horror express (eugenio martin, spanien/großbritannien 1972)

Veröffentlicht: Juni 8, 2011 in Film
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Der Anthropologe Prof. Dr. Alexander Saxton (Christopher Lee) hat im ewigen Eis der Mandschurei ein eingefrorenes menschenähnliches Urzeitwesen geborgen, das möglicherweise das fehlende Glied in der Evolutionskette ist und das er in einer Kiste mit dem Zug nach England transportiert. Als an Bord mehrere Passagiere tot und mit vollständig weißen Augen aufgefunden werden, stehen Saxton und sein Kollege Dr. Wells (Peter Cushing) vor einem Rätsel, bis sie die Kiste schließlich leer auffinden …

Der Spruch, mit dem der Film auf der DVD-Hülle beworben wird, ist so blödsinnig wie er irreführend ist: „Einer der letzten großen Horrorklassiker“, heißt es da. So schön ich HORROR EXPRESS auch finde, er ist sicherlich kein großer Klassiker, sondern eher eine genregeschichtliche Kuriosität, die mit ihren kongenialen Besetzungscoups zwar die Nähe zu den Hammer-Filmen sucht und sich als vordergründiger Verwandter des Gothic Horrors Hammer’scher Provenienz ausgibt, seine pulpig-eurotrashigen Wurzeln aber – zum Glück! – nie zu verbergen weiß. Eugenio Martins Film entpuppt sich als pralle Collage verschiedenster Einflüsse, die eigentlich nie dazu bestimmt waren, zusammengeführt zu werden, und gewinnt, weil er nie zum bloßen Zitatekino gerinnt, sondern seine wüste Geschichte, die an ein besonders beknacktes Horrorcomic erinnert, mit diesem heiligen Ernst erzählt, der das spanische Genrekino jener Tage so liebenswert macht: Heute wäre HORROR EXPRESS überhaupt nicht mehr denkbar.

Da machen Lee und Cushing die haarsträubendsten wissenschaftlichen Entdeckungen – unter anderem entnehmen sie dem Augapfel des Monsters ein Sekret, in dem sie unter dem Mikroskop dann dessen letzten Sinneseindruck erkennen können: das Bild seines Opfers! – und bleiben dabei gemäß ihrer britischen Art völlig regungslos, während Silvia Tortosa und Helga Liné die typischen damsels in distress geben, ohne zu bemerken, dass es in diesem Film keinen schönen Recken gibt, der sie retten könnte. Alberto de Mendoza frönt als Mönch, der die Präsenz des Bösen von Anfang an gespürt hat und schließlich zu dessen Helfershelfer wird, dem südländischen Overacting (er erntet vom Monster den besten antiklerikalen Diss des Films: „In ihrem Kopf ist nichts, was mir von Nutzen sein könnte.“), dessen krasses Gegenteil Telly Savals verkörpert, der erst zum Schluss mal ganz entspannt reinschaut, mit seinem ultracoolen Kurzauftritt aber dennoch ganz schön Eindruck zu schinden weiß. So richtig schön ist HORROR EXPRESS aber eben wegen seines irgendwie kindlichen Gemüts: Die ganze Geschichte um das Monster und seine Fähigkeiten ist ebenso grell wie das Weiß in den Augen seiner Opfer, die sich am Ende bis zur Decke stapeln und in einem tollen Showdown nochmal wiederauferstehen dürfen. Überhaupt diese Make-up-Effekte: Aus technischer Sicht mögen sie fadenscheinig sein, aber sie sind saumäßig effektiv. Der ganze Film hat eine visuelle Qualität, die einen sofort an mit weitschweifigem Pinselstrich und kräftigen Farben gemalte Schauergeschichten erinnert, die heute gänzlich aus der Mode gekommen und von gleichförmigen nihilistisch-tristen und „realen“ Horrorszenarien abgelöst worden sind. Allzu gern lasse ich mich auf so eine saftige Schauermär wie HORROR EXPRESS ein, die in ihrer Verbindung von ungelenker Murder Mystery, tumber Monsterposse und fehlgeleiteter Science Fiction, unterkühlter Inszenierung, vorgetäuschter classiness und dreist erlogener Geschichte, Schauspielern, die wie aus unterschiedlichen Universen zusammengecastet wirken, steifer englischer Synchro und dem Wechsel von klaustrophobischen Innenaufnahmen mit zur Auflockerung eingestreuten Totalen des Zugs etwas an sich hat, das ich einfach nicht in Worte fassen kann, ohne Kettensatzmonster wie dieses hier zu produzieren. Vielleicht ist das Magie.

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