drive angry (patrick lussier, usa 2011)

Veröffentlicht: Oktober 31, 2011 in Film
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Der Tote Milton (Nicolas Cage) bricht aus der Hölle aus, um auf der Erde seine Enkeltochter aus den Fängen derselben Okkultsekte zu befreien, der schon seine Tochter zum Opfer fiel. Ihm zur Seite steht die toughe Piper (Amber Heard), ihm auf der Spur sind nicht nur die durch die sich stapelnden Leichenberge auf ihn aufmerksam gewordenen Cops, sondern auch der „Accountant“ (William Fichtner), ein Abgesandter des Teufels mit dem Auftrag, Milton zurückzubringen …

„Schön blöd“. So kann man den Spirit von DRIVE ANGRY, dem Fantasy/Horror-Action-Vehikel vom langjährigen Craven-Kollaborateur Lussier (der ugf. seit Anfang der Neunziger für den Schnitt von Cravens Filmen verantwortlich ist und u. a. auch den vom Meister produzierten DRACULA 2000 inszenierte), kurz und knapp zusammenfassen und das durchaus als Lob meinen: DRIVE ANGRY reiht sich ein in das Subgenre des absurden Hochglanz-Trashs, dem sich Cage seit ein paar Jahren verschrieben hat und das er souverän beherrscht. In diesem Testosteronspektakel für geistig Junggebliebene hat er sich gleich wieder einige dieser Szenen ins Drehbuch schreiben lassen, für die man ihn lieben muss, weil sie darauf schließen lassen, dass ihm sein Ruf als ernstzunehmender Schauspieler mittlerweile scheißegal ist und er lieber daran arbeitet, als überlebensgroße Virilitätsikone in die Annalen des Films einzugehen. Neben der schon ins Herz geschlossenen Müdigkeit, mit der er seine One-Liner darbietet, der schütteren Antifrisur, die er spazierenträgt, und dem unbedingten Willen, auch den größten Quatsch noch mit heiligem Ernst darzubieten, sind es vor allem diese überzogenen Einfälle, die man in dieser Form derzeit nur von Cage bekommt: Er spielt hier tatsächlich einen Mann, der so cool ist, dass er mit dem Auto (!) aus der Hölle ausbricht und auf die Erde zurückkommt.

Exemplarisch für den prolligen Überschwachsinn steht eine Szene, in der Piper in ihrem Motelzimmer von ohrenbetäubenden Sexgeräuschen im Nebenzimmer gestört wird. Eine Kamerafahrt durch die Wand offebart den Blick auf den zigarremampfenden, sonnenbebrillten und komplett bekleideten Milton, auf dessen offensichtlich höchst potentem Glied sich eine schon etwas reifere Prostituierte in sexueller Ekstase windet, während er regungslos herumsitzt. Auf die Frage, warum er sich nicht ausgezogen habe, antwortet er nur „I never undress before a gunfight“ und dann stürzen auch schon die bewaffneten Schergen ins Zimmer, derer er sich mid-coitus durch gezielte Schüsse entledigt, nicht ohne der panischen Nutte gleichzeitig einen markerschütternden Orgasmus zu verschaffen, selbstverständlich. Eine ähnliche Szene gab es zwar vor ein paar Jahren schon im höchst mäßigen SHOOT ‚EM UP, doch während man sich dort hinter einer schützenden Wand aus meterdicker, unübersehbarer Ironie versteckte, spielen Lussier und Cage ihre absurde Idee ganz straight durch. Das hier ist ein Film, in dem der Held dem Bösewicht irgendwann einmal androht, Bier aus seinem Schädel trinken zu wollen – und das dann am Ende tatsächlich tut. Wie mein Mitseher Matthias ganz richtig sagte: Nicolas Cage muss den besten Agenten Hollywoods haben. Was bei anderen Leuten gleich in der Tonne landete, daraus macht Cage Kino für die Ewigkeit.

