california split (robert altman, usa 1974)

Veröffentlicht: Mai 20, 2011 in Film
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Erst am Ende von CALIFORNIA SPLIT wird einem so richtig klar, was man da soeben eigentlich gesehen hat. Es ist nicht wirklich ein Plottwist, schon gar nicht nach dem gegenwärtigen Verständnis, nach dem man dem Zuschauer mittels eines solchen in der letzten Szene eines Films klarmacht, dass er soeben 90 Minuten seines Lebens verschwendet hat, aber eine krasse Verkehrung der Vorzeichen, unter denen man den Film zuvor gesehen hat. Bill Denny (George Segal) hat beim Pokern soeben einen großen Gewinn eingefahren, der ihn zumindest kurzzeitig sanieren wird und seinen Kumpel Charlie (Elliott Gould) frohlocken lässt. Doch anstatt sich zu freuen, sitzt Bill in sich zusammengesunken auf seinem Stuhl, wie gelähmt von der ihn plötzlichen überfallenden Selbsterkenntnis, dass er ein hoffnungsloser Zocker ist, der die Selbsttäuschung zu einer solchen Kunstform erhoben hat, dass es fast schon an Selbstmord grenzt. Das berühmte „Gefühl“, das einem Spieler sagt, wann er etwas riskieren sollte, weil ihm ein großer Gewinn winkt, das auch Bill zu spüren behauptet hatte, es war gar nicht da, er hatte es nur behauptet, um sich vor sich selbst zu rechtfertigen. Er hat sich und seinen Kumpel angelogen, weil das Bedürfnis zu spielen stärker war als die eigene Vernunft und die Existenzangst. Und während er da sitzt, trotz voller Taschen ein Verlierer, führt Charlie ein Freudentänzchen auf, völlig unempfänglich für den Zusammenbruch des Freundes. Es ist wie der Eimer kalten Wassers, der einen unverhofft aus einem Nickerchen reißt.

Bill und Charlie haben sich zufällig beim Pokern kennen gelernt. Charlie hat gegen einen überaus schlechten Verlierer gewonnen und damit die Sympathien Bills, eines seelenverwandten Spielers, errungen. Ihr Bund wird bei einem gemeinsamen Besäufnis besiegelt, nach dem beide vom genannten Verlierer überfallen, verprügelt und des gesamten Gewinns beraubt werden. In den nächsten Wochen ziehen sie von einem Casino zum nächsten, von der Rennbahn ins Wettbüro und von einer miesen Pinte zur anderen. Doch während Charlie in diesem Lebensstil vollkommen zu Hause zu sein scheint, geht Bills „normales“ Leben langsam, aber sicher vor die Hunde … 

Altmans zu diesem Zeitpunkt bereits fest etablierter Stil transzendiert CALIFORNIA SPLIT von der leichten Zocker- zur pseudodokumentarischen Tragikomödie. Als Zuschauer tritt man eher in einen bereits bestehenden, fest gefügten und nach eigenen Regeln funktionierenden Kosmos ein, als dass einem dieser langsam geöffnet und vorgestellt werden würde (damit man nicht gänzlich orientierungslos ist, schaut sich Charlie zu Beginn, als er noch darauf wartet, endlich an seinen Pokertisch gerufen zu werden, aus Langeweile einen Film an, der Neulingen – also auch dem Zuschauer – die Grundregeln des Pokerspiels erläutert), und der geschäftige, ruhelose Flow des Films, der atemlos, aber dennoch entspannt eine Episode an die nächste reiht, ohne einen klar definierten zeitlichen Rahmen zu etablieren, gleicht dem Lebensstil der Protagonisten, deren Tagesablauf sich längst nicht mehr nach der Uhrzeit oder den üblichen Geschäftszeiten richtet: Nachdem die beiden ihre bei der oben erwähnten Prügelei erlittenen Wunden versorgt haben, wird ihnen von den beiden Beinahe-Prostituierten Barbara (Ann Prentiss) und Susan (Gwen Welles) ein Frühstück aus Froot Loops und Bier serviert, nachdem sie sich dann zum Schlafen hinlegen. (Roger Ebert schreibt sehr schön und treffend: „This movie has a taste in its mouth like stale air-conditioning, and no matter what time it seems to be, it’s always five in the morning in a second-rate casino.“) Die beiden sind ständig entweder auf dem Weg zum nächsten Spiel oder Rennen oder aber sie kommen von dort und wenn man kaum etwas über ihr sonstiges Leben erfährt – Bill arbeitet als Redakteur für eine Zeitschrift -, dann ist das nicht einfach dem Fokus des Films geschuldet, sondern der Tatsache, dass dieses „echte Leben“ nicht mehr existiert: Es musste längst der Spielsucht weichen. Und ihre neue Heimat haben sie an Orten gefunden, die uncharmant-zweckdienlich erscheinen wie die Rennbahn oder als billig-kitschige Imitation dessen, was die übernächtigten Durchschnittsexistenzen – keine Spur von der Coolness, die Steve McQueen etwa in CINCINNATI KID oder Paul Newman in THE HUSTLER verströmen – für Glamour halten.         

Wie kaputt seine Protagonisten sind, das macht Altman in kleinen Episoden deutlich, die jedoch nie den beschwingten Ton des Films affizieren: Bei einem wiederholten Überfall durch einen bewaffneten Dieb leugnet Charlie kurzerhand die drohende Gefahr, weil er nicht schon wieder seinen Gewinn verlieren möchte, und fordert den verdutzen Kleinkriminellen auf, sich entweder mit der Hälfte des Geldes zufriedenzugeben oder aber ihn zu erschießen. Und als Charlie in der zweiten Hälfte von CALIFORNIA SPLIT völlig unangekündigt für gut 15 Minuten aus dem Film verschwindet, nur um dann gut gelaunt von einem Zockertrip aus Tijuana wiederzukommen, ahnt man, auf welch dünnes Eis sich diese Figur gewohnheitsmäßig begibt. (Die Sorge seines Freundes Bill, ihm sei etwas zugestoßen, weicht schnell dem Ärger darüber, dass Charlie ihn nicht mitgenommen hat.) Diese scheinbare Leichtigkeit ist zum einen den Regeln des Genres geschuldet, das die Abgründe der Spielsucht bloß als unangenehme Nebenerscheinung des Glücksspiels als richtigerweise als dessen Wesen darstellt, zum anderen Altmans Strategie, den Zuschauer konsequent mit den Protagonisten auf Augenhöhe zu stellen, auf dass ihn die Erkenntnis am Ende genau so hart treffe wie Bill. Man fühlt sich wie beim Besuch auf einem fremden Planeten und die Geschäftigkeit und der Enthusiasmus, die die Figuren antreiben, sie von einem Hoch sogleich ins nächste Tief stürzen, ohne dass sie sich jemals mit dem lauwarmen Gefühlsraum dazwischen beschäftigen müssten, ist durchaus ansteckend. Das ist vielleicht die größtmögliche Leistung des alten Zynikers Altman: Dass er eine valide und direkt ins Schwarze treffende Kritik am Glücksspiel übt, ohne dessen Faszination zu leugnen oder sie rundheraus zu verteufeln. Ihm gelingt mit CALIFORNIA SPLIT das Kunststück, einen Film abzuliefern der gleichzeitig banal und enigmatisch, ziellos und unaufhaltsam, willkürlich und dabei absolut zwingend ist, zwischen anscheinend unvereinbaren Gegensätzen pendelt wie der Zocker zwischen Jackpot und Bankrott. Nebenbei ein Film, der keinen Zweifel daran lässt, dass er unbedingt eine Zweitsichtung erfordert.

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