärzte mithilfe des Footballprofis „Spearchucker“ Jones (Fred Williamson) und gezielt gesetzter Spritzen die sich überlegen wähnende Konkurrenz ausschalten …

Obwohl Altman 1970 bereits seit fast 20 Jahren als Fernsehregisseur im Geschäft war, gelang ihm erst mit M*A*S*H der Durchbruch, dem eine über 30 Jahre andauernde berufliche Berg- und Talfahrt folgte: Dass Altman heute als einer der großen amerikanischen auteurs gilt, war jedenfalls in den späten Siebziger- und im Verlauf der Achtzigerjahre, in denen er kommerzielle Reinfälle und von der breiten Masse als solche begriffene künstlerische Selbstmordversuche in Serie produzierte, kaum abzusehen. Mit M*A*S*H hingegen präsentierte sich ein Filmemacher von unvergleichlichem Scharfsinn, einer klaren politischen wie moralischen Position und einem unverwechselbaren individuellen Stil. Sein Antikriegsfilm markiert nicht nur eine der frühen Sternstunden des New-Hollywood-Kinos, er ebnete auch einem Subgenre den Weg, das im folgenden Jahrzehnt einige der wichtigsten Filme der Siebzigerjahre hervorbringen sollte: dem Antikriegsfilm.

Altman interessiert sich nicht für große Schlachten, kriegerische Auseinandersetzungen, strategische Pläne oder tragische Schicksale, vielmehr gelingt es ihm, die ganze Absurdität des Krieges einzufangen, indem er zeigt, wie diejenigen, die unmittelbar mit den physischen Konsequenzen konfrontiert sind – die Sanitäter – mit diesem Leid umgehen. M*A*S*H bedient sich reichlich aus dem Figuren- und Ideenfundus der Militärklamotte und damit der Elemente eines Genres, das das Leid versucht, abzumildern und abzuschwächen, das die Armee als Haufen von lustigen Strolchen zeichnet und damit letztlich vor allem als Werbung fungiert. Die Militärklamotte instrumentalisiert genau jenes Lachen, gegen das Adorno einst polemisierte, es sei Ausdruck der Kapitulation vor dem eigenen Leid: Wer es lacht, akzeptiert seine Unterdrückung, anstatt aufzubegehren. Auch M*A*S*H ist vordergründig ein leichter Film in seiner episodischen Struktur, mit seinen Kumpeltypen, die kein Wässerchen trüben kann, der Darstellung ihres Alltags, der zwar auch darin besteht, klaffende Wunden zu schließen und Körperteile zu amputieren, aber eben vor allem darin, sich die Zeit mit allerhand Blödsinn zu vertreiben – und sich so darüber hinwegzutrösten, wo man sich eigentlich befindet. M*A*S*H ist witzig, aber das ist ja auch irgendwie ein böser Trick: Die Dissoziation seiner Protagonisten grenzt nüchtern betrachtet ans Pathologische und hinter den Hügeln, die das Lazarett umsäumen und von der Realität in gewisser Weise abschotten, sterben tatsächlich Menschen.

Tatsächlich ist M*A*S*H ziemlich böse: Ich finde ihn geradezu deprimierend in seinen grau-braun-grünen Farbpallette, dem beengten Setting, das die Außenwelt auf ans Schwachsinnige grenzende Lautsprecherdurchsagen reduziert, dem grotesken Irrsinn, der das Miteinander der Sanitäter charakterisiert, und dem sie sich entweder durch Spott und Trotz entziehen, oder dem sie verfallen wie Major Burns mit seinen Bibelstunden. Bis auf Hawkeye und McIntyre, die sich als anarchische Helden gegen das unmenschliche System auflehnen, an dem sie teilnehmen, wird M*A*S*H bevölkert von Gebrochenen: Am schmerzhaftesten wird das vielleicht in der Entwicklung von „Hot Lips“ O’Houlihan deutlich, die sich von der verklemmten Puritanerin in eine keifende und herumhurende Cheerleaderin verwandelt. Der Film präsentiert diese Wandlung als komisch, aber eigentlich ist es tragisch, wie diese Frau komplett umgedreht wird.Der Kreig produziert eben ausschlißelich Opfer und man darf annehmen, dass die wenigsten aus ihm so unbeschadet hervorgehen wie Hawkeye und Pierce, die als Schelmenfiguren immer die Kontrolle behalten.