Anlass zur Kritik gibt es schon: Die 3D-Effekte sind höchstens mittelmäßig und diverse Manierismen, die sich Lussier nicht verkneifen kann, waren eigentlich schon vor zehn Jahren nicht mehr originell. Man hat manchmal das Gefühl, dass die Macher nicht bemerkt haben, dass seit den Tagen, als John Woo und THE MATRIX das Maß aller Actiondinge waren, Einiges passiert ist. Aber was beduetet solche Erbsenzählerei angesichts des Tempos, das der Film geht, und seiner ansteckenden Over-the-Top-Mentalität? Der Dienstleistungs-Aspekt von DRIVE ANGRY kann gar nicht oft genug gelobt werden: Man spreche leise den Titel vor sich hin, man schaue sich das Cover an (Flammen, Karre, Ische, Cage), man lasse sich die hanebüchene Story durch den Kopf gehen, betrachte die traumhafte Besetzungsliste, erinnere sich an die letzten Filme von Cage und multipliziere das, was man dann sieht, mit zwei. Genau das bietet DRIVE ANGRY, ohne auch nur einmal einen Gang zurückzuschalten: ein chromblitzender, benzin- und biersaufender, Schurken wegpustender und White-Trash-Models durchorgelnder Bastard von einem Exploiter. Sheer Awesomeness.

 

 

Kommentare
  1. Cage hat seit langem keinen guten Film mehr gemacht. Beovr sein Stern ganz weiss ist begibt er sich lieber in solche Fime …

  2. Agis Sideras sagt:

    Ja, Bad Lieutenant war erstaunlich gut, und Cage hat viel gegeben…. Bei mir blieb dennoch ein Unbehagen, im Vergleich zu Keitel fehlte bei Cage ein Stück… Fatalität? Stupor? Vielleicht hat er das bei Drive Angry, den ich nicht gesehen habe. In Bad Lieutenant ist er mir etwas zu komödiantisch, aber danach sollte man wohl Werner Herzog fragen.

    • Oliver sagt:

      Das hast du richtig beobachtet, aber da Herzogs BAD LIEUTENANT eine Komödie ist, passt ein komödiantisch agierender Cage da doch gut rein. 😉

      In DRIVE ANGRY erhebt er das underacting wieder mal zum overacting. Wenn du gutes Schauspiel (oder einen richtig guten Film) sehen will, solltest du ihn besser meiden. Aber von mir aus kann Cage den Rest seines Lebens solchen Trash machen, ich finde das (nach einigen Anlaufschwierigkeiten) sehr sympathisch.

  3. HomiSite sagt:

    Von den „unernsten“ Filmen ist dies hier einer meiner Lieblingstexte von dir. Und jetzt hab ich dann Drive Angry nachgeholt und muss dir zustimmen. Zwar geht er besonders im Mittelteil nicht immer voll auf die Zwölf, die Autoaction ist vielleicht sogar etwas unterrepräsentiert für den Filmtitel und die Computereffekt sind arg mäßig, aber für ein ziemliches Dauergrinsen hat’s gereicht. Wie du schriebst: Cage macht den ganzen Unsinn mit und zwar bei vollem Ernst. Grandios ist auch immer die ultraplatte Musikuntermalung mit Rockriffs bei „coolen“ Szenen.

    Lustig fand ich auch Amber Heard, die ja mehr Fressen polierte als Cage himself – ich hab aber vermisst, dass Cage selbst Frauen boxt (Wicker Man ;-). Normalerweise ist ja ein Teil eines Filmduos der moralisch integere, hier vermischt sich das schön. „Ich mach mir die Nägel“, dann reißt sie sich einen Jüngling auf – der ist erst die Nägel machen muss, bevor er ran darf. Daran schließt ja die schon von dir beschriebene zentrale Szene. Bei ist ist wirklich alles far out – das erste Bild nach der Fahrt durch die Wand, wo Cage wirklich mit Sonnenbrille, Whiskeyflasche, Zigarre, vollen Klamotten und VÖLLIG REGLOS von der Anti-Belluci geritten wird. Unfassbar. Leider, leider ist halt der Szenenverlauf grundsätzlich aus (dem nicht so schlechten) Shoot ‚Em Up bekannt. Und was ging bitte mit den Gegen(schau)spielern – Obersatanist, Buchhalter, Sheriff – alle völlig durchgeknallt :-).

    PS: Wahrscheinlich absolut müßig, aber ich fand’s etwas irritierend, dass scheinbar der Tod schicksalshaft festgeschrieben ist, der Buchhalter dann trotzdem willkürlich Leute umbringt oder auch nicht.

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