the great texas dynamite chase (michael pressman, usa 1976)

Veröffentlicht: Juli 20, 2011 in Film
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Candy Morgan (Claudia Jennings) hat gerade eine Haftstrafe abgesessen, da dreht sie schon das nächste krumme Ding: Mit zwei Stangen Dynamit bewaffnet stürmt sie in eine texanische Kleinstadtbank, um mit dem geraubten Geld die Farm des Vaters zu retten. Mit ihrem furchtlosen Auftreten erregt sie die Aufmerksamkeit der Bankangestellten Ellie-Jo Turner (Jocelyn Jones), der just in diesem Moment wegen anhaltender Unzuverlässigkeit gekündigt wird. Die beiden Frauen begegnen sich wenig später erneut und mit ihrem Enthusiasmus kann Ellie-Jo Candy davon überzeugen, gemeinsam mit ihr weitere Banken zu auszurauben. Mit der Sorglosigkeit von Teenagern gehen beide ihrer neuen Profession nach, bis sie bemerken, dass die Polizei ihren Sinn für Humor nicht ganz teilen mag …

THE GREAT TEXAS DYNAMITE CHASE ist eine nette, harmlose kleine Actionkomödie, wie sie das Exploitationkino der Siebzigerjahre in rauen Mengen hervorbgebracht hat und eigentlich kein Grund, in Begeisterungsstürme auszubrechen. Eigentlich. Denn dieser vermeintlich austauschbare Film hat gestern in einer Art und Weise meine Stimmung getroffen, wie mir das schon lange nicht mehr passiert ist: Von Anfang an war ich ganz und gar „drin“, völlig aufgesogen von der Leichtigkeit, mit der der Film voranschreitet, und geborgen in seiner ansteckend sympathischen Sorglosigkeit. Nicht für eine Sekunde drifteten meine Gedanken vom Film zur schnöden Realität, nicht einmal wanderte der Blick ungeduldig zur Uhr: ein Zustand, der von mir aus ewig hätte andauern können. Wenn es auch nicht unerheblich auf eine unruhige Nacht und meinen angeschlagenen Gesundheitszustand zurückging: dass ich ungefähr zur Hälfte des Films eingeschlafen bin, war irgendwie auch die logische Konsequenz von so viel Gemütlichkeit. Aber es spricht auch für seine Qualität, dass die Fortsetzung dann nicht die befürchtete Ernüchterung brachte. Ich kann die Sichtung von THE GREAT TEXAS DYNAMITE CHASE daher nur mit dem Tragen eines maßgeschneiderten Paars Schuhe (aus weichem Wildleder vielleicht) vergleichen: Man passt so gut rein, dass man ganz vergisst, es überhaupt zu tragen.

Es ist schwierig für mich, diese Begeisterung zu verargumentieren. THE GREAT TEXAS DYNAMITE CHASE ist bestimmt nicht der tollste Exploiter, der jemals gedreht wurde, er beinhaltet keine besonders brillanten Regieeinfälle, bahnbrechenden Szenen oder Stunts, die ich hervorheben müsste, seine Geschichte vermittelt uns keine neuen Erkenntnisse oder Denkanstöße und genauso wenig besteht ein Anlass, ihn für besonders einflussreich zu halten. Seine Stärken liegen ganz allein in seiner ansteckenden Good-Naturedness, die wiederum das Ergebnis einer Vielzahl einzelner unspektakulärer Faktoren ist, die sich wundersam zu großem Effekt verbinden. Pressman (der später noch den mittelprächtigen Achtzigerquatsch Dr. DETROIT und den spaßigen TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES 2: THE SECRET OF THE OOZE drehte und heute ein gut beschäftigter Serienregisseur ist) greift für seinen Film auf eine klassische Handlungsschablone des Gangster- und Roadmovies zurück, aus der er jedoch konsequent jede Anwandlung von Tragik herausgestrichen hat. Auf den Verlust der Unschuld, jenen Point-of-no-return, an dem das Geschehen umschlägt, weil ein zuvor stets eingehaltener moralischer Grundsatz zum ersten Mal verletzt wurde, der in all diesen Filmen die Wendung hin zu einem meist traurigen Ende markiert, wartet man hier vergebens: Die verbrecherische Tour von Candy und Ellie-Jo verliert nie ihren spielerischen Charakter, nie geht es dabei wirklich um den materiellen Gewinn, nie gibt es einen echten, persönlichen Schaden, stets überwiegt die Ansicht, dass man die beiden Frauen für ihren Mut und dafür, dass sie einer Tätigkeit nachgehen, in der sie gut sind, bewundern sollte.

Damit das funktioniert, verlegt Pressman die infrastrukturelle Realität der depressiven Dreißigerjahre in die Siebziger: Die Idee mit den Dynamitstangen ist ebenso ein Anachronismus wie die Leichtigkeit, mit der die Protagonistinnen der Polizei immer wieder entgehen, obwohl ihr Aktionsradius begrenzt ist und sie sich zudem kaum Mühe geben, unerkannt zu bleiben. Überhaupt die Staatsmacht: Die bleibt durchweg gesichtslos – kein grantelnder Bundepolizist hat sich in die Liste der Nebenfiguren gemogelt – und nimmt eindeutig die Rolle des Spielverderbers ein, der die Gangart unnötig verschärft und so ganz allein für den dann doch irgendwann folgenden Schicksalsschlag zuständig ist. Auch wenn THE GREAT TEXAS DYNAMITE CHASE kaum als politischer Film angesehen werden kann, kann man ihm einen dezent anarchistischen oder subversiven Charakter kaum absprechen: Die Raubzüge von Candy und Ellie-Jo sichern ihnen die Sympathie der breiten Masse, immer wieder treffen sie auf Menschen, die bereit sind, ihnen zu helfen. Der Film zieht hier sehr deutlich eine Grenze zwischen den Interessen des übergeordneten Staates und denen seiner Bürger, die sich nicht unbedingt decken müssen. Ihr Outlaw-Dasein mag die beiden Frauen vor den Augen des Gesetzes zu Außenseitern machen, doch die Realität sieht anders aus: Ihre kriminelle Energie vereint die Menschen miteinander. Ich weiß nicht, ob meine Begeisterung für THE GREAT TEXAS DYNAMITE CHASE nun halbwegs plausibel geworden ist. So wie ich ihn sehe, muss man ihn zusammen mit seinen beiden Protagonistinnen einfach lieben.

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