monsters (gareth edwards, großbritannien 2010)

Veröffentlicht: November 21, 2011 in Film
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Jahre, nachdem eine Raumkapsel mit Proben außerirdischen Lebens beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre zerbrach und in Mexiko landete, ist ein Großteil des mittelamerikanischen Staates Sperrzone: Gewaltige Mauerkonstruktionen sollen die gigantischen Monster von den menschlichen Sieldungen außerhalb dieser „Infected Zone“ fernhalten. Der amerikanische Fotograf Andrew Kaulder (Scoot McNairy) erhält den Auftrag, Samantha Wynden (Whitney Able), die Tochter eines reichen amerikanischen Verlegers aus Mexiko zurück in die USA zu bringen. Doch dafür müssen beide gemeinsam die besagte „Infected Zone“ durchqueren …

Thematisch und ikonografisch fügt sich MONSTERS gut ein in das apokalyptische Genrekino der vergangenen Jahre, sucht und findet seinen Platz zwischen Filmen wie CARRIERS, (dem von mir noch nicht gesehenen) THE ROAD, Frank Darabonts unterbewertetem THE MIST, Spielbergs brillantem WAR OF THE WORLDS und dem inhaltlich verwandten DISTRICT 9: Auch wenn der eigentliche Grund für die Endzeitstimmung außerhalb unseres Planeten zu suchen ist, so ist doch nicht zu leugnen, dass es vor allem menschliches Versagen ist, das die Welt von MONSTERS sich in so ein trostloses Fleckchen verwandeln konnte. Mit Mexiko hat die Alien-Invasion ein sowieso schon armes Land hart getroffen, die gut bewachte Grenze zum reicheren Nachbarn im Norden, die zu überqueren Jahr für Jahr Tausende von Emigranten große Anstrengungen in Kauf nehmen, ist nun endgültig nur noch für wohlhabende Menschen zu überwinden. Mit der gewaltigen Mauerkonstruktion, die die Monster in der „Infected Zone“ halten soll, hat sich auch die erste von der dritten Welt abgeschottet. Die Reise der beiden Amerikaner, die sich erst einmal daran gewöhnen müssen, dass ihr sie normalerweise  als Angehörige einer Wirtschaftselite ausweisender Pass nun kaum noch etwas wert ist, ist auch eine Reise ins Schuldbewusstsein des US- (bzw. Erste-Welt-)Bürgers. Wenn Andrew und Samantha in Sichtweite der gewaltigen Mauer auf einem alten Tempel im mexikanischen Urwald kampieren und die Selbsterkenntnis plötzlich sehr grafisch wird, der Blick von außen ins Innere buchstäblich an einer Wand abprallt,  hinter der der amerikanische Traum geschützt werden soll, während vor den Pforten die real gewordenen Albträume herumspuken, dann reizt Edwards sein Bild vielleicht etwas zu sehr aus, um noch guten Gewissens von einem Subtext sprechen zu können. Gleiches gilt für die Szene in einer Geisterstadt in der die „Infected Zone“ umgebenden Quarantänezone, die unweigerlich Assoziationen an die vom Hurricane Katrina heimgesuchte Stadt New Orleans weckt. Trotzdem bieten diese Assