jackson county jail (michael miller, usa 1976)

Veröffentlicht: August 2, 2011 in Film
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Als sowohl ihr Berufs- als auch ihr Privatleben implodieren, macht sich die in der Werbung tätige Dinah Hunter (Yvette Mimieux) mit dem Auto auf den Weg von L. A. nach New York, um dort ein neues Leben anzufangen. Eine Verkettung von Missgeschicken und Begegnungen mit schlechten Menschen lässt sie schließlich im Knast von Jackson County landen, wo ihr Leidensweg aber noch nicht zuende ist: Als der Deputy sie vergewaltigt, bringt sie ihn im Affekt um und befindet sich wenig später gemeinsam mit dem Verbrecher Coley (Tommy Lee Jones) auf der Flucht …

JAKSON COUNTY JAIL setzt die Tradition des Crooked-Cop-Subgenres, das Lesern dieses Blogs vor kurzem mit dem sehr ähnlich lautenden MACON COUNTY LINE und vor etwas längerer Zeit mit SHALLOW GRAVE begegnete, fort, ohne jedoch an deren Qualität anknüpfen zu können: Michael Millers Film fehlen der Flow, um mit ersterem, und die Perfidität, um mit letzterem mithalten zu können. Nach seinem ersten Drittel, das sich des von Thrillmeister Hitchcock so geliebten Motivs des zu Unrecht Beschuldigten annimmt und dabei ziemlich effektiv ist – wen packt nicht der nackte Hass, wenn ignorante Staatsdiener unbescholtene Bürger aus bloßer Fauheit und Bequemlichkeit gängeln und die tatsächlich Schuldigen verschonen, weil sie mit ihnen in Kumpanei verbunden sind? –, verliert der Film leider genau in dem Moment an Fahrt, als seine Protagonisten ihre Flucht antreten. Die nun folgenden Episödchen wollen sich nicht so recht zu einem wirkungsvollen Ganzen zusammenfügen, sodass es an den beiden Hauptdarstellern allein ist, das Interesse wachzuhalten. Weil sie ihre Sache jedoch sehr gut machen – vor allem Jones lässt in einer gemessen an seinen späteren Filmen doch eher ungewöhnlichen Rolle sein Können aufblitzen – und JACKSON COUNTY JAIL mit seinen knapp 80 Minuten zudem nur wenig Raum für Leerlauf lässt, bleibt die ganz große Enttäuschung zum Glück aus. Dass Millers desillusionierter Blick auf ein Land, in dem sich die Mächtigen, die die Regeln bestimmen und diese bei Bedarf ändern, wie es ihnen beliebt, jede sonst unverzeihliche Charakterschwäche erlauben können, seinen Film über bloße Exploitation hinaushebt, darf man ihm zusätzlich anrechnen. Leider bleibt seine Kritik jedoch etwas unfokussiert: Die Konzentration der Auftaktsequenz, in der eine fassungslose Dinah sich von einem ihrer männlichen Kunden, einen verfetteten männlichen Ekelpaket, erklären lassen muss, was eine Frau denkt, vermisst man im Folgenden schmerzlich. Trotzdem hat JACKSON COUNTY JAIL das Herz auf dem rechten Fleck und das tragische Finale, das einem weder Triebabfuhr noch eine klare Auflösung gönnt, lässt so manche Drehbuchschwäche wieder vergessen. Miller sollte ein paar Jahre später den famosen Chuck-Norris-Sereinmörderfilm SILENT RAGE inszenieren und sich für weitere Großtaten empfehlen, die dann leider ausblieben. Wie seiner Protagonistin kamen ihm wahrscheinlich die „Powers that be“ in die Quere, die es besser wussten …

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Kommentare
  1. Agis Sideras sagt:

    Yippie! Kurz vor Mitternacht a blast right back to the time als Film dank Minderjährigkeit noch jene gewisse voranalytische und präabgeklärte Faszination hatte. Den Film würd ich jetzt gerne sehen. Ich hab ihn sehr gerne gemocht wg. der Straffheit, Kürze, Härte, bitteren Konsequenz, in seiner Happigkeit ein spezifisch amerikanisches Seherlebnis. Thx a lot!

  2. Agis Sideras sagt:

    Ich bins schon wieder. Nur als Diskussions-Anregung: Es gab mal eine Zeit im TV, wo Filme wie „Jackson County Jail“ oder Halicki-(Schrott)Ware, also 70s-Ami-B-Movie-Zeug (im weitesten Sinne) regelmäßiger Gast im deutschen Fernsehen war. Die Domestizierung und Sterilisierung des Fernsehens erstreckte sich nicht (im Fall von allen Sendern, privaten wie öffentlich-rechtlichen) bloß auf Softporno, wo zuerst der Eurotrash und dann die Ami-90s-Glanzlackbestände entsorgt wurden. Denke, als jemand, der heute 30+ Jahre ist, hat man hier eine völlig neue Situation vor Augen. Weswegen wir wohl auch alle Medien inkl. Internet intensiv nutzen wie du in deinem Blog, weil wir filmmäßig aktuell nicht genug gefordert werden. Was ich damit sagen will? Vielleicht, daß es nicht selbstverständlich ist, wie es heute ist. Und daß wir wirklich darauf warten, daß es auch im deutschen Film, in Kino und TV, anders wird. Christoph Hochhäusler fragt im Revolver Blog: Was fehlt im deutschen Film? Nun, zum Beispiel die Fähigkeit „Jackson County Jail 2011“ zu drehen. Und sei es mit den Schwächen, die das Original hat.

