Archiv für Oktober, 2011

Eine kleine Wiedergutmachung dafür, dass ich mich bei der Aktion Deutscher Film vom intergalaktischen Affenmann bislang so rar gemacht habe: Für die Filmgazette habe ich Alfred Vohrers grandiosen „Sittenreißer“ PERRAK anlässlich seiner DVD-Veröffentlichung rezensiert. Eine DVD, die in jede vernünftige Sammlung gehört, ein Film, den jeder, der sich für das Exploitationkino interessiert oder einfach nur ein Faible für bundesdeutsche Tristesse anno 1970 hat, unbedingt gesehen haben sollte. Hier geht’s lang.

Es hat etwas länger gedauert als geplant, aber jetzt ist der neue Text meiner Actionfilm-Kolumne auf „Hard Sensations“ abrufbar. Ich habe mir den vielerorts – auch hier – sehnlich erwarteten neuen Film mit Veteran Jean-Claude Van Damme und Top Prospect Scott Adkins angeschaut und dann einen Essay über das Leib-Seele-Problem im Actionfilm allgemein und im Profikillerfilm im Besonderen geschrieben. Ein paar Worte darüber, ob sich ASSASSINATION GAMES lohnt oder nicht, habe ich aber auch noch verloren. Hier steht der Text.

Aus einem Forschungslabor kann eine Katze entkommen, die durch Geheimexperimente zu einem tödlichen Raubtier mutiert ist. In den Händen von fünf vergnügungssüchtigen Jungmenschen – drei männliche Studenten, zwei Bimbos – landet sie schließlich auf der Luxusjacht einer Gruppe von Gangstern, die sich mit den von ihnen erbeuteten Millionen auf die Cayman Islands absetzen wollen. An Bord geht das frohe Sterben los …

Die Siebzigerjahre mögen für das Exploitationkino eine ungleich bessere Zeit gewesen sein, doch Greydon Clarks Meisterleistungen stammen, so weit ich das beurteilen kann, aus den Achtzigern. Ein Double Feature mit JOYSTICKS und UNINVITED übertrifft so ziemlich alles, was man sich als kulturbeflissener Mensch vorstellen kann: der eine die aller Zwänge befreite, entfesselte Zelebrierung alles Trivialen, der andere ein Horrorfilm um ein bestialisches Perserkätzchen, das erwachsene Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Das Geile an UNINVITED ist, dass man dem Film deutlich anmerkt, dass keiner der Beteiligten ernsthaft der Meinung war, an einem spannenden, schockierenden Horrorfilm mitzuarbeiten, aber alle gemeinsam beschlossen haben, so zu tun als ob. Dieses ach so ironische Augenzwinkern, das etwa bei vielen Troma-Filmen so nervt und auf der reichlich zynischen Haltung basiert, dass Schrott, der offen als solcher deklariert wird, deshalb irgendwie besser sei, sucht man hier vergebens. Clark filmt seine unsagbar dämliche Geschichte tatsächlich ganz straight runter und kann damit enorme Sympathiepunkte einfahren.

