these thousand hills (richard fleischer, usa 1959)

Veröffentlicht: September 16, 2011 in Film
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„Lat“ Evans (Don Murray) kommt mittellos nach Montana, um sich dort eine Existenz als Rancher aufzubauen. Das Startkapital bekommt er von der Prostituierten Callie (Lee Remick), in die er sich verliebt, sein Partner ist Tom (Stuart Whitman) mit dem er sich während seiner Zeit als Cowboy anfreundet. Doch Liebe und Freundschaft währen nicht lang: Als er sich bei der Bank um einen weiteren Kredit bewirbt und dabei Joyce (Patricia Owens), die Tochter des Bänkers,  kennenlernt, spürt er, wie weit ihn sein Ehrgeiz tatsächlich bringen könnte, wenn er ein paar alte Zöpfe abschneidet: Er verprellt Tom, als er dessen zukünftige Gattin, die Prostituierte Jen, als „tramp“ bezeichnet – damit auch seine eigene Geliebte diffamierend –, und trennt sich von Callie, um Joyce zu heiraten. Lat steigt bis zum Senator auf, doch als er von dem schmierigen Rancher Jehu (Richard Evans) dazu erpresst wird, sich an dem Lynchmord an  Tom (Stuart Whitman) zu beteiligen, merkt er, dass er sich auf dem Holzweg befindet …

Ende der Fünfzigerjahre hatte der Western schon viele Zyklen durchlaufen, in denen er sich von der einfachen Räuberpistole in ein hochgradig ausdifferenziertes, vielseitiges Genre verwandelt hatte. Seine einzelnen Elemente – Figuren, wiederkehrende Plotelemente oder eine auf den ersten Blick erkennbare Ikonografie – waren bereits etabliert und mit reicher Bedeutung aufgeladen: Ambitionierte Filmemacher fanden ein bereits bestelltes Feld vor, das ihnen alle kreativen Möglichkeiten bot. Die Wurzeln der späteren pessimistischen Bestandsaufnahmen, der Abgesänge des Spätwesterns, finden sich in dieser Zeit und auch Fleischers bemerkenswerter THESE THOUSAND HILLS gehört zu jenen Filmen, die den klassischen Westernhelden einer neuen Betrachtung unterziehen.

Die Inhaltsangabe oben klingt sofort bekannt, ließe sich für jeden einigermaßen versierten Film- und Westernseher mit Leichtigkeit zu Ende erzählen: Es ist die Geschichte von Aufstieg, Verrat und Läuterung, von Klassenunterschieden und dem Wunsch nach sozialem Aufstieg sowie den aus diesem Wunsch erwachsenden bitteren Konsequenzen. Aber es ist erstaunlich, was Fleischer in seiner typischen Art daraus macht: Er verweigert eine allzu klare Steuerung der Sympathie (was sich visuell in dem weitgehenden Verzicht auf Nahaufnamen widerspiegelt), hält Distanz zu den Figuren, von denen keine eindimensional „gut“ oder „böse“ ist, und endet auf einer Note, in der gleichzeitig Bedauern, Reue und schmerzhafte Selbsterkenntnis, aber auch die Hoffnung auf Selbsterfüllung, Erlösung der inneren Konflikte und das Erreichen eines inneren Friedens anklingen.

Lat, vom Start weg als Protagonist markiert, ist ein Getriebener, der einen nie gelösten Konflikt mit seinem Vater mit sich herumschleppt. Sein Wunsch, erfolgreicher Rancher zu werden, enstpringt dem Misserfolg des Vaters, seine puritanischen Moralvorstellungen wiederum einem Erlebnis in der Jugend, als der Vater ihn mit einem Mädchen beim Liebesspiel im Heu erwischte und beide mit der Peitsche traktierte. Diese Disposition löst die zentralen Konflikte aus, lässt ihn zum einen unnachgiebig dem Erfolg hinterherjagen – er vergiftet dazu sogar Wölfe, deren Felle viel Geld einbringen, wozu sich sogar der sonst wenig empfindliche Tom zu schade ist – und erfüllt ihn zum anderen mit Scham gegenüber der Prostituierten Callie, deren Liebe er nicht erwidern kann und der er sich in gewisser Hinsicht unterlegen fühlt. Einer Aufarbeitung seiner sexuellen Neurose, die für eine funktionierende Beziehung zu Callie nötig wäre, versperrt er sich aber bzw. findet er mit seinem Puritanismus einen Spiegel in Joyce, die für ihn zudem der Schlüssel zum finanziellen Wohlstand wie auch Tür in ihm sonst versperrte gesellschaftliche Gefilde ist. Er zieht gewissermaßen die charakterliche Stagnation der sozialen vor. Die Läuterung, die er später erfährt, führt aber keineswegs zu einer 180-Grad-Wendung und einer tränenreichen Wiedervereinigung mit der verschmähten Liebe: Eine Beziehung zu Callie ist ihm unmöglich, aber er hat reinen Tisch gemacht, um eine gute Ehe mit seiner Gattin Joyce führen zu können. Er hat Einsicht in seine Fehler bekommen, ein tieferes Verständnis seiner selbst und der Regeln des menschlichen Zusammenseins gewonnen.

THESE THOUSAND HILLS ist ein ungewöhnlicher Film: Vordergründig ein melodramatischer Western in breitem CinemaScope, mit satten Farben und vor der ehrfurchtgebietenden Naturkulisse Colorados, überfällt er den Zuschauer nicht mit großen Gefühlswallungen und dröhnendem Pathos, vielmehr schleicht er sich ganz behutsam an, wirkt dafür aber umso stärker nach. Es ist ein warmherziger, aber niemals gefühlsduseliger, sondern im Gegenteil sehr realistischer Film, der den Menschen mit allen seinen Schwächen abbildet, ohne ein moralisch endgültiges Urteil über ihn zu fällen. Eine Eigenschaft, die ihn ebenso zu einem typischen Fleischer-Film macht wie seine Meisterschaft über das Breitwand-Format.

Wer einen ausführlichen Essay über  THESE THOUSAND HILLS lesen will, dem lege ich wärmstens diesen Text von Westernspezialist Blake Lucas ans Herz, der mir geholfen hat, ein paar Gedanken zu sortieren und in Worte zu fassen.

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