20.000 leagues under the sea (richard fleischer, usa 1954)

Veröffentlicht: September 4, 2011 in Film
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Mitte des 19. Jahrhunderts: Nachdem mehrere Schiffe auf mysteriöse Art und Weise untergehen, mehren sich die Gerüchte über die Existenz eines Seeungeheuers. Eine militärische Expedition, der auch der Wissenschaftler Prof. Pierre Aronnax (Paul Lukas), sein Assistent Conseil (Peter Lorre) und der raubeinige Harpunier Ned Land (Kirk Douglas) angehören, sticht in See, um das Monster zu finden und zur Strecke zu bringen. Stattdessen fällt auch die Expedition dem Montser zum Opfer, doch es entpuppt sich als das U-Boot des abtrünnigen Utopisten und genialen Erfinders Captain Nemo (James Mason). Er nimmt die Überlebenden Aronnax, Conseil und Land gefangen und weiht sie in seine Geheimnisse ein …

Es macht nicht wirklich viel Sinn, 20.000 LEAGUES UNDER  THE SEA, die Disney-Adaption des berühmten Romans des französischen Science-Fiction-Vordenkers Jules Verne, als Werk seines Regisseurs Richard Fleischer zu behandeln. Fleischer war als zuverlässiger Handwerker engagiert worden, der zudem einige Erfahrung mit Special Effects hatte und außerdem ein ausgesprochenes Talent dafür, ökonomisch und effizient zu arbeiten. Im Bonusmaterial der DVD sieht man Fleischer einmal ganz kurz in einem Promofilmchen auf dem Kamerakran sitzen, in den diversen Featurettes fällt sein Name kein einziges Mal, stattdessen wird viel über die Verbindung der beiden seelenverwandten Visionäre Verne und Disney sowie natürlich über die Spezialeffekte gesprochen. Man sollte das aber wohl als Beleg dafür nehmen, dass Fleischer seine Aufgabe perfekt erfüllt hatte: Er stellte sich ganz in den Dienst des schwierig zu drehenden Films und sorgte so dafür, dass von dem auch heute noch fast ausschließlich positiv, ja liebevoll gesprochen wird. 20.000 LEAGUES UNDER THE SEA ist ein Klassiker sowohl des Science-Fiction-Films als auch des Blockbuster-Kinos Hollwood’scher Prägung.

Worüber man sich anhand seiner also sehr gut unterhalten kann, das ist der Wandel dieses Blockbuster-Kinos im Laufe der Jahrzehnte: Wie brachte man Träume und Fantasien früher auf die Leinwand, wie macht man das heute? Als 20.000 LEAGUES UNDER THE SEA ins Kino kam, wurde er bereits gespannt erwartet, weil Disney – ganz Geschäftsmann und Entertainer – bereits vorzeitig begonnen hatte, die Werbetrommel zu rühren und mit gezielt gestreuten Appetitanregern Lust und Interesse zu erzeugen. Jules Vernes Roman war damals ungefähr das, was Fantasyromane und Marvel-Comics heute sind: Ganze Generationen von Prä-Nerds waren von der Imaginationskraft des französischen Schriftstellers inspiriert worden und warteten gespannt darauf, wie seine Erfindungen bewegt auf der Leinwand aussehen würden. Der Erfolg des Films wie auch sein anhaltender Klassikerstatus legen nahe, dass nur wenige dieser Menschen damals enttäuscht aus dem Kino gingen; ganz anders als heute, wo heiß ersehnte Filmumsetzungen geliebter Bücher, Comics, Videospiele oder Remakes älterer Filme trotz riesiger Budgets immer häufiger Ernüchterung, wenn nicht gar unverstellten Zorn bei denjenigen hervorrufen, denen die Vorlage etwas bedeutet. Wahrscheinlich hat das auch damit zu tun, dass der Zuschauer damals weitaus weniger gesehen hatte (vor allem Spezialeffekte), demzufolge dankbarer und vielleicht auch leichter zu beeindrucken war. Man mag mich als Kulturpessimisten beschimpfen, aber ich denke, dass das nicht der einzige und vor allem nicht der triftigste Grund ist.

Betrachtet man 20.0000 LEAGUES UNDER THE SEA – dessen offizielles Budget von rund 5 Millionen Dollar im Jahr 2011 ca. 40 Millionen wert wäre – heute, so fällt unweigerlich eine Diskrepanz zwischen gefühlter und tatsächlicher Größe auf. Der Film spielt über weite Strecken in drei bis vier Räumen der Nautilus, wird zwar immer wieder von Ausflügen auf den Meeresboden, die Meeresoberfläche oder auch einmal eine tropische Insel unterbrochen, aber ist insgesamt doch eher klein und statisch – ganz im Gegensatz zu dem Gefühl von Größe, das der Film mühelos schafft. Man kann sich nur zu gut vorstellen, wie eine Verfilmung von Vernes Buch heute aussähe: Die Nautilus würde zu gigantischen Proportionen aufgeblasen (man erinnere sich an THE LEAGUE OF EXTRAORDINARY GENTLEMEN), die kurzen Attacken auf vereinzelte Kriegsschiffe zu ausufernden Schlachten, Flora und Fauna der Tiefsee in langen effektreichen Sequenzen erkundet und statt eines Kampfes gegen eine Riesenkrake gäbe es gleich mehrere solcher spektakuläre Schlachten. Man würde wohl vor allem die visuelle Gestaltung aufpeppen, eine gigantische Unterwasserwelt im Rechner kreieren und demgegenüber wahrscheinlich den utopistischen Impetus von Nemo trivialisieren. Eine naheliegende Strategie, aber ich glaube, dass Fleischers 20.000 LEAGUES UNDER THE SEA trotzdem noch als „größer“ empfunden werden würde.

Das liegt zum einen natürlich daran, dass fast ausnahmslos alles, was man in seinem Film sieht, tatsächlich existiert: Es gibt keine CGI-Meeresoberfläche, sondern echtes Meer oder zumindest große Wassertanks, die Nautilus wurde wirklich für den Film gebaut, die Taucher tatsächlich auf den Meeresboden geschickt und die Riesenkrake aus Pappmaché zusammengebaut und dann von mehreren Effektleuten bewegt. Der Film hat eine ungeheure Plastizität, die durch nichtsb zu ersetzen ist. Wesentlicher aber für den Eindruck von Größe ist, dass der Film einen Raum außerhalb des Sichtbaren evoziert. So wie Aronnax, Conseil und Land gebannt durch ein Bullauge nach draußen schauen, so sieht auch der Zuschauer nur einen kleinen Ausschnitt der Wunder, von denen Nemo voller Ehrfurcht spricht. Die Fantasie des Betrachters wird mit in den Film eingebunden, der so über sich selbst hinauswachsen kann: Er ist nach Ablauf der 120 Minuten noch nicht zu Ende. Während moderne Effektspektakel sich das Ziel gesetzt haben, den Zuschauern genau den Film vorzusetzen, der bereits seit Jahren in ihrem Kopf abläuft, und in diesem Anspruch unweigerlich scheitern, bietet 20.000 LEAGUES UNDER THE SEA nur den Rahmen, in dem diese Fantasien weiterblühen und auf den Film zurückwirken können. Um mit einer immer beliebten Essensmetapher zu schließen: Man ist nach Fleischers Film zwar gesättigt, aber noch längst nicht voll, während man nach allzu vielen modernen Filmen überfressen, aber trotzdem noch hungrig ist.

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