UNINVITED ist tatsächlich haarstäubender Quatsch: So wird gleich zu Beginn, wenn das harmlos aussehende, aber todbringende Kätzchen einfach so aus dem Top-Secret-Labor rauslaufen kann, der Ausnahmezustand ausgerufen, als sei Godzilla ausgebrochen. Die Kluft zwischen der Panik der den Film bevölkernden Menschen und den Bildern des braven Kätzchens, das auch im Kampfmodus  nur von mäßig beeindruckender Statur ist, ist der Schlüssel zum Erfolg und Grundlage für den Humor des Films. Ein weiterer sind die hanebüchenen „wissenschaftlichen“ Erklärungsversuche: Zu Beginn wird noch vor Strahlengefahr gewarnt, was schon blödsinnig ist, weil Strahlenverseuchung nunmal beim besten Willen nicht ansteckend ist, später dann von irgendwelchen Chemikalien und Mutationen gefaselt, die dazu geführt haben, dass von der Katze Gebissene nun als Träger einer Seuche fungieren. Zum Glück sterben alle Katzenopfer an platzenden Gefäßen noch bevor sie diese Behauptung beweisen könnten, aber wie das mit der Seuchenhysterie funktioniert, zeigt Greydon Clark trotzdem sehr nachhaltig. Der arme Tropf der nach einem Biss „I have the poison in my blood!“ kreischend auf die Reling des Schiffes klettert, um sich in vorauseilendem Gehorsam in den Tod zu stürzen, und dabei dann vor lauter Tolpatschigkeit seine Perle mit in den Tod reißt, sorgt für einen der lustigsten Momente des Films, der von dieser Sorte einige hat. George Kennedy, dem die Katze die Achillessehne durchbeißt und der daraufhin von Krämpfen geschüttelt verendet, ist göttlich, wie auch die ganze Grundkonstellation mit dem geckenhaften Playboygangster Walter Graham (Alex Cord), der ein paar dumme Ischen samt deren Aufriss mit auf die Flucht nimmt, so herrlich Banane ist, dass sich alle Fragen erübrigen. Die Katze, die immer, wenn sie wütend wird, eine bösere, hässlichere Katze erbricht, ist neben dem stets gern gesehenen Clu Gulager der gar nicht mal so heimliche Star des Films, und man drückt ihr alle Daumen bei ihrem teuflischen Plan, die Besatzung dahinzuraffen. Menschen, die sich panisch vor einer streunenden Katze fürchten, aber dennoch nicht in der Lage sind, nachts die Tür zu ihrer Koje zu schließen, wurden früher von der Evolution aussortiert, heute muss das eben anders besorgt werden. Es sind andere, kompliziertere Zeiten als damals.

Das Finale, bei der die beiden letzten Überlebenden mit einem Rettungsboot entkommen, während die Jacht sich in ein Plastikmodell verwandelt und in einem Taifun in der Badewanne versinkt, und dabei wiederholt vo der völlig durchnässten Mieze angegriffen werden, erinnert in seiner Absurdität und der fadenscheinigen Inszenierung (man erkennt deutlich, dass das Boot nicht im Wasser schwimmt, mitnichten von den Wellen oder dem Wind geschaukelt wird, sondern von Mitgliedern der Filmcrew, und der peitschende Regen wahrscheinlich aus mehreren Duschen stammt) gar an die Helge-Schneider-Filme, das Bild von der böse guckenden Killerpussy, die auf einem Aktenkoffer auf dem Weltmeer schaukelt, an die Fantasie eines besonders gemeinen Hundenarren, das ohrenbetäubende Schlürfen und Schlecken während einer Liebesszene hingegen an die Raumathmo im Haus von Dr. Freudstein. Ich bin mir sicher, dass es noch andere Momente gab, die sich für einen Text ausschlachten ließen, aber irgendwann muss ja auch mal gut sein. Ein Satz, den ich beherzige, was wohl der Hauptunterschied zwischen mir und Greydon Clark ist. Er dreht deshalb Filme wie JOYSTICKS und UNIVITED, während ich dann wie vom Donner gerührt vor der Mattscheibe sitze und später an der Tastatur mit den Worten ringe, die meine Gefühle adäquat wiedergeben.

Die Jugendlichen von River City versammeln sich in ihrer Freizeit in der Automaten-Spelhalle des Jungunternehmers Jefferson (Scott McGinnis). Dort gehen ihm der Nerd Eugene (Leif Green) und der gammlige Dorfus (Jim Greenleaf) zur Hand und versuchen einigermaßen Ordnung ins Chaos zu bringen. Als der videospielsüchtige King Vidiot (Jon Gries) nach einem verlorenen Wettkampf gegen Dorfus ausrastet und Hausverbot erhält, nimmt sich der schurkische Joseph Rutter (Joe Don Baker) seiner an, dem die Spielhalle ein Dorn im Auge ist. King Vidiot soll ihm dabei helfen, die Schließung des sündigen Etablissements zu erwirken …

Volltreffer! Die Wertschätzung, die JOYSTICKS im Buch „Destroy all Movies! The Complete Encyclopedia to Punks on Film“ erfahren hat, hat diesen Film, der mir bis vor Kurzem vollkommen unbekannt war, an die Spitze meiner Wunschliste katapultiert. Ihn zu Gesicht zu bekommen war dann aber gar nicht so einfach, weil er nur auf einer mittlerweile vergriffenen RC-1-DVD erhältlich ist, die ihn zudem im falschen Bildformat präsentiert. Dank der wunderbaren Welt des Internets habe ich ihn jedoch ausfindig machen und dieses Wochenende sehen können: Und ich bin dadurch ein anderer Mensch geworden.

