luca il contrabbandiere (lucio fulci, italien 1980)

Veröffentlicht: Mai 11, 2011 in Film
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syndikat_des_grauens_dasNeapel: Luca Di Angelo (Fabio Testi), dem erweiterten Kreis der Mafia zugehörig, verdient sich seine Brötchen mit dem Schmuggeln, meist von Zigaretten – ein Beruf, der ihm und seiner Familie einigen Wohlstand beschert hat, aber vor allem aus der Armut der neapolitanischen Bevölkerung heraus geboren ist. Als Lucas Bruder Micky (Enrico Maisto) erschossen wird, vermutet er zunächst den Lokalrivalen Scherino (Ferdinando Murolo) hinter der Tat, doch bald stellt sich heraus, dass die Bedrohung von außerhalb kommt: Der Marsigliese (Marcel Bozzuffi) will Neapel an sich reißen, um die Stadt mit seinen Drogen zu überfluten, und dabei sind ihm die konservativen Kräfte der Stadt im Weg …

Lucio Fulci hat in rund 30 Jahren mehr als 50 Filme gedreht, in der kollektiven Erinnerung wird er wahrscheinlich für einen Bruchteil seines Schaffens bleiben: seine Zombie- und Splatterfilme, vielleicht einige seiner Italowestern. Dass LUCA IL CONTRABBANDIERE auch zu jenem erlauchten Kreis gehört, kann man vor allem an einem Begriff festmachen: Bunsenbrenner. Die Szene, in der der Marsigliese einer Frau, die ihn betrügen will, mit eben jenem Gerät zu Leibe oder vielmehr zu Gesichte rückt, bleibt nachhaltig im Gedächtnis und wirkt auf den gesamten Film zurück, der dadurch eine Schärfe und Drastik erhält, die der merkwürdig lax erzählte Film sonst kaum aufwiese. Aber auch das kennt man ja von Fulci, dessen Splatterepen sich aller grafischen Härte zum Totz vor allem über eine traumgleiche, ätherische Qualität definieren, die es dem Zuschauer nahezu unmöglich macht, das Gesehene im Anschluss kohärent wiederzugeben. Was an ZOMBI 2, PAURA NELLA CITTÀ DEI MORTI VIVENTI oder L’ALDILÀ wortwörtlich greifbar ist, sind seine spektakulär blutigen (oder einfach nur durchgeknallten) Set Pieces: Haifischzombie, Augensplitter, Gedärmekotzen, Hirnquetschen, Spinnenattacke, Säuregesicht – alles andere ist menschlicher Logik enthobener Rausch, der Triumph der Akausalität, der sich dem sprachlichen Zugriff konsequent widersetzt. (Meines Erachtens nach übrigens noch mehr als bei Argento, dessen Bilder sich ja immer in den Kontext der Kunstgeschichte eingliedern, sich also rational begreifen lassen.)

Und diese Eigenschaft macht dann auch LUCA IL CONTRABBANDIERE, der unmittelbar auf den phänomenalen Erfolg von ZOMBI 2 folgte, zu etwas Besonderem: Nicht, dass der Gangster- oder Mafiafilm nicht schon vorher über seine dem Sujet geschuldeten Härten verfügt hätte, aber wie Fulci seinen Film etwa ab der Hälfte immer wieder heftig Richtung Splatterfilm kippen lässt, ist schon beachtlich. Es lässt sich nicht genau sagen, ob Fulci seiner Gangwar-Geschichte über diese Szenen die Schärfe und Dringlichkeit einimpfen wollte, die der Film sonst vermissen lässt, oder ob der Rückgriff auf diese Splattereffekte aus kommerziellen Erwägungen erfolgte und eine funktionierende Struktur aufweichte.  Die strukturellen wie auch dramaturgischen Mängel des Films sind jedenfalls offenkundig: Es gibt zu viele handelnde Personen, die fremd bleiben müssen und deren Ableben demzufolge keinerlei Spuren hinterlässt, und in der für diese Art von Geschichten so wichtigen Inszenierung des Raumes bzw. der Stadt Neapel (als gesellschaftlichem Raum) muss man Fulci fast Versagen attestieren: Es gelingt ihm einfach nicht, das Bild einer verschworenen Gemeinschaft zu malen, in die jemand mit aller Macht eindringen will, um sie zu zerstören. (Es gibt etwa kaum Establishing Shots der Stadt, nie hat man das Gefühl, als Zuschauer einen „Überblick“ zu haben.)

