the new centurions (richard fleischer, usa 1972)

Veröffentlicht: November 9, 2011 in Film
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Die Cops Whitey (Clifton James) und der Neuling Gus (Scott Wilson) werden mit einem erbittert streitenden Ehepaar konfrontiert. Die Streithähne sind nicht zu beruhigen, bis Whitey die Frage stellt, was beide glücklich machen würde. „Die Scheidung!“ lautet ihre einhellige Antwort. Also tritt Whitey als Scheidungsrichter auf: Er fordert die beiden auf, ihre rechte Hand auf sein Polizeiabzeichen zu legen und beginnt seinen Spruch aufzusagen. „Ihr seid jetzt geschieden.“ Strahlend vor Glück entlässt das Ehepaar die Polizisten, bis zum nächsten Mal ist wieder Ruhe eingekehrt.

Kilvinski (George C. Scott) und Roy (Stacy Keach) werden von einer Frau gerufen, die vermutet, dass ihre drogenabhängige Nachbarin ihr Baby misshandelt. Ihr Verdacht bestätigt sich: Das Baby liegt schreiend auf einem Tisch neben dem Aschenbecher, übersät mit blauen Flecken und Brandwunden. Als die beiden Polizisten den Säugling an sich nehmen, entbrennt ein Kampf, bei dem die hysterische Frau ihr Kind fast erwürgt. „Ich hatte das Bedürfnis, sie umzubringen“, wird Roy wenig später sagen.

Kilvinski und Roy auf Streife auf dem Straßenstrich. Der ältere Cop klärt den jüngeren darüber auf, dass nur ein verschwindend geringer Prozentsatz der Festnahmen von Prostituierten überhaupt irgendeine längerfristige Wirkung nach sich zieht. Kurz: Eine Verhaftung bringt gar nichts. Was also tun, fragt der jüngere Polizist. Kilvinskis Antwort: Man sammelt die Nutten ein, spendiert ihnen eine Runde Schnaps und fährt sie für ein paar Stunden durch die Gegend, sodass sie ihr Geschäft nicht verrichten können. Mission erfolgreich, Ordnung gewahrt.

Whitey und Gus verfolgen einen Einbrecher. Gus versteckt sich in einer Seitenstraße, in der er den Verbrecher erwartet. Als ein Mann mit einer Waffe um die Ecke gerannt kommt, schießt er. Der Mann sackt sofort tot zu Boden. Es war nicht der mutmaßliche Räuber, sondern nur ein alter Mann, der ersteren seinerseits aufzuhalten versuchte. „Du Schwein hast meinen Vater getötet!“ wird Gus vom Sohn des Opfers beschimpft. Der junge Polizist ist starr vor Schreck. In seinem Vorhaben, „nur ein guter Polizist“ sein zu wollen, hat er schon früh einen schweren Rückschlag einstecken müssen.

Richard Fleischer verfolgt in THE NEW CENTURIONS, der auf dem gleichnamigen Bestseller des ehemaligen Polizisten Joseph Wambaugh basiert, den Werdegang des Cops Roy Fehler vom Abschluss der Ausbildung  gleich zu Beginn bis zu seiner Erschießung auf offener Straße und die alltägliche Arbeit der Polizisten in East L.A. in verschiedenen, in ihrem Ton stark voneinander abweichenden Vignetten. Es ist die Kooperation mit den Menschen, der Versuch sie zu verstehen, einen Blick in ihre Welt zu werfen und ihre Probleme zu lösen, ohne dabei Gewalt anzuwenden, die die Polizisten für ihren Job einnimmt. Kein Tag ist wie der andere und man weiß nie, was der nächste Einsatz bringt. THE NEW CENTURIONS beginnt zunächst heiter, zeigt die beiden Veteranen Kilvinski und Whitey wie sie ihre jüngeren Partner in die Geheimnisse des Jobs einweihen, ihnen beibringen, wann sie vom Lehrbuch abweichen müssen, wann ein kleiner Umweg tatsächlich schneller zum Ziel führt als eine strenge Auslegung der Vorschriften. THE NEW CENTURIONS fungiert zunächst als der Anti-DIRTY HARRY: Anstatt daran zu verzweifeln, dass die Aufgabe, Ordnung zu schaffen, niemals erfüllt ist und als Konsequenz aus dieser Erkenntnis die Gesetze zu beugen, plädiert Kilvinski für einen gelasseneren Umgang mit dem Verbrechen. Man muss im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten sein Bestes geben und sich ansonsten damit abfinden, dass man die Welt nicht ändern kann. Wer zu dieser Gelassenheit nicht befähigt ist, der wird ausbrennen oder früher oder später sein Leben verlieren.

