the girl in the red velvet swing (richard fleischer, usa 1955)

Veröffentlicht: September 7, 2011 in Film
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New York, 1906: Der erfolgreiche – und verheiratete – 48-jährige New Yorker Stararchitekt Stanford White (Ray Milland) verliebt sich in die über 30 Jahre jüngere, bildhübsche und aus einfachen Verhältnissen stammende Broadway-Tänzerin Evelyn Nesbit (Joan Collins) und beginnt mir ihr eine Affäre. Die Liaison zieht den Neid von Harry K. Thaw (Farley Granger) auf sich, der unberechenbare, cholerische und schwerreiche Sohn eines Industriellen, der in White einen erbitterten Rivalen sieht. Als White die Beziehung zu Evelyn beendet und sie auf ein Internat schickt, springt Thaw ein. Die beiden heiraten, doch die krankhafte Eifersucht Thaws ist stärker als alle Beteuerungen Evelyns: Während eines Musicals im von White errichteten Madison Square Garden tritt Thaw an Whites Tisch und richtet ihn mit drei Schüssen hin. Die anschließende Gerichtsverhandlung sieht Evelyn in eine schwierigen Rolle: Auf der einen Seite ihrer großen Liebe Stanford White verpflichtet, auf der anderen von der (einfluss)reichen Familie Thaw bedrängt, wird sie zur Schlüsselfigur des Mordprozesses …

Das breite CinemaScope-Format, die erneut farbenprächtige Fotografie und der Detailreichtum der Ausstattung, der ihn schon fast in die Nähe des Kostüm- oder Monumentalfilms rückt, verdecken den Fakt, dass THE GIRL IN THE RED VELVET SWING tatsächlich ein Vorläufer der True-Crime- und Serienmörderfilme ist, mit denen Fleischer später noch viel Aufsehen erregen sollte. Laut einer Texteinblendung zu Beginn orientiert sich der Film an Gerichtsprotokollen und Interviews mit Evelyn Nesbit, um die Ereignisse, die zu dem Mord an Stanford White führten, möglichst genau nachzuzeichnen. „Möglichst genau“, denn der damals noch gültige Hayes Code zwang die Filmemacher dazu, die Geschichte in entscheidenden Details zu entschärfen, mit dem Ergebnis, dass sowohl White als auch Thaw im Film deutlich besser wegkommen als in der Realität. White, von Ray Milland als distinguierter Gentleman interpretiert, der seiner Ehefrau bis zur Begegnung mit Evelyn Nesbit trotz seiner Anziehungskraft auf das andere Geschlecht stets treu geblieben ist, war in Realität ein unverbesserlicher und sexbesessener Womanizer, der regelmäßig Affären mit jungen Mädchen hatte. Und Thaw, von Granger als egozentrischer Neidhammel und Choleriker angelegt, war ein ausgewachsener Psychopath, der seine Frauen auch schon mal mit der Peitsche traktierte; dass er wegen Geisteskrankheit zur Haft in einer Anstalt verurteilt wird, erscheint innerhalb des Films dann auch als nicht ganz schlüssig. Doch obwohl vor allem die Zeichnung Whites THE GIRL IN THE RED VELVET SWING eher in Richtung „tragische Liebesgeschichte“ drängt, bleibt der Kern des Nesbit-Falles erhalten, wenn auch in abgeschwächter Form: Das Opfer ist auch in Fleischers Film vor allem Evelyn Nesbit, deren naiver Glaube, Klassengrenzen überwinden zu können, bitter bestraft wird. Sie verliert nicht nur ihre große Liebe, sie trägt auch dazu bei, dass dessen Tod ungesühnt bleibt, und ruiniert ihren gesellschaftlichen Ruf: Vor der Öffentlichkeit ist sie nicht mehr als eine Prostituierte, die Thaws Familie dann schleunigst entsorgt.

