riti, magie nere e segrete orge nel trecente … (renato polselli, italien 1973)

Veröffentlicht: Juni 27, 2011 in Film
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Eine Hochzeitsgesellschaft sieht sich auf einem alten Schloss am Rand der italienischen Alpen merkwürdigen Attacken und Halluzinationen ausgesetzt. Eine okkulte Vereinigung, die in den Verliesen ihr Unwesen treibt, braucht Blutopfer für die Wiedererweckung der vor 500 Jahren hingerichteten Hexe Isabella (Rita Calderoni), deren Reinkarnation die schöne Braut Lauren ist. Nach etlichen Toden, Scheintoden, Vergewaltigungen, Nippelgroßaufnahmen und Vermisstenmeldungen verwandeln sich die männlichen Gäste, unter ihnen Jack Nelson (Mickey Hargitay), der wiedergeborene Lover Isabellas, auch noch in Vampire und machen Jagd auf schöne Frauenhälse …

Es ist recht schnell klar, dass Polsellis auch mit RITI, MAGIE NERE E SEGRETI ORGE NEL TRECENTO … nicht als flammender Verfechter der formalen oder überhaupt nur irgendeiner Logik in die Geschichtsbücher eingehen wird. Gleich zu Beginn wird eine miniberockte Trulla von rotgewandeten Butzemännern auf einem Plastikaltar geopfert, der etwas an die maßstabsungenaue Bühnendeko von Spinal Tap erinnert. Nach einem harten Schnitt verbreitet sich die Kunde ihres Todes unter ihren Freundinnen wie ein Lauffeuer, doch so richtig überrascht sind die Damen nicht: „Sie wurde umgebracht!“ – „Ja, ich weiß, Dämonen haben ihr das Herz rausgerissen.“ All das kann die Damen nicht davon abhalten, zur Hochzeit Laurens auf ein düsterromantisches Schlösschen zu fahren und dort dumm in der Gegend rumzustehen. Es muss in der Folge gar nichts wirklich Außergewöhnliches passieren, um das Gefühl zu haben, eines besonders miesen Albtraums teilhaftig zu werden: Die ausnehmend hölzern agierenden, mit nur einem Gesichtsausdruck ausgestatteten Darsteller sondern am laufenden Meter hanebüchenes Zeug ab, ihre „Charaktere“ sind meist kaum mehr als körperlich präsent und erhalten teilweise erst in den letzten zehn Minuten des Films überhaupt einen Namen, was einer herkömmlichen Identifikation eher abträglich ist. Das narkoleptische Temperament, das ich eben schon ansprach, ist allen zu eigen, sodass auch die merkwürdigsten Vorgänge nie zu Konsequenzen führen. Und, oh ja, es gehen einige wirlich rätselhafte Dinge auf dem Schloss vor, die die auch schon nicht gerade langweilige Polselli-Realität noch mächtig durcheinander wirbeln. Da wird gehobelt, dass es nur so kracht, Frauen werden von imaginären Vampiren überfallen, die ihnen an den Brüsten rumschrauben, im alten Folterkeller gepiekst oder auch mal „nur“ eine Treppe runtergeschubst und herzzerreißend idiotische Erklärungsversuche für dieses Treiben bemüht. Das Highlight für mich war aber eindeutig Laurens Bräutigam, der einer akzidentellen Lebendigbeerdigung im schwarzen Lederanzug und mit einer weißen Fellmütze ausgestattet beiwohnt: Sein Style ist geil genau wie ’ne X-File.

Es ist aber vor allem Polsellis Inszenierung, die dem Fass namens RITI, MAGIE NERE E SEGRETI ORGE NEL TRECENTO … endgültig den Boden ausschlägt und ihn zu einem geradezu metaphysischen Filmerlebnis macht: So müssen sich Menschen fühlen, wenn sie langsam in den Wahnsinn abgleiten. Der Schnitt zerstört jede Ahnung von Kohärenz und Chronologie, ohne dies jedoch zur erkennbaren Erzählstrategie zu machen. Für Polselli scheint das alles ganz normal zu sein. Personen tauchen auf und verschwinden wieder, zum Showdown wechseln Tag- und Nachtaufnahmen sich munter ab, das Zeit-Raum-Kontinuum es wird zum Spielball in Polsellis klobigen Flossen. Ich war auf dieses Chaos einigermaßen vorbereitet, kenne ich doch Polsellis nicht weniger deliriösen DELIRIO CALDO: Dieser merkwürdige Serienkillerfilm – ebenfalls mit Janye Mansfields Ehemann Mickey Hargitay – glänzt in der deutschen Fassung mit einer sprachlos machenden Synchro, die ihn zu einem der größten Baddies neben Lenzis ebenfalls kreuzdebilen LE PORTE DELL’INFERNO macht, aber auch durch die beschriebene Handschrift des Regisseurs. Man ist geneigt, diesen Film als Machwerk eines komplett Ahnungs- und Talentlosen zu verlachen, bis dann ein Plottwist herniedergeht, der Adrian Lynes JACOB’S LADDER um fast 20 Jahre vorwegnimmt und die Einordnung plötzlich gtar nicht mehr so einfach macht. RITI, MAGIE NERE E SEGRETI ORGE NEL TRECENTO … entlässt mich kaum weniger ratlos: Der Film ist komplett bescheuert, unterirdisch gespielt und verstößt so ziemlich gegen jedes geschriebene und ungeschriebene Gesetz des filmischen Erzählens. Anflüge von echtem im Gegensatz zu unfreiwilligem Humor, die schiere Konzentration verfremdender Effekte und eine zumindest teilweise wirklich schöne Fotografie und expressive Beleuchtung halten mich aber davon ab, Polselli einfach nur als Dilettant zu bezeichnen. Man kann nicht verleugnen, dass RITI, MAGIE NERE E SEGRETI ORGE NEL TRECENTO … auf seine eigene unerklärliche Weise funktioniert und ja, auch irgendwie ziemlich effektiv dabei ist. Bei surreal angehauchten Filmen wird schnell das Wörtchen „traumgleich“ oder „Traumlogik“ bemüht, nur ganz selten trifft es aber dermaßen ins Schwarze wie bei Polselli, wo zu jeder Zeit alles möglich ist und gerade deshalb nichts mehr überrascht. Die leichenartige Contenance der Figuren scheint die einzig angemessene Möglichkeit, noch auf das Chaos zu reagieren, und dennoch steigert sich der Film in einen wahren Rausch aus schmuddeligem Sex, Folterkellerromantik, knatschrotem Tomatenketchupblut, hingeschluderten Dialogszenen, Stroboskopschnitten, meterbreiten Schnurrbärten und geschmacklosen Kostümen. Sinn im herkömmlichen Sinn ergibt das zu keiner Sekunde, aber, und da geht es mir wie seinen Charakteren, es ist einfach scheißegal. Hauptsache, es knallt.

 

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