Zugegeben: JOYSTICKS ist ein reichlich alberner Teeniefilm, dessen Humor sich auf Zoten und wilden Klamauk beschränkt und der in erster Linie darauf bedacht ist, der Meute zu geben, was sie braucht: Ein, ähem, „fetziger“ Eighties-Soundtrack peitscht den stulligen Plot nach vorn, in regelmäßigen Abständen entblößte Brüste fungieren als Köder, um die männlichen Zuschauer bei Stange zu halten (pun intended), Jugendkultur und alles, was dazugehört, wird enthusiastisch gefeiert und der Bösewicht ist ein spießiger Erwachsener mit Spielverderberambitionen. Das alles wird, man ahnt es schon, zwar auf überaus mäßigem technischen und erzählerischen Niveau dargeboten, doch verbreitet JOYSTICKS dabei ein Laune, die immens ansteckend ist. Greydon Clark liefert Achtzigerjahre-Kino in Reinkultur: Schon die zahlreich abgelichteten Videospielklassiker (und die dazugehörigen Sounds) lassen den Nostalgiker frohlocken, die erwähnte Musikuntermalung – der Titelsong besingt im Refrain „super awesome video games“ – und die Ausstattung des Films tun ihr Übriges. JOYSTICK ist herrlich hysterisch und durchgeknallt, zu keiner Sekunde irgendwie „ambitioniert“, außer in dem Unterfangen, möglichst viel reuelosen Spaß zu verbreiten, ein Sammelsurium bescheuerter Ideen, hirnrissiger Späße und überzeichneter Figuren. Ganz weit vorn ist der großartige King Vidiot, ein hyperbolisch krakeelender New-Wave-Punk mit gebleichtem Gesicht, lilafarbenen Haaren, einer nieten-, sicherheitsnadel- und kettenbewehrten Lederjacke und einem vierköpfigen Tross roboterartig gehorsamer Punkdamen, der den Weltschmerz von Frankensteins Monsters durchs das Dasein als Punk kanalisiert. Er träumt von „wheels“ (und bekommt deshalb später einen Satz Minimotorräder für sich und seine Sklaven geschenkt, die keinen weiteren Zweck haben, als Anlass für eine kurze Fahrsequenz zu bieten), bricht schonmal kreischend zusammen, wenn es nicht so läuft, wie er will, macht einem hässlichen Mann in Frauenkleidern den Hof und frisst vor Freude einen Gummibaum (!), als ihm der Bösewicht für seine Dienste ein eigens Videospiel verspricht. An diesen Irrsinn reichen Charaktere wie Eugene, der ständig furzende Dorfus, das strunzblöde Valley Girl Patsy Rutter (Corinne Bohrer) oder dessen nymphomanische Mutter zwar nicht heran, bewegen sich allesamt noch im Rahmen dessen, was man von solchen Filmen erwarten darf, trotzdem muss man sich keine Sorgen darüber machen, dass JOYSTICKS nur Klischees reproduzierte. Greydon Clark füllt diese stattdessen mit neuem, drogeninduzierten Leben, lässt die Bremse Bremse sein und seinen Film mit Karacho die Schallmauer durchbrechen. JOYSTICKS ist ein neuer Lieblingsfilm und darf es sich in der Nähe des kaum weniger bekloppten THE PARTY ANIMAL bequem machen. Super awesome!