Was sich wie ein Verriss anhört, soll keiner sein: LUCA IL CONTRABANDDIERE ist ein merkwürdiger Grenzgänger, ein Film, der einerseits noch vom Spirit des italienischen Polizei- und Gangsterfilms der Siebzigerjahre beseelt ist, aber bereits zu neuen Mitteln greift. Jede blutreich zelebrierte Exekution zerreißt den bekannten Flow, strebt die Emanzipation vom Ganzen an und fragmentiert den Film schließlich in einen „klassisch“ erzählerischen Teil und viele kleine geschmacklose Vignetten, die sich unweigerlich ins Gedächtnis brennen. Ja, das könnte man Dekonstruktion nennen.

EDIT: Ich habe den Film noch einmal gesehen, im Kino, und bin zu einem gänzlich anderen Ergebnis gekommen als hier. Bitte also auch diesen Text lesen!

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Kommentare
  1. Agis Sideras sagt:

    Schöne Sätze zur Erläuterung des Fulci-Argento-Gegensatzes, die zu eigenem Weiterforschen inspirieren. Ich habe einige berühmte Fulci-Filme nicht gesehen, aber die besten, die ich kenne, haben diese onirische Kraft, die man nicht vergißt, diese unheimliche Dynamik. Nein, es sind nicht die Splattereffekte darin. Manche meinen wohl, „Non si sevizia un paperino“ sei sein bester Film, und das ist ja ein Krimi ohne viel blutige Effekte, wenn ich mich nicht täusche. Und vielleicht ist es eben das Bemühte und Kunstgewerbliche bei Argento, das einen oft dazu bringt, einen schmutzigen Fulci vorzuziehen, der so leicht zu unterschätzen ist. Zwei Welten.

    • Oliver sagt:

      Vielen Dank für das nette Lob! 🙂

      Es ist ja, wie ich andeutete, etwas ungerecht, aufgrund des notgedrungen geringen eigenen Überblicks über sein Gesamtwerk darüber zu spekulieren, was Fulci denn auszeichnet, was Fulci-typisch ist. Ich kenne wahrscheinlich ein paar Filme mehr von ihm als du, der früheste ist aber eben auch NON SI SEVIZIA UN PAPERINO von 1972 und da hatte er schon über 20 Filme auf dem Buckel.

      Ich finde aber auch, dass man ihm meist Unrecht damit tut, ihn zum Splatteropa mit dem lustigen Augentick zu degradieren und seine Filme lediglich als unbeholfen um die Effekte rumgeschlampten Trash abzuqualifizieren. Klar, er hat später dann auch einigen ziemlichen Schrott fabriziert, aber L’ALDILÀ und PAURA NELLA CITTÀ DEI MORTI VIVENTI sind zwei der unheimlichsten und fredmartigsten Filme, die ich kenne. (Die Lovecraft-Zitate, die letzterem vorangestellt sind, mögen Schwindelei oder Anmaßung sein, aber sie sind auch ziemlich treffend.) Du erwähnst das Schmutzige, ich finde, dass seine Filme auch eine sehr kindliche Qualität haben: Wie da Geräusche grotesk aufgeblasen, Einstellungen ewig zerdehnt und immer wieder entsetzt aufgerissene Augenpaare ins Bild gerückt werden, fühlt man sich als Zuschauer in so eine naive, beeinflussbare und verletzliche, eben kindliche Rolle gedrängt. Dass einige Effekte manchmal unbeholfen oder Ideen völlig überspannt und infantil wirken (der Haifischzombie etwa), unterstützt das noch. Argento kann man – meine ich – „abgeklärt“ rezipieren und Emotionen völlig ausblenden, weil bei ihm die Form so in den Mittelpunkt rückt. Obwohl SUSPIRIA natürlich auch ein sehr märchenhafter Film ist, das kann ich nicht abstreiten.

      Zu NON SI SEVIZIA nochmal: Habe den auch vor etlichen Jahren zum letzten Mal gesehen, aber der hatte schon seine zwei, drei happigen Szenen. Ich erinnere mich an den Slo-Mo-Sturz eines Pfarrers, der auf dem Weg nach unten mehrfach anstößt und der dementsprechend gerupft wird. Und der Mord an einem alten Mütterchen ist auch nicht so erquicklich meine ich. Aber klar, ein NEW YORK RIPPER ist der nicht.

