mccabe & mrs. miller (robert altman, usa 1971)

Veröffentlicht: April 18, 2011 in Film
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John McCabe (Warren Beatty) – möglicherweise ein Mörder – trifft in der Bergbaustadt Presbyterian Church ein und eröffnet dort ein Bordell. Die Britin Constance Miller (Julie Christie), die wenig später eintrifft und offensichtlich über Erfahrung im ältesten Gewerbe verfügt, macht McCabe ein verlockendes Angebot: Sie stellt ihm ihr Fachwissen zur Verfügung, verwandelt das Freudenhaus in eine Goldgrube und wird dafür an den Gewinnen beteiligt. Doch der sich einstellende Erfolg ruft ein großes Unternehmen auf den Plan, das McCabes Besitz kaufen will. Als McCabe ablehnt – weil er sich zur falschen Zeit auf Constances Rat „to think big“ zu Herzen nimmt – unterzeichnet er damit sein Todesurteil …

Nachdem ich die Erstsichtung von Altmans Klassiker nach einer halben Stunde wegen akuter (müdigkeitsbedingter) Einschlafgefahr abbrechen musste, hatte ich schon die Befürchtung, mich mit meiner Altman-Retro etwas verhoben zu haben. Sein Filme erfordern volles Commitment, Konzentration und die Bereitschaft, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Sie sich „einfach mal so“ zwischen Abendessen und dem Zubettgehen anzuschauen, funktioniert einfach nicht. Und sein Stil sowie seine die Grenze zum Zynismus manchmal hinter sich lassende pessimistische Weltsicht sind auch nicht gerade Balsam für die Seele, stoßen oft eher ab, als dass sie anziehend wirken. Auch in MCCABE & MRS. MILLER lässt sich, wenn man will, diese Weltsicht wiederfinden: In der Geschichte um den sentimentalen Trottel McCabe, der sich im falschen Moment dafür entscheidet, alles auf eine Karte zu setzen, nämlich genau dann, wenn auch wirklich alles zu verlieren ist, und die reichen Geschäftemacher im Hintergrund, die nur so lange nach den Regeln spielen, wie es wahrscheinlich ist, dass sie gewinnen werden, über die Träume der einfachen Leute und die Welt, die diese zerplatzen lässt, findet sich viel bittere Wahrheit, auch heute noch, wo MCCABE & MRS. MILLER 40 Jahre alt ist. Doch diese Bitterkeit weicht den traumhaften Bildern, die ein Gefühl von fast überirdischer Geborgenheit und Wärme vermitteln. Während auf die schlammigen Straßen von Presbyterian Church, das im Verlauf der zwei Stunden von einer Ansammlung windschiefer Bretterverschläge zu einem kleinen Dorf heranwächst, der Schnee herabrieselt und Gedanken an den Tod zwangsläufig hervorruft, fühlt man sich in warmem blutrot und braungolden glühenden Inneren des Bordells aufgehoben wie in einer Gebärmutter.   

Und so mutet MCCABE & MRS. MILLER, der sich doch genauso wenig Illusionen über das Wesen des Menschen hingibt wie M*A*S*H, sie als Rudel von Wölfen zeichnet, die sich mitleidlos an die Kehle gehen, wenn es die Umstände mit sich bringen, fast tröstlich an. Weil er dennoch die Schönheit in der Welt findet, für die sich der ganze Schmerz, den McCabe fast Mantra-artig beklagt, lohnt. Dass diese Erkenntnis den Charakteren des Films verborgen bleiben muss, macht seine Tragik aus. Doch im Unterschied zu den beiden Vorgängern scheint Altman sehr viel stärker emotional investiert zu sein: Das tragische Schicksal der beiden Titelhelden verfolgt er mit viel Mitgefühl, aber ohne Sentimentalität. Denn daran, dass sie in dieser Welt von vornherein zum Scheitern verdammt waren, daran lässt Altman keinen Zweifel. Wie das im Spätwestern so ist, müssen diejenigen Platz machen, die den mit dem Fortschritt einhergehenden Wandel nicht mitmachen können oder wollen.

Es müsste sicherlich noch mehr gesagt werden, aber auch viele noch so kluge Worte können die sinnliche Erfahrung, die MCCABE & MRS. MILLER bedeutet, nicht ersetzen. Mehr als wohlklingenden Thesen kann man aus dem Film ein Gefühl mitnehmen, eines, dass einem über die Trauer angesichts der Ungerechtigkeit der Welt hinweghilft, indem es uns einflüstert, dass wir mit unserem Schmerz nicht allein sind.

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