Altman hat einen wahrlich bösen Film gedreht: Keinen, der konstruktive Kritik betreibt, um auf Missstände hinzuweisen und so am Status quo herumzudoktern und zu verschlimmbessern – was sollte man am Krieg auch „verbessern“? –, sondern einen, der zeigt, dass die einzige Möglichkeit, mit dem Krieg umzugehen, die ist, das Leid um einen herum auszublenden – und so letztlich ein vielleicht etwas schwergängigeres, aber doch auch nur ein Rädchen im Getriebe zu sein, das das große Ganze am Laufen hält. M*A*S*H hat Kultstatus und wird von meiner Frau verehrt: Ich finde es sehr, sehr schwer, ihn liebzuhaben. Er ist einfach zu wahr.

Kommentare
  1. HomiSite sagt:

    Könnte ich natürlich auch schnell googlen, aber ich frag’s mal hier: Inwiefern hat der Film was mit der gleichnamigen Serie zu tun. Die habe ich als Kind/Jugendlicher (als sie halt regelmäßig im TV lief) immer weggeschaltet, weil ich damit nix anfangen konnte. Serie und Film habe ich bis heute nicht bewusst gesehen.

    PS: Passt eher zu deinem „Hurt Locker“-Beitrag – die Doku „Armadillo“…

    • Oliver sagt:

      Die Serie ist das, was man heute wohl als Spin-off bezeichnen würde. Ich kenne die aber nur sehr flüchtig, insofern kann ich da auch nicht weiter ins Detail gehen (und ich habe gerade auch keine Lust zu googeln 🙂 ). Der Protagonist ist ebenfalls Hawkeye, soweit ich weiß, und der Theme Song „Suicide is Painless“ kommt dort auch zum Einsatz. Im Grunde also ein Vorläufer zur STARGATE-Serie. 🙂

  2. Frank Stegemann sagt:

    Ich finde den ja trotz seines Antikriegskontextes ungemein witzig, vermutlich ist es sogar einer der lustigsten Filme, die ich kenne. Vielleicht bin ich auch einfach nur böse genug, um das Drumherum hinreichend ausblenden zu können 😀

    • Oliver sagt:

      Witzig ist der ja auch. Aber Altman ist definitiv nicht der Regisseur, bei dem ich mich „wohl“ fühle bzw. mich entspannen kann. Irgendwas stößt mich an M*A*S*H extrem ab, wobei das nicht wertend gemeint ist: Genau benennen kann ich es noch nicht, aber wahrscheinlich ist es die Verquickung von avancierten Verfremdungstechniken (der Ton etwa) und dem doch ziemlich augenfälligen Zynismus Altmans.

      • Frank Stegemann sagt:

        Ich bin, was Zyniker und Zynismen anbelangt, glaube ich ohnehin etwas weniger empfindsam als du. Bei Altman fühle ich mich jedenfalls stets sehr wohl, weil seine Sicht der Dinge sich sehr stark mit meiner deckt und er auch einer der ersten Regisseure ist/war, die ich bewusst als auteur wahrgenommen habe – was bei Altman allerdings auch nicht sonderlich schwer fällt. Bin gespannt, was da noch folgt.

      • Oliver sagt:

        Weiß ich gar nicht, ob ich da besonders oder überhaupt empfindlich bin. Ich kann gegen die in M*A*S*H zum Ausdruck kommende Weltsicht ja gar nichts sagen: Altman hat ja Recht mit seinen Beobachtungen.

        Habe das Gefühl, ich bin da etwas missverstanden worden: Ich finde den Film schon gut, wichtig und ja, auch ziemlich einzigartig. Wenn ich sage, ich kann ihn nicht liebhaben dann meine ich genau das. M*A*S*H ist kein Film, der mir das Herz erwärmt. Dafür ist er zu desillusioniert.

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