Kilvinskis Methode funktioniert sehr gut, doch dann beleuchtet Fleischer, was es mit den abstrakten „Grenzen“ auf sich hat. Die oben beschriebene Szene mit dem Baby dreht einem den Magen um, weil sie völlig unerwartet kommt, innerhalb von Sekunden einen krassen Stimmungswechsel bedeutet und den Zuschauer, der wie Roy von der spannenden Sozialarbeit auf der Straße gefesselt ist, unsanft aus seinen Träumen weckt. Mehrfach vollzieht Fleischer im Verlauf des Films solche Sprünge und macht damit klar, wie ungewiss und vom Zufall abhängig das Überleben eines Streifenpolizisten tatsächlich ist: Der nächste Einsatz kann der letzte sein. Eben noch hat man eine Lappalie gelöst und gelacht, jetzt auf einmal steht das eigene Leben auf dem Spiel. Wie geht man damit um? Wie geht die eigene Familie damit um? Kann man damit überhaupt „umgehen“?

THE NEW CENTURIONS weicht im Laufe seiner Spielzeit vom zunächst eingeschlagenen Weg ab und biegt auf bereits vorgetretene Pfade ab. Die Geschichte Roys ist die Geschichte (fast) aller Filmcops: Will er sich zunächst nur Geld dazuverdienen, um sein Jurastudium zu finanzieren, nimmt ihn der Job bald voll ein: Wie von einer Droge wird er von der Straße angezogen. Es beginnt die schleichende Distanzierung von seiner Ehefrau und seinem Kind, die er kaum noch zu Gesicht bekommt. Auch als er angeschossen wird und nur mit Glück überlebt, setzt kein Umdenken bei ihm ein. Als seine Frau ihn schließlich verlässt, fühlt er sich als Opfer, greift zur Flasche, wird zum Alkoholiker, trinkt während des Dienstes. Er lernt eine Frau kennen, beide verlieben sich, aber für ihn ist es schon zu spät. Der Tag, an dem er eine tödliche Kugel einfängt, muss kommen und kommt dann auch. Wie zu erwarten war, ist es kein Schwerverbrecher, der ihn in einem hitzigen Feuergefecht tödlich verwundet, sondern ein alter Mann, der Roy in einem Moment der Unachtsamkeit eher aus Versehen trifft, denn aus mörderischer Absicht. Es ist ein dummer Tod, unnötig, lächerlich, aber doch symptomatisch.

