park row (samuel fuller, usa 1952)

Veröffentlicht: Juni 17, 2011 in Film
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New York in den 1880er-Jahren: Phineas Mitchell, Redakteur des „Star“, einer von der Unternehmerin Charity Hackett (Mary Welch) geführten Zeitung, und ein feuriger Verfechter journalistischer Ideale, wird nach einem Disput mit seiner Chefin über die Verantwortung einer Zeitung entlassen. Sein ihm vorauseilender Ruf als integrer und kompetenter Zeitungsmann verschafft ihm jedoch schnell einen Geldgeber und eine eigene Zeitung, die er ganz nach seinen Vorstellungen führen darf: „The Globe“. Sein Geschäftssinn, Ideenreichtum und Berufsethos – sowie die Satzmaschine, die sein Angestellter Mergenthaler (Bela Kovacs) erfindet – machen seine Zeitung schnell zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für seine ehemalige Arbeitgeberin, der alle Mittel recht sind, den sich anbahnenden Kampf um die Auflage für sich zu entscheiden …

Wenn man seine wunderbare Autobiografie „The Third Face“ gelesen hat, dann weiß man, dass Sam Fuller nie einen Kinofilm gedreht hat, der ihm nichts bedeutete, der lediglich ein Job gewesen wäre: Bis er es sich zu Beginn der Sechzigerjahre mit den wütenden, antikommerziellen SHOCK CORRIDOR und THE NAKED KISS mit den Hollywood-Studiobossen verscherzte, hatte er, begünstigt durch seinen frühen Erfolg, das Glück, immer die Filme machen zu dürfen, die er machen wollte. Trotzdem lag Fuller PARK ROW besonders am Herzen und das merkt man, wenn man den Film sieht. Wenn Fuller in seinem Buch von seiner Zeit als Zeitungsjunge und dann jener als Journalist spricht, wenn er das geschäftige Treiben auf der New Yorker Park Row beschreibt, jener Straße, auf der die Zeitungen damals entstanden, dann spürt man förmlich, wie ihm das Herz in der Brust hüpft und es ihm wieder in den Fingern kribbelt. Funktionierender Journalismus, also eine freie Presse, das betont er mehrfach, ist für ihn eine der wichtigsten Grundlagen der Demokratie und PARK ROW, den er selbst produzierte und dazu jene Straße, die er so liebte, im Studio nachbauen ließ, ist seine Liebeserklärung an diese freie Presse. Das muss man stets im Hinterkopf behalten, denn sonst könnte man vom zentnerschweren Pathos, das Fuller hier auffährt, schlicht erschlagen werden.

Was PARK ROW am meisten von Fullers anderen Filmen unterscheidet, sind seine Dialoge. Man könnte meinen, dass sich der Sujet- und Milieuwechsel – weg von den kernigen Soldaten aus THE STEEL HELMET und FIXED BAYONETS! hin zu den sprachgewandten Journalisten – auch in der Handlung stärker niederschlagen würde, doch bleibt Fuller hier seinem berühmten grafischen und pointierten Wham-Bang-Stil weitestgehend treu: Was sich am Ende auf der Park Row abpielt, ist kaum weniger als ein Krieg. Das liegt wohl auch daran, dass der Journalismus des vorvergangenen Jahrhunderts noch tatsächlich ein Handwerk war, seine Protagonisten keine vergeistigten Schreibtischtäter, sondern Männer der Tat, die sich auf den Straßen auskennen mussten, um ihre Geschichte vor der Konkurrenz zu Papier zu bringen. Phineas Mitchell, passenderweise gespielt von Gene Evans, der auch in den beiden genanten Kriegsfilmen die Hauptrolle innehatte, ist dann auch nicht so weit von den schlagkräftigen Kämpfern entfernt, aber seine Waffe sind in erster Linie die Worte (auch wenn er ein paarmal handgreiflich wird). Und diese Worte formen hier Sätze, die weniger dazu da sind, Charaktere zu konturieren, sondern vor allem Ideen und Ideale zu präsentieren. Fullers Film beginnt nicht wie sonst mit einem Knalleffekt, sondern beinahe literarisch: Über das Bild laufen die Namen aller US-amerikanischen Zeitungen, darüber wird wiederum ein Text eingeblendet, der den Zuschauer direkt anspricht: Eine dieser Zeitungen ist die, die auch du täglich liest! Dann wird auf den Regisseurscredit geschnitten, doch Fullers Name wird nicht bloß eingeblendet, er liegt vielmehr in Form von Lettern, also als Druckstempel, in der Hand einer Statue. Das Bild zieht auf und eine Stimme setzt den Zuschauer darüber in Kenntnis, dass dies Johannes Gutenberg sei, der Erfinder des Buchdrucks, dessen Statue auf der Park Row steht. Die Kamera zieht weiter auf und fängt eine weitere Statue auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein, diesmal von Benajmin Franklin, der als Schutzpatron über die Straße und die Zeitungsredaktionen wache und damit den ideellen Link zwischen der Verfassung der Vereinigten Staaten und der Presse herstellt.