Als die Schriftstellerin Lauren Cochran (Robin Groves) von Panikattacken heimgesucht wird, beschließt sie zur Erholung aufs Land zu reisen. Dort mietet sie sich in einem alten Landhaus ein, an dass sie sich merkwürdigerweise erinnert, ohne jemals dort gewesen zu sein. Merkwürdige Dinge passieren, Menschen sterben: Die Geschichte des Hauses, das einst Schauplatz eines grausamen Verbrechen war, und die Geschichte Laurens scheinen eng miteinander verwoben …

Der bis jetzt – Blue Underground hat sich erbarmt und den Film als DVD und Blu-Ray veröffentlicht – relativ rare (und in Deutschland auf Video geschnittene) THE NESTING ist der seltene Fall eines reflektierten Haunted-House-Films. Weston lässt nur wenig Zweifel daran, dass es die psychischen Probleme Laurens sind, denen das metaphysische Treiben des Films entpringt, holt das, was im Geister- und Spukfilm sonst tief im Subtext vergraben ist, an die Oberfläche und lässt die Geschehnisse im Landhaus als das Ergebnis der tiefenpsychologischen Vorgänge Laurens erkennen, als bildliche Repräsentationen ihrer persönlichen Traumaverarbeitung. Lauren muss sich ihren verschütteten Erinnerungen, die sich eben als Spukgestalten manifestieren, stellen, um ihre Krise zu bewältigen und „weitermachen“ zu können. Doch so zeitgemäß diese Ausrichtung des Films auch ist,  die betriebene Entmystifizierung ist in gewisser Weise das Problem des Films, weil er nach etwa der Hälfte seiner Laufzeit aufhört, ein Horrorfilm zu sein, ohne jedoch dessen Funktionsweisen und Mechanismen konsequenterweise ganz über Bord zuwerfen.

So fällt es zunehmend schwer, mit Lauren als „Opfer“ Mitleid zu empfinden, weil sie – eigentlich eine intelligente Frau – einfach unfähig ist, zu erkennen, was um sie herum passiert. Dass in der Folge der von ihr gegen den Rat ihres Psychotherapeuten eingeschlagenen Konfrontationstherapie gleich mehrere Menschen zum Opfer fallen, scheint sie nicht wirklich zu tangieren, und die Hartnäckigkeit, mit der sie Landbevölkerung in ihre Probleme mit hineinzieht, ist auch nicht gerade als rücksichtsvoll zu bezeichnen. Der Zuschauer ist der Protagonistin, den ganzen Film über einen Schritt voraus, nur sorgt das nicht für Spannung, sondern dazu, dass man die Fehlentscheidungen und -schlüsse Laurens mehr und mehr verärgert zur Kenntnis nimmt. Das ist vor allem deshalb sehr schade, weil THE NESTING einen sehr effektiven Spannungsaufbau aufweist, in der ersten Hälfte zudem einige kreuzunheimliche Szenen hat und von Weston mit einigen feinen Regieeinfällen ausgestattet wurde. Der kreative Einsatz der Tonspur wäre hier vor allem hervorzuheben, aber auch sonst überrascht der Film mit einer handwerklichen Klasse, die ich von Weston, der früher Pornofilme drehte und unter anderem den ziemlich abgefahrenen EVILSPEAK machte, nun nicht unbedingt erwartet hatte. Vielleicht steht der Begeisterung nur meine Erwartung im Wege, weil ich zugegebenermaßen nicht unbedingt einen geschmackvollen Psychoschocker auf der Rechnung hatte, sondern eher auf einen unheimlich-blutigen (nicht unheimlich blutigen) Schocker eingestellt war. Als solcher enttäuscht THE NESTING vor allem, weil er nach genannt gutem Aufbau einfach nichts mehr hinzuzufügen hat. Das Finale etwas kann ich nicht anders als als antiklimaktisch zeichnen. Und so sehr es im Rahmen der Geschichte auch Sinn macht, ein Horrrofilm, der es versäumt, dem Zuschauer am Ende nochmal einen mitzugeben, hat etwas falsch gemacht. Trotzdem: sehenswert.

