caged heat (jonathan demme, usa 1974)

Veröffentlicht: September 28, 2011 in Film
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Wegen der Beihilfe zum versuchten Mord wandert Jacqueline Wilson (Erica Gavin) in den Knast. Dort freundet sie sich mit Pandora (Ella Reid) und Belle (Roberta Collins) an, die sich von den zweifelhaften Methoden der Gefängnisleiterin McQueen (Barbara Steele) noch nicht haben einschüchtern lassen und deren Geduld mit zielgerichteten, intelligenten Provokationen auf die Probe stellen. Als Jacqueline wegen einer Auseinandersetzung mit der streitsüchtigen Maggie (Juanita Brown) in den „Genuss“ der Elektroschocktherapie kommt, die der perverse Dr. Randolph (Warren Miller) im Rahmen von McQueens Umerziehungsprogramm durchführt, beschließt sie zu fliehen. Gemeinsam mit Maggie gelingt die Flucht und mit deren schießfreudigen kriminellen Freundinnen wird schließlich zum Sturm auf das Gefängnis geblasen, um die Kameradinnen rauszuhauen …

Wieder was gelernt. Eigentlich hatte ich gedacht, dass Jonathan Demme das WiP-Subgenre mit CAGED HEAT überhaupt erst losgetreten hatte, doch tatsächlich waren unter dem Siegel von Cormans New World Pictures zuvor schon die (von mir später verorteten) THE BIG DOLL HOUSE und THE BIG BIRD CAGE, WOMEN IN CAGES sowie THE BIG BUST-OUT entstanden. Es war an Demme, dem Frauengefängnisfilm eine gewisse Respektabilität zu verschaffen, ohne jedoch die potenziellen Zuschauer, die sich wenig mehr als Sex, Gewalt und gute Laune erhofften, gänzlich zu verprellen. Zu behaupten, dass der Plan aufging, ist eigentlich untertrieben: Näher als in CAGED HEAT waren sich der Frauengefängnis-Film, ein Genre, das in erster Linie Männerfantasien von Nacktheit, Lesbensex, Unterwerfung und sadomasochistischer Gewalt bedient, Feminismus und linke Gesellschaftskritik wohl noch nie. Dabei bedient Demme, wie oben erwähnt, die speziellen Bedürfnisse seiner Zuschauer sehr genau, dem neutralen Beobachter bleibt aber dennoch kaum verborgen, wie der Regisseur zu den entsprechenden Szenen steht.

Gleich zu Beginn verweigert er in der obligatorischen Untersuchungsszene erst einen allzu ausführlichen Blick auf die Anatomie seiner weiblichen Figuren, lässt die Frauen dann auf einen sehr eindeutig zu verstehenden Spruch des Arztes mit einem Blick antworten, der sagt „Das meinst du jetzt nicht ernst, oder?“, mithin eher Langeweile und Genervtheit als Wut oder gar Angst ausdrückt, und schneidet unmittelbar danach weg. Später sieht man Pandora in einem medium shot anscheinend im Stadium orgasmischer Erregung, bevor die nächste Einstellung, ein Close-up auf ein paar rollende Würfel, die tatsächliche und überaus weltliche Ursache ihrer Verzückung enthüllt: Sie hat lediglich ihr Glück beschworen. In einer anderen Szene, in der Pandora und Belle Sketche für ihre Mithäftlinge aufführen, werden schließlich die Rollenklischees und der Verkleidungsaspekt des Genres persifliert und wenn es endlich unter die Gemeinschaftsdusche geht, interessiert sich die Kamera nicht für die nackten Tatsachen, sondern für den Plan der bekleidet bleibenden Belle, der in Einzelhaft sitzenden Pandora Essen zukommen zu lassen.

Dass Demme sich vor der bloß erwartungsgemäßen Erfüllung der Klischees versperrt, ist aber nicht bloß seinem Unwillen, in die Vollen zu gehen, geschuldet, vielmehr passt es zum Gesamttenor, den er in CAGED HEAT anschlägt. Der Film zeigt eine Welt, in der Außenseiter keinen Platz mehr haben, vom „System“ um jeden Preis auf Linie gebracht und notfalls mithilfe medizinischer Eingriffe gebrochen werden müssen: Die klaustrophobische Bonnie, die in ihrer Zelle stets einen Schreianfall bekommen hatte, schreit nach ihrer Behandlung zwar nicht mehr, zeigt dafür aber auch keine andere Willensregung. Die „Umerziehung“ appeliert nicht mehr an die Vernunft, sie versucht nicht zu verstehen, sie zielt nicht mehr auf das Bewusstsein, sondern direkt und ohne Umschweife auf den Körper. Für diese Art der Kritikführung ist der Frauengefängnisfilm natürlich ideal: Gewalt am weiblichen Körper, die Vergewaltigung, wird zum Bild für die Gewalt des Staates an den Verlieren des Systems. Diese Haltung schlägt sich auch auf die Gesellschaft nieder, die entsprechend indoktriniert wird: In den Verbotsschildern, die die Gefängniswände schmücken, spiegeln sich die Werbebotschaften und Leuchtreklamen der Außenwelt, die zum Konsum auffordern. Der Andere wird infolge dieser krassen Objektivierung nur so lange respektiert, wie er die Regeln (des Marktes) befolgt: Der Freier von Maggies Freundin Crazy (Crystin Sinclaire) offenbart sich mithin erst als Cop, als sie ihm den Dienst versagt, und will sie daraufhin wegen Prostitution  festnehmen. Es ist doch auffällig, dass sich die Menschheit, die CAGED HEAT bevölkert, fast ausschließlich aus Gefangenen und Wärtern bzw. Kriminellen und Polizisten zusammensetzt. Wenn Jacqueline und Maggie am Ende das Gefängnis stürmen, die Terrorherrschaft von McQueen und ihrem Folterarzt durchbrechen, dann ist das eine Revolution, angestachelt von denen, die an den Rand gedrängt und kriminalisiert wurden. Und John Cale, head honcho von The Velvet Underground, akzentuiert diesen Aspekt mit einem Score, der sowohl den Blues als auch Hillbilly-Country instrumentalisiert. CAGED HEAT ist bestes, abgründiges Seventies-Exploitation-Kino, aber eigentlich kaum gealtert, wie ein Blick in die aktuellen Nachrichten beweist.

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