Der Rahmen ist gesteckt: In PARK ROW wird es nicht bloß um singuläre Konflikte im Zeitungsmilieu gehen, sondern um das Wesen des Jorunalismus überhaupt, um die Frage, was Journalismus leisten soll, was er darf und nicht darf. Mit Mitchell und Hackett prallen diametral entgegengesetzte Auffassungen aufeinander: Er glaubt an die Aufrichtigkeitspflicht des Journalisten und weiß um die fundamentale Bedeutung eines guten Journalismus für Gesellschaft und Nation, sie will in erster Linie Gewinn erwirtschaften, die Nachricht selbst ist ihr dabei nur Mittel zum Zweck. Natürlich muss dieser Konflikt aufgelöst  und die böse Kapitalistin geläutert werden, sie muss einsehen, dass ihre Auffassung die falsche ist und ganz im Sinne Fullers ist es ein von Mitchell geschriebener Zeitungsartikel, der ihr die Augen öffnet. Es hat aus heutiger Sicht vielleicht einen kleinen Beigeschmack, dass Hackett eine Frau ist, sie nicht nur als Geschäftsfrau vor Mitchell kapituliert, sondern auch als sexuelles Wesen: Er hat sie ganz und gar erobert. Man sollte dies ebenso wie die manchmal etwas gestelzten Reden, zu denen die Protagonisten anheben, eher als Beleg für Fullers ungebrochenen Glauben an die Kraft des geschriebenen Wortes betrachten oder es aber vor allem als humanistische Geste ansehen, dass Hackett ein Wesen jenseits ihres zweifelhaften Geschäftsgebarens zugedacht wird, ihr das Potenzial zugestanden wird, sich zu ändern, und die Kraft, dies dann auch tatsächlich zu tun. Wie vielen Filmschurken wird diese Fähigkeit verweigert?

Führt man sich schließlich vor Augen, was aus den hier vertretenen Idealen geworden ist, begreift man, dass das Duell zwischen Aufklärung und Kapitalismus komplett anders ausgegangen ist, als in PARK ROW dargestellt, dann lässt sich auch mit Fullers Theatralik ganz gut leben, versteht man, wie wichtig diese Ledenschaft tatsächlich ist. Nachdem ich Fullers Buch gelesen habe und dabei das Gefühl hatte, dieser Mann, der so viel erlebt hat, dass ein Leben dafür gewöhnlich gar nicht ausreicht, sitze direkt neben mir und erzähle mir seine Geschichten, kann ich sowieso nicht anders, als seine Filme zu lieben und zu verehren. Auch diesen hier, der nicht ganz so gut gealtert ist wie seine zahlreichen Großtaten.

 

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