Vor 13 Jahren, kurz vor der Halloween Prom Night, wurde Marys (Julia Duffy) ältere Schwester von einem Rasenmäher-Mörder mit Kürbismaske ermordet. Dieses Verbrechen hat jedoch nicht nur Mary traumatisiert, sondern auch den damaligen Rookie-Cop Harbinger (Joe Don Baker), der seit jener Nacht keine Stunde geschlafen hat. Mit Recht, denn der Killer wurde nie gefasst und treibt nun erneut sein Unwesen …

WACKO ist der grob misslungene Versuch einer Horrorfilm-Parodie nach dem Vorbild der Zucker/Abrahams/Zucker-Filme, der jedoch ziemlich eindrucksvoll deutlich macht, dass es längst nicht ausreicht, in jeder Minute einen Gag auf Kosten berühmter Filme in der Hoffnung abzufeuern, dass irgendeiner davon schon kleben bleiben wird. Eigentlich ist WACKO noch nicht einmal eine Parodie, weil sich sein Witz darauf beschränkt, Horrorfilme wie HALLOWEEN, PROM NIGHT, THE EXORCIST, THE OMEN oder PSYCHO in plumpen Kalauern zu referenzieren, ohne dass diese jedoch auf einem tieferen Verständnis der Originale beruhen würden. Während etwa der ZAZ-Film AIRPLANE! die Struktur des Katastrophenfilms perfekt emuliert, hat WACKO mit den Filmen, die er auf die Schippe nimmt, nichts weiter zu tun, als dass er inhaltliche Versatzstücke aufgreift und ohne Sinn für eine übergeordnete Dramaturgie aneinander reiht. Es gibt durchaus ein paar brauchbare Gags, doch auch diese verpuffen meist, weil sie von Clark ohne Sinn für Timing inszeniert wurden. Ein Witz ist nunmal nicht per se witzig, sein Erfolg hängt davon ab, wie er erzählt wird und hier versagt Clark völlig. Während die ZAZ-Filme von Beginn an einen Ton und eine Logik etablieren, innerhalb derer auch völlig schwachsinnige Ideen zünden, hat man bei WACKO stets das Gefühl, bevormundet zu werden. Jeder Witz wird in einer Art und Weise eingefangen, die dem Zuschauer ganz unmissverständlich klarmacht, dass er jetzt gefälligst zu lachen hat. Und das funktioniert einfach nicht.

Wenn man dann doch mal schmunzelt, dann ist das den Schauspielveteranen George Kennedy – der sein komisches Talent ja später im ZAZ-Film THE NAKED GUN unter Beweis stellen durfte – und Joe Don Baker zu verdanken, die ihre Rollen mit einer Verve angehen, die der Film eigentlich nicht verdient hat. Allein wie Baker hier aussieht ist schon aller Ehren wert, und wenn der beim Bespannen seiner minderjährigen Töchter erwischte Doctor Graves (Kennedy) die Standardausrede, er mähe den Rasen, auch dann noch bringt, wenn er auf einer Leiter stehend durch ein Fenster im ersten Stock glotzt, ist das ein Beispiel für eben jene Absurdität, die die ZAZ-Filme so brillant zu etablieren wussten. Leider beackert Clark – es verwundert nicht wirklich – eher das Terrain des tumben Herrenwitzes, bleibt dabei aber auf einem solch jämmerlichen Niveau, dass noch nicht einmal Andrew Dice Clay als – festhalten – Tony Schlongini damit etwas anfangen kann. Mein „Lieblingsgag“ ist die Antwort von Doctor Graves auf die Frage seiner Ehefrau (Stella Stevens), wie er denn eigentlich mit Vornamen heiße. „Doctor“ sagt er. Das sei tatsächlich nur ein Vorname, er habe nie ein Medizinstudium abgeschlossen. Und wie war der Name seines Vaters, will die Frau wissen? „Der hieß ,Nurse‘.“ – Ich habe durchaus ein Faible für Zoten und Albernheiten, aber wenn das der größte Lacher ist, den man vorzuweisen hat, sollte man von Komödien vielleicht besser Abstand nehmen.