  2. Agis Sideras sagt:

    Das ist interessant. Auch über das Kindliche. Wäre vielleicht eine Erklärung, warum der späte (Ende 80er) „Little House Of Horrors“ (glaub, der heißt so), ihm gut gelungen und in der Darstellung der beiden Kinder-Protagonisten auch überraschend human ist. „Non si sevizia“ muß ich demnächst nochmal sehen.

  3. Dekonstruktion auch in einer anderen Hinsicht: Ich hab den heute abend wieder gesehen und ich find da gibt’s ne gewisse Parallele zum NEW YORK RIPPER. Ich mag jetzt sicherlich nicht rumpelige Drehbücher entschuldigen, um filigrane ausgearbeitete Stoffe handelt es sich bei beiden nicht, aber ich hab auch bei beiden auch nicht den Eindruck, dass Fulci drauf aus war konventionelle Genrekost abzuliefern, sondern vielmehr „Entzauberung“ betreibt, den jeweiligen Genres einen gewaltigen Stinkefinger entgegenstreckt. Genauso wie er im RIPPER der Bewunderung die Giallos oder Slasher ihren Killern gerne auf die ein oder andere Weise entgegenbringen seinen totalen Loser-Schlitzer entgegensetzt, entzaubert er hier den Topos vom Kleingangster mit einem Herz aus Gold: Denn letztendlich ist es ja Luca, der den nicht ganz unvernünftigen Rat seiner Frau die Rache zu sein zu lassen, in den Wind schlägt, dadurch die Ereignisse (so richtig) ins Rollen bringt und deswegen auch die brutale Vergewaltigung seiner Frau zu verantworten hat, da er es ja nicht schafft, sie zu schützen. Ebenso ist er auf die Hilfe von einer Gruppe Rentner angewiesen, um die immer mehr aus dem Ruder laufende Gewaltspirale am Ende zu stoppen. Für einen Hauptcharakter irgendwie ganz schön schwach, ne?

    Weiterer Zusammenhang zwischen RIPPER und LUCA: Okay, die Gewalt gegen Frauen in beiden Filmen ist echt krass, auf der anderen Seite find ich’s bemerkenswert, was für eine unglaubliche Arschlochparade an Männern er hüben wie drüben auffährt, Fast alles Männer, die sich offenbar nur noch über Erniedrigung und/oder Gewalt definieren können.

    • Oliver sagt:

      Danke für den Kommentar. Mit meinen Texten zu den beiden Filmen – bzw. mit den Sichtungen, auf denen sie basieren – bin ich eh nicht so zufrieden. Müsste die mal wiedersehen.

      • Kann auch sein, dass ich da zuviel reininterpretier und letztendlich ganz schön fragwürdigen Filmen zujubel! 😉 Aber hier und da drängt sich – für mich – nunmal schon die Frage auf, wieso er dies, das und jenes so und nicht anders, wie die anderen, gemacht hat und wenn man jetzt noch im Hinterkopf hat, dass der Mann offenbar eine recht komplexe Persönlichkeit und ein Einzelgänger war…;)

        Fulci meinte mal in einem Interview, dass er versucht JEDEN Film (auch die unter widrigen Umständen) so zu machen, dass er von IHM ist und in diesem Mix aus Eigenen (oder eher „Querköpfigen“) und äußeren Umständen (kommerziellen Zwänge, wenig Budget), indem mal das eine, mal das andere überwiegt (ich glaub, dass ist das, was Du als „Fulci-Brille“ bezeichnest), liegt wohl auch der Schlüssel zu seinem Köchelverzeichnis. Und ich glaube, von diesem Eigenen findet sich auch in CONTRABAND und im so umstrittenen NEW YORK RIPPER so einiges.

        Besprichst Du eigentlich noch weitere Filme von ihm?

      • Oliver sagt:

        Nein, die zuletzt gesehenen Filme habe ich als Vorbereitung für einen Aufsatz geschaut, der im hoffentlich noch in diesem Jahr in Druck gehenden Fulci-Buch veröffentlicht wird. Da geht es um sein Spätwerk. (Einen Kurzaufsatz zu BEATRICE CENCI habe ich auch beigesteuert.)

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