mad dog morgan (philippe mora, australien 1975)

Veröffentlicht: Juni 8, 2011 in Film
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Während des Goldrauschs im Australien der 1850er-Jahre wird Dan Morgan (Dennis Hopper) wegen eines Raubüberfalls zu 12 Jahren Haft verurteilt, von denen er sechs absitzt, bevor er auf Bewährung freigelassen wird. Weil er nichts anderes gelernt hat, setzt er sein Werk umgehend fort und lernt so Billy (David Gulpilil) kennen, den Sohn eines Weißen und einer Aborigine-Frau, der ihn nach einer Verwundung gesundpflegt und  fortan auf seinen Raubzügen begleitet. Morgan ist bald im ganzen Land gefürchtet und die Polizei zieht immer engere Kreise um ihn …

Philippe Mora begann seine Regiekarriere mit einem Paukenschlag: MAD DOG MORGAN ist nicht nur bis heute wahrscheinlich Moras bester Film geblieben, er darf auch zu den Höhepunkten des neueren australischen Kinos gezählt werden, mit dessen Vertretern er einen ebenso rauen wie elegischen Ton und den Hang zum Naturmystizismus teilt. So sehr auch Dennis Hoppers Morgan mit seinem Rauschebart und dem Räuber-Hotzenplotz-Hut im Mittelpunkt des Films steht, die Landschaft, in der sich sein Schicksal vollzieht, ist stets mehr als nur austauschbare Kulisse. Mike Molloy als DoP und der spätere Oscar-Preisträger John Seale als Operator erwecken die Natur in ihren von großer Tiefenschärfe geprägten Bildern zum Leben: Man hat das Gefühl, dass sich der Mensch mit seinen Bemühungen, hier eine Zivilisation aufzubauen, besonders schwer tut, als sei da eine Präsenz, die sich ihm entgegenstellt und sein Bedürfnis, Ordnung zu schaffen, stets mit Chaos zu beantworten weiß. Der Mensch ist hier nur ein flüchtiger Gast, der längst wieder vergessen ist, wenn die Wildnis noch Jahrhunderte weiter wuchert. Morgan passt perfekt in dieses Land: nicht bösartig, aber unzähmbar, rast er einer Urgewalt gleich durch den Film, gezogen nicht von einem Ziel oder Zweck, sondern nur von einem inneren Trieb, dessen Opfer oftmals er selbst ist. Die Polizei kann seiner nicht Herr werden und wenn man bedenkt, dass dieser Verbrecher auch heute noch ein australischer Volksheld ist, dann muss man zu dem Schluss kommen, dass es den Obrigkeiten bis in die Gegenwart hinein nicht gelungen ist, Mad Dog Morgan zu bannen. Oder ist das nicht eigentlich die bittere Ironie des Stoffes?

Mora unternimmt folgerichtig ebenfalls erst gar nicht den Versuch, seinen Titelhelden in eine Schublade zu stecken und ihn mit den Mitteln der Vulgärpsychologie greifbar zu machen. Zwar bieten sich einige Ansätze an, seinen Werdegang zu verstehen, seine Verbrechen als Reaktion auf die während der Haft erlittenen Verletzungen zu interpretieren, doch ist das weniger der Intention Moras geschuldet, als vielmehr das Resultat der eigenen filmischen Prägung: Man kennt diese Geschichten von den asozialen Außenseitern, deren Persönlichkeitsstruktur es ihnen unmöglich macht, sich anzupassen und einzugliedern und die sich der Gesellschaft entgegenstellen, weil sie deren Aggressionspotenzial am eigenen Leib zu spüren bekommen haben, und ist geneigt, diese Schablone auch auf MAD DOG MORGAN zu übertragen. Aber je stärker man versucht, dieses Erklärungsmodell auf Morgan anzuwenden, umso mehr fallen die Brüche auf, stellen sich Fragen, auf die es keine befriedigende Antwort gibt.

In der ersten Szene attackiert Morgan in einer modrigen Goldsuchersiedlung einen Mann, weil der einen chinesischen Einwanderer beleidigt hatte. Bei seinem anschließenden Besuch in einer chinesischen Opiumhöhle wird er Zeuge eines blutigen Überfalls von Rassisten auf die chinesische Siedlung und kann selbst nur mit Mühe entkommen. Dies mag als Ursache für die Distanzierung von den Menschen fungieren, für das Misstrauen, das er ihnen und ihrem Konzept von Zivilisation entgegenbringt, aber reicht dieses Erlebnis aus, ihn zum Räuber zu machen? Man erfährt wenig über Morgan: Er scheint überdurchschnittlich intelligent zu sein und er ist durchaus kein Soziopath. Aber wenn er Intoleranz und Gewalt gegen Schwächere so verachtet – man beachte, wie der Hass in seinem Blick aufflammt, wann immer die Staatsgewalt das „gemeine Volk“ mit Tieren vergleicht (die Lehren Darwins werden mehrfach im Film erwähnt) -, wieso zieht er dann plündernd und mordend durchs Land? Diese Frage ist auch deshalb so schwer zu beantworten, weil Morgans Taten meist nur angerissen werden. In einer Montagesequenz wirft er sich mehrfach in Räuberpose, doch wen er da bedroht, das bleibt ungewiss: Er zielt mit seinen Pistolen auf den Zuschauer. Es liegt kein Motiv in seinen Taten, kein revolutionärer oder umstürzlerischer Impetus. Morgan ist einfach. Wohl auch deshalb entwickelt sich eine tiefe Freundschaft zu Billy, dem Halb-Aborigine. Beide müssen nicht viel miteinander reden, um sich ihrer Verwandtschaft zu versichern.

Auch aufgrund dieser Offenheit des Films trifft das Ende umso härter: Morgan wird gestellt und erschossen, aber sein Tod ist gänzlich unspektakulär. Wahrscheinlich hat er erkannt, dass seine Zeit abgelaufen ist, denn er geht geradezu blind auf seinen Feind zu, wie in Trance versunken, ohne Gegenwehr zu bieten. Superintendent Cobham (Frank Thring), der die Jagd auf den „Staatsfeind“ initiiert hatte, ein widerlicher Faschist, verfügt, dass Morgans geköpft werde, auf dass die Wissenschaft seinen Schädel ihn untersuchen könne; aus seinem Skrotum will er sich einen schicken Tabakbeutel machen. Morgan wollte mit der Gesellschaft nichts zu tun haben: Nun wird er nach seinem Tod als deren Negation doch noch eingemeindet.

 

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