lady in white (frank laloggia, usa 1988)

Veröffentlicht: Mai 10, 2011 in Film
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Als Frankie Scarlatti (Lukas Haas) von seinen Mitschülern in der Garderobe seiner Schule eingeschlossen wird, hat er eine Geistererscheinung: Er wohnt der Ermordung der kleinen Melissa bei, die zehn Jahre zuvor einem Kindermörder zum Opfer fiel, der nie gefasst werden konnte. Doch der hatte bei seinem Mord etwas verloren, was bevorstehende Umbauarbeiten im Cloak Room zutage fördern und ihn so als Täter identifizieren könnten, weshalb er an den Ort des Verbrechens zurückkehrt – just an jenem Tag, an dem auch Frankie dort gefangen ist. Wie durch ein Wunder überlebt der Junge und unter dem Druck der Bevölkerung wird schließlich der schwarze Hausmeister der Schule des mehrfachen Mordes angeklagt. Aber Frankie ahnt, dass der unschuldig ist …

Frank LaLoggias unabhängig produzierter Film – sein zweiter nach dem originellen, wenn auch etwas holprigen FEAR NO EVIL – zeugt zunächst einmal von dem visuellen Gespür des Regisseurs, dem es danach leider nicht mehr vergönnt war, weitere Filme zu inszenieren. Das ist schade, denn LADY IN WHITE fügt sich nahtlos in das in den Achtzigerjahren von so renommierten Regisseuren wie Steven Spielberg, Joe Dante oder Robert Zemeckis beackerte Genre des nostalgisch-sentimental verklärten Gruselfilms. Schon von Beginn an, wenn der mittlerweile erwachsene Frankie anlässlich der Rückkehr an seinen Heimatort beginnt, seine Geschichte zu erzählen, und das verträumte Städtchen Willowpoint der frühen Sechzigerjahre vor den Augen des Zuschauers zum Leben erwacht, erliegt man dem Sog der Geschichte, die einen die Realität für knapp 100 Minuten vergessen lässt. Großen Anteil daran hat das Drehbuch aus LaLoggias Feder: Es gelingt ihm nicht nur ausgezeichnet, seinen Plot spannend, intelligent und interessant zu entwickeln, auch in der Figurenzeichnung legt er großes Geschick an den Tag, baut viele kleine eigentlich nebensächliche Details ein, die die Figuren erst so richtig lebendig machen. Tatsächlich ist LADY IN WHITE für einen Geisterfilm erstaunlich komplex. So rückt in Verbindung mit der ungeklärten Mordserie die Frage in den Vordergrund, ob und wie Eltern den Tod ihrer Kinder verarbeiten können und welche psycholgischen und sozialen Folgen ein solch fürchterliches Erlebnis nach sich zieht. Willowpoint ist ein traumatisierter Ort, einer, der buchstäblich von Geistern bewohnt wird, die nach ihrer Erlösung verlangen. Aus dem Bedürfnis nach dieser Erlösung erwächst aber auch ein reaktionäres Potenzial, das sich in den USA der frühen Sechzigerjahre, in dem die Segregation noch Gegenwart war, entsprechend Bahn bricht. Die singuläre Gräueltat zieht ein Beben nach sich, das die gesamte Gesellschaft erfasst und in die Barbarei gleiten zu lassen droht. Es sind die Gesten des Trostes, des Verzeihens und der Toleranz, die dem entgegensteuern müssen: Als die Frau des schwarzen – unschuldigen – Hausmeisters nach dessen Verurteilung beim Gottesdienst von der Mutter eines getöteten Kindes beleidigt und gedemütigt wird und daraufhin in Ohnmacht fällt, ergreift Frankies Vater (Alex Rocco) die Initiative, nimmt sich der gebrochenen Frau an und bringt sie nach Hause. Doch leider reicht eine solche Geste nicht immer aus …

Hier schließt sich dann auch meine Kritik an diesem sonst so schönen Film an: LADY IN WHITE beraubt sich durch seine offene Orientierung an entsprechenden Mainstreamproduktionen gegen Ende einiger Möglichkeiten, indem er die oben angesprochene Erlösung auf allen Ebenen anstrebt. Es gibt keinerlei Brüche, keine offenen Fragen, keine Geheimnisse mehr, sobald die Credits rollen. Und diesem Drang nach Klarheit wird dann auch hier und da die erzählerische Aufrichtigkeit untergeordnet. Wie LaLoggia den Subplot um den unschuldige Verurteilten auflöst, ist zwar nicht unglaubwürdig, wirkt aber doch etwas effekthascherisch in einem Film, der sonst so erfolgreich darin ist, die Zwischentöne zu treffen. Spätestens in der Finalauseinandersetzung zwischen Frankie und dem Mörder, der natürlich aus dem erweiterten Protagonistenkreis entstammt,  verfällt LADY IN WHITE mit Haut und Haar der Genrekonvention. Das ist schade, weil es den Film doch um einiges seiner emotionalen Durchschlagskraft beraubt. Dennoch: LADY IN WHITE ist ein starker Film, der sich hinter größeren Produktionen nicht verstecken muss und einen größeren Bekanntheitsgrad definitiv verdient hätte.

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