Die Teenagerin Cookie (Melissa Leo) flieht gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder Tim (Randall Batinkoff) aus dem dysfunktionalen Elternhaus nach New York. Dort erregt sie schon am Busbahnhof die Aufmerksamkeit des Zuhälters Duke (Dale Midkiff), der sie unter seine Fittiche nimmt. Als Cookies Mitbewohnerin Heather, ebenfalls eines der Mädchen von Duke, von ihm brutal zusammengeschlagen wird, bietet sie ihre Dienste dem Zuhälter Jason (Leon) an. Dessen Männer versagen bei dem Versuch, Duke umzubringen, sodass dieser sich rasend vor Wut auf die Suche nach der Verräterin macht …

STREETWALKIN‘ beackert ein ähnliches Terrain wie Gary Shermans meisterlicher VICE SQUAD: Beide siedeln ihre Geschichten auf den Straßen einer Metropole an (VICE SQUAD spielt in L. A., STREETWALKIN‘ in Manhattan), in beiden muss sich eine Prostituierte eines psychotischen Zuhälters erwehren und wird die Handlung auf den Zeitraum einer einzigen Nacht verdichtet. Was die Filme voneinander unterscheidet, ist ihre Perspektive: Während Sherman mit dem Polizisten Tom Walsh einen männlichen Protagonisten einführt, der die Aufgabe hat, die Prostituierte Princess gegen den Zuhälter Ramrod zu beschützen, steht in STREETWALKIN‘ die junge Prostituierte Cookie im Mittelpunkt. Sie und ihre Freundinnen sind am Ende allein gegen Duke gestellt, es gibt niemanden, der ihnen zur Hilfe eilt. Das beeinflusst auch den Ton des Films: STREETWALKIN‘ ist von Mitgefühl geprägt, nimmt seine Geschichte eher zum Anlass, die Schicksale seiner weiblichen Figuren zu zeigen und die Machtverhältnisse, in die sie eingebunden sind, offenzulegen, als aus der Konfrontation von Psychopath und Nutte einen harten Großstadtreißer zu stricken. Auch wenn STREETWALKIN‘ immer noch exploitativ ist, so spürt man doch, dass hier eine Regisseurin am Werk war, der es nicht in erster Linie darum ging, ein männliches Publikum zu beliefern. Wenn man wollte, könnte man daraus auch einen Vorwurf konstruieren: Auch wenn Freeman nicht gerade paradiesische Zustände zeichnet, so scheinen die meisten von Cookies Kolleginnen doch ganz gut mit ihrem Job zurechtzukommen. Eklige Kunden gibt es nicht und wenn doch, dann werden sie kurzerhand weggeschickt, die „Versorgung“ eines masochistisch veranlagten Freiers wird als Comic Relief inszeniert, während Cookies sonstige Kunden entweder verschüchterte Jungfrauen oder gar gutmütige Geschäftsmänner sind, die sie ganz Traumprinz-mäßig erretten wollen. Die Prostituierten sind untereinander die besten Freundinnen und Duke scheint lediglich ein besonders schwarzes Schaf zu sein. Man darf wie gesagt Zweifel daran haben, ob das alles so authentisch ist, aber hinter dieser vielleicht etwas zu positiven Darstellung scheint mir weniger das Motiv zu stehen, eine Männerfantasie zu bedienen oder das Geschäft zu romantisieren, als vielmehr die Weigerung, sich in einem Unterhaltungsfilm in der Darstellung von Leid zu suhlen, die vielleicht realistischer, aber in diesem Rahmen ja kaum weniger fragwürdig wäre.

STREETWALKIN‘ ist also durchaus empfehlenswerter Hochglanz-Sleaze mit einem gegen Ende beachtlich auf die Tube drückenden Dale Midkiff, der wirklich verachtenswert prollig ist. Interessant ist der Film natürlich auch als Vertreter des Mitte der Achtziger- bis in die frühen Neunzigerjahre recht populären Teenies-auf-dem-Strich-Subgenres, zu dem auch der bekanntere ANGEL (die Trilogie wird im November auf DVD wiederveröffentlicht, nachdem sie lange OOP war) sowie die demnächst als Double Feature in der Roger-Corman-Reihe von Shout erscheinenden STREETS und ANGEL IN RED zu zählen sind, aber auch als Frühwerk von Melissa Leo, die dieses Jahr immerhin den Oscar als beste Nebendarstellerin einheimsen konnte.