    • Oliver sagt:

      Ich erinnere mich noch gut an die Zeiten, als die Privaten regelmäßig Italotrash sendeten – und ich, der mir die „Erweckung“ durch Christian Kessler via Splatting Image erst noch bevorstand, dieses Angebot gar nicht so zu schätzen wusste, wie ich es ein paar Jahre später, als die Filme dann nach und nach aus dem Fernsehprogramm verschwanden, zu schätzen gewusst hätte.

      Auch ich empfinde das aktuelle Filmgeschehen – zumindest das, was ich davon mitbekomme – als defizitär und langweilig. Gab es etwa hier bei mir in Düsseldorf früher zig kleine Kinos, die alle ein eigenes Programm machten und somit eine Vielfalt von Filmen anboten (und ein individuelles Ambiente, in dem diese dann vorgeführt wurden), gibt es heute die seelenlosen Multiplexe mit ihren überall gleichen Blockbustern (Sequels, Remakes, Reboots, Comic- und Serienverfilmungen oder eine Kombination aus diesen) und die kaum weniger langweiligen „Programmkinos“, die ja auch nur das runternudeln, was für die großen Kinos halt nicht interessant genug ist. Trotzdem fällt es mir schwer, die Diskussion, die du anstößt, zu führen: Ich weiß nicht, wie JCJ2011 aussehen sollte bzw. ob uns dieser JCJ2011 nicht genauso abtörnen würde wie meinetwegen TCM2004 oder auch ein zeitgenössisches „Original“ (denke nur an SAW und Konsorten). An Exploitation mangelt es ja nicht wirklich, weder im Kino noch auf DVD. Nur gefällt uns 30+-Filmguckern diese nicht. Andererseits gibt es aber junge Leute, die auf die ganzen aktuellen Remakes abfahren und für die Originale nur ein müdes Schulterzucken übrig hätten, weil sie ihnen zu lahm, zu roh, zu billig wären. Dieser Altersstarrsinn, der immer das am besten findet, was er noch von früher kennt, ist ja ein psychologisches Faktum.

      Was ich mit Gewissheit sagen kann, ist, dass eine bestimmte Ästhetik unwiderbringlich weg ist. Der rohe ungeschminkte Look von Copfilmen der Siebzigerjahre, von Italotrash oder eben US-Exploitern aus dem Hause Corman oder Arkoff wurde durch Digivideo und CGI-übersättigte Hochglanzoptik, der von Hand gesetzte Schnitt durch das endlose Manipulieren am Avid ersetzt. Das ist wohl der Lauf der Dinge – wahrscheinlich trauerten Legionen von Cineasten in den Siebzigern dem Technicolor hinterher –, aber mit dieser Entwicklung ist irgendwie auch ein Gefühl verloren gegangen, für das diese Optik eben stand. Wahrscheinlich müsste man selbst eine Videokamera in die Hand nehmen und drauf los drehen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, ein großes (oder überhaupt ein) Publikum zu erreichen oder gar Geld zu verdienen. Die Filme machen, die man selbst gern sehen würde und dann hoffen, dass sich genügend Menschen finden, die da mitziehen. (Ich weiß für mich, dass ich definitiv kein Regisseur bin – zumindest keiner, der Filme dreht, die andere Menschen sehen wollen sollten.) So wie sich das für mich im Moment darstellt, ist Film noch mehr als vor 20, 30 Jahren eine Industrie, die dem Ziel des todsicheren Rezepts ein Stück nähergekommen ist, das Risiko, einen tödlichen Flop zu landen, zumindest minimiert hat – auf Kosten der Kreativität, der Individualität, der Relevanz und der Qualität. Und in Deutschland scheint mir das mit dieser elenden Förderkultur und der Begeisterung fürs biedere Mittelmaß noch viel schlimmer zu sein. Das gilt aber nicht nur für Film, sondern für alle nahezu Ausdrucksformen.

  3. Agis Sideras sagt:

    Ja, wahr gesprochen, Kollege. Leben wir also mit dieser Realität und machen das Beste draus. Da ist definitiv mehr drin, und ein Schlüssel ist die Spontaneität, von der du sprichst. Als ich heute das Göttinger Cinemaxx-Programm anschaute, hatte ich ein Gefühl, das ich jetzt gar nicht beschreiben möchte. Keep on Keep Keepin on.

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