Weil Fleischer in der Geschichte Roys hinter das Klischee zurückfällt, ist es umso bemerkenswerter, dass er das an anderer Stelle nicht tut. Gleich mehrfach hängt der Umschwung zum Selbstjustizfilm in der Luft. Kilvinski spricht kurz vor seiner Pensionierung darüber, was die effektivste Methode der Verbrechensbekämpfung ist: die Gesetze zu ändern. Er malt das Bild einer Welt, die sich durch immer liberalere Gesetze vom Verbrechen befreit. Was heute noch strafbar war, ist es morgen nicht mehr. Man kennt dieses Lied, aber Fleischer stimmt nicht in den erwarteten Refrain ein. Die Selbstjustiz steht als Lösungsansatz im Raum, aber wird nie Realität.  Wahrscheinlich auch, weil es Kilvinski nicht so sehr darum geht normativ Missstände anzuprangern, sondern lediglich zu beschreiben, dass moralische Urteile interpretationswürdig sind. Es ist dieses professionelle detachment, dass Kilvinski von den berühmten das Gesetz in ihre Hand nehmenden Cops der Filmgeschichte unterscheidet, und deren Handeln im Kontrast plötzlich nicht mehr als besonders konsequent , sondern als Ausdruck einer Unfähigkeit, mit den Gegebenheiten des Jobs umzugehen, erscheinen lässt. Die Gelassenheit hat Kilvinski in seinem Job am Leben gehalten. Bittere Ironie, dass er diese Gelassenheit verliert, als er sich im Ruhestand befindet. Von seiner Aufgabe und seinen ehemaligen Kollegen abgeschnitten, verliert auch sein Leben den Sinn. Er erschießt sich, als ihm klar wird, dass er nicht mehr dazugehört.

THE NEW CENTURIONS verdankt seinen Titel einem Vergleich Kilvinskis. Die Centurions wahren eine Soldaten- und Kriegerkaste im antiken Rom, die mit der Aufgabe betraut waren, Gesetz und Ordnung im römischen Reich zu wahren. Eine Aufgabe, die sie so lange erfolgreich erfüllten, bis die Barbaren einfielen, wie Kilvinski sagt. Der Vergleich stößt nicht nur den eben erwähnten Selbstjustiz-Diskurs an – das Gesetz ist immer im Nachteil gegenüber den Verbrechern, weil es an Regeln gebunden ist, die von letzteren naturgemäß gebrochen werden -, er liefert auch den Rahmen, innerhalb dessen Kilvinskis Freitod verständlich wird: Der Polizist ist isoliert in der Gesellschaft, er ist keiner „von uns“ und steht auch dann noch im Abseits, wenn er längst im Ruhestand ist. Aber auch für seine einstigen – seine einzigen! –  Vertrauten ist er nun ein Außenseiter, ein ganz normaler Bürger vor dem Gesetz, keiner mehr, der dem Gesetz dient. Vielleicht hat die Kugel, die Roy am Ende das Leben kostet, ihn auch nur vor dem Selbstmord bewahrt, wer weiß?

THE NEW CENTURIONS ist kein perfekter, ja noch nicht einmal ein runder Film. Aber er ist einer derjenigen, denen es gelingt, ihre Brüche für sich arbeiten zu lassen. Die Klischees lassen jene Szenen umso stärker hervortreten, in denen Fleischer von ihnen abweicht. Und diese wirken dann wiederum auf das Formelhafte des Films zurück, authentifizieren es zumindest ein kleines Stück weit, helfen zu akzeptieren, dass etwas formelhaft und dennoch wahr sein kann. Innerhalb des kleinen Korpus semidokumentarischer Polizeifilme der Siebzigerjahre gehört THE NEW CENTURIONS auf jeden Fall zu den stärksten. Und das ist meines Erachtens gerade auf Fleischers hier schon mehrfach angesprochene Offenheit zurückzuführen, die sich einfacher Urteilssprüche verweigert. Er verkauft dem Zuschauer keine vorgefertigte Meinung, beobachtet unvoreingenommen und unparteiisch (man beachte nur einmal, wie seine „Verbrecher“ in diesem Film aussehen). Sich aus seinen Beobachtungen dann eine griffige Botschaft zurechtzustutzen, ist gar nicht so einfach. Aber so ist das wohl. Man muss mit der Kontingenz leben können. Kilvinski weiß das.

EDIT: Wer sich mit Fleischers Filmografie auskennt und deshalb an dieser Stelle einen Text zu SEE NO EVIL erwartet hat, den kann ich mit einem Link trösten. Hier habe ich vor knapp zwei Jahren über den Film geschrieben und die Erinnerung ist noch so frisch, dass ich beschlossen habe, ihn noch nicht auffrischen zu müssen.

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