10 rillington place (richard fleischer, großbritannien 1971)

Veröffentlicht: Oktober 28, 2011 in Film
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London in den späten 1940er-Jahren: Der Weltkriegsveteran John Reginald Christie (Sir Richard Attenborough) ist ein Serienmörder, der Frauen unter dem Vorwand in sein Londoner Reihenhaus lockt, ihnen Linderung für ihre diversen Zipperlein zu verschaffen, sie dann mit Gas betäubt, stranguliert und anschließend in seinem Hinterhof vergräbt; seine Gattin Ethel (Pat Heywood) ahnt nichts von seinem „Hobby“. Als das junge, mittellose Ehepaar Beryl und Timothy Evans (John Hurt & Judy Geeson) mit ihrem kleinen Kind im Haus Christies einziehen, hat der sein nächstes Opfer gefunden: Er bietet der schwangeren Beryl eine (damals illegale) Abtreibung an und ermordet sie. Den gutgläubigen Analphabeten Timothy hält er davon ab, zur Polizei zu gehen, indem er ihm deutlich macht, dass er zumindest für die Mittäterschaft hinter Gitter gehe, vorausgesetzt die Polizei glaube ihm seine Geschichte  überhaupt. Als Timothy vor lauter Schuldgefühlen dennoch zur Polizei geht und es zur Verhandlung kommt, muss er feststellen, dass Christie in allem Recht hatte: Er wird zum Tode verurteilt …

Richard Fleischers dritter Serienmörderfilm (nach FOLLOW ME QUIETLY und THE BOSTON STRANGLER) widmet sich wieder einem realen Fall, dessen Irrwege schließlich zur Abschaffung der Todesstrafe in Großbritannien führten, stellt nach seinen gut gemeinten, aber leider auch etwas aufgeblasenen Filmen der späten Sechzigerjahre (DR. DOLITTLE, THE BOSTON STRANGLER, CHE!, TORA! TORA! TORA!) wieder einen Schritt zurück zu den konzentrierteren, klarer abgezirkelten Werken dar. Das muss man durchaus wörtlich verstehen: Umspannte die Handlung des direkten Vorgängers noch den halben Erdball, spielt sich 10 RILLINGTON PLACE in der klaustrophobischen Enge von John Christies Reihenhaus ab, die die Stimmung des ganzen Films beeinflusst. In stumpfen Braun- und Grautönen eingefangen, stellt sich die Welt als freudlose, hoffnungslose Angelegenheit dar. Während der respektable Christie aber immerhin in seinen Morden so etwas wie Erfüllung findet, sieht die Perspektive des jungen Ehepaars auch ohne das Zutun eines Mörders alles andere als rosig aus. Ihr Weg in die Armut ist vorgezeichnet, schon in der Gegenwart des Films bahnen sich Spannungen zwischen ihnen an, die vor allem auf Timothys Unreife zurückzuführen sind und die sich Christie zunutze zu machen weiß. 10 RILLINGTON PLACE, der anders als andere Serienmörderfilme nicht die gesamte „Schaffensgeschichte“ eines Killers erzählt, sondern eine besonders prägnante Episode aus seinem Fall herausgreift, erzeugt unerhörten Druck, weil er die ökonomische prekäre Situation seiner Protagonisten im Zusammentreffen mit dem Killer noch überhöht: Das Schicksal des Ehepaars Evans vollzieht sich in der nicht aufhaltbaren Eskalationslogik eines sich sukzessive verengenden Handlungsspielraums und der damit einhergehenden zunehmenden Zuspitzung ihrer Notlage. Und Christie ist der Katalysator dieser Entwicklung. Er verdankt seine mörderische Produktivität den wirtschaftlichen Umständen, die ihm die Opfer förmlich in die Hände treibt, weiß die Ängste und die Not seiner Mitmenschen für seine Zwecke auszunutzen.

10 RILLINGTON PLACE mag auf den ersten Blick etwas loser konstruiert sein als THE BOSTON STRANGLER, dessen Strenge wohl auch auf die Herausforderungen der damals noch jungen Split-Screen-Technik zurückzuführen war, doch er ist thematisch nicht weniger ambitioniert. Der Fokus auf dem jungen Timothy Evans macht es schon deutlich: Hier geht es darum, die Todesstrafe als inhuman zu geißeln, zu zeigen, wie das Zusammentreffen ungünstiger Faktoren ein nicht mehr rückgängig zu machendes Fehlurteil der Justiz begünstigen kann. Der Sturz Evans‘ vollzieht sich mit gnadenloser Konsequenz und dass Fleischer diesen Sturz mit dem kühlen Blick eines Reporters dokumentiert, trägt viel zu der inneren Spannung des immens eng gewebten Films bei. Es gibt ein paar strukturelle Sonderbarkeiten, die suggerieren, dass Fleischer (oder sein Drehbuchautor) gerade mit dieser Enge einige Probleme hatte: Die Aufmerksamkeit verlagert sich im Laufe des Films von Christie zugunsten Timothys, was kurz vor Schluss, wenn der Protagonist aus dem Film scheidet, für einen Bruch sorgt, den auch Fleischer nicht zuzuspachteln weiß. Der Epilog, der die Umstände schildert, die zur Ergreifung Christies führten, ist nicht so sehr aus Gründen der Authentizität angefügt, als vielmehr um den Zuschauern die verdiente Katharsis zu geben. Aus dramaturgischer Sicht eine logische Entscheidung, die aber narrativ zumindest unelegant gelöst wird. Auch der finale Brückenschlag zu THE BOSTON STRANGLER, der die beiden zu companion pieces macht, erscheint forciert: Im einen wie dem anderen Film geht den ohne Musikuntermalung ablaufenden Credits das schwere Atmen des Killers aus dem Off voraus. Was es uns sagen will, ist klar: Das Böse, es bleibt bei uns, auch wenn seine konkrete körperliche Repräsentation bezwungen ist. Weil aber 10 RILLINGTON PLACE stärker als THE BOSTON STRANGLER vom Opfer aus argumentiert, ist dieses Ende nicht ganz der Weisheit letzter Schluss.

 

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