Dieses Thema symbolisiert auch das Bild der Schaukel, dem der Film seinen Titel verdankt: In einem Zimmer des luxuriösen Appartements, in dem White sich mit Evelyn zu treffen pflegt, hängt diese Schaukel unter einer prächtigen Kuppel, in der ein kreisrundes Fenster den Mond darstellen soll. Die Schaukel verkörpert nicht nur den Reichtum, den Evelyn für sich erhofft und der mit der Beziehung zu White in greifbare Nähe rückt, sie steht auch für das pendelhafte Hin-und-Her zwischen zwei Männern und den unsicheren Boden, auf den sie sich mit dem Aufstieg in höhere Gesellschaftsschichten begibt. Und sie steht für Sex: In einer an den berühmten Schnitt aus Wilders DOUBLE INDEMNITY erinnernden Schwarzblende springt Fleischer von der ekstatisch „bis zum Mond“ emporschwingenden Evelyn (eingefangen in einem damals spektakulären POV-Shot), die von einem kaum minder erregten White angeschubst wird (die Schaukel existierte tatsächlich und spielte eine wichtige Rolle in den Sexfantasien des Architekten), zu einer nun leeren, auspendelnden Schaukel. (Diese subtile, aber dennoch unmissverständliche Art, das Verbotene zu zeigen, findet sich auch an einer anderen, sehr schönen Stelle des Films: Als Evelyn ihrem Stanford eine Zigarre anzündet und dieser fragt, wo sie das gelernt habe, entgegnet sie mit der ihr eigenen mädchenhaften Unschuld, dass ihr Vater sie immer an seinen Zigarren habe ziehen lassen und sie dabei niemals gehustet habe. Es ist vor allem der folgende Blick Whites, der es unmöglich macht, dies nicht als Aussage über ihre verborgenen sexuellen Talente zu deuten.)

Der Titel des Films ist mithin keine neutrale Umschreibung seiner Hauptfigur, er benennt ihr Stigma: Als „Mädchen auf der Schaukel“ wird sie als gefallener Emporkömmling und leichtes Mädchen diffamiert. Das Ende ist dann auch trotz aller Hinwendung zum melodramatischen tearjerker nicht weniger als niederschmetternd: In billigen Vaudeville-Veranstaltungen muss Evelyn Nesbit für ein geiferndes, sensationsgeiles Publikum das „Mädchen auf der Schaukel“ geben. Der Film endet mit einer Einstellung, die die oben erwähnte Schaukelszene aufgreift: Doch diesmal zeichnen sich nicht Freude und Glück auf Evelyns Gesicht ab, sondern Trauer und Verzweiflung. Evelyn wird immer das Mädchen auf der Schaukel bleiben, immer mit dem Stigma und den Schuldgefühlen leben müssen, niemals das ersehnte Ziel eines besseren Lebens erreichen.

Für mich ist THE GIRL IN THE RED VELVET SWING ein sehenswerter und darüber hinaus wunderschön anzusehender Film. Inszenatorisch eher zweckdienlich – man könnte auch positiver sagen: sich der Geschichte unterordnend – sind es neben der erwähnten rauschhaften Gestaltung die kleinen Akzente, die erkennen lassen, dass der Handwerker hinter der Kamera durchaus ein Könner war. Ein Inszenierungskniff wie der hier beschriebene und illustrierte Match on Sound macht den Film noch nicht zum Kunstwerk, aber er hält das Interesse des Zuschauers wach. Fleischers größte Leistung ist hier aber die Führung der drei Hauptdarsteller. Niemals verfallen sie dem Overacting (wozu vor allem die Rolle des Thaw förmlich einlud), agieren stattdessen zurückgenommen und menschlich. Hier ist sie wieder, die von mir schon einmal erwähnte Offenheit und Unvoreingenommenheit: Obwohl die Sympathien ganz klar verteilt sind, erzählt THE GIRL IN THE RED VELVET SWING nicht vom Rotkäppchen und dem bösen Wolf, sondern von einer Gesellschaft, die sich das Märchen vom Tellerwäscher, der zum Millionär wird, vor allem deshalb erzählt, um sich über die Undurchlässigkeit der Klassengrenzen hinwegzutäuschen.

Kommentare
  1. Whoknows sagt:

    Was für ein verheissungsvoller Karrierestart: Bei Hawks durfte sie in der raffiniertesten Pyramide aller Zeiten sterben, Fleischer stellte sie zwischen zwei wirklich grosse Schauspieler – und in den 80ern ärgerte sie mich jeden Mittwoch mit ihrem Champagner-Frühstück, das offenbar zum Ruin von Blake Carrington beitragen sollte. Ich frage mich gerade, ob die Maurer ihre Schönheit noch immer täglich „zementieren“.

    • Oliver sagt:

      Ja, schon erstaunlich. Wenn man so wie ich in den Achtzigerjahren aufgewachsen ist, kannte man sie ja eigentlich nur aus DYNASTY: Sie war in der öffentlichen Wahrnehmung ja total mit dem „Biest“ Alexis Carrington verschmolzen. Unglaublich, dass sie zu diesem Zeitpunkt schon über 30 Jahre im Geschäft war. Und auch zum von dir proklamierten Karrierestart hatte sie ja bereits rund 10 Filme auf den zarten Schultern. In THE GIRL IN THE RED VELVET SWING erinnert sie durchaus etwas an Marilyn Monroe: der naiv-treue Blick, die explosive Mischung aus Sex-Appeal und ostentativ nach außen getragener Unschuld, die puppenhaften Gesichtszüge. Ray MIlland und Farley Granger konnten einem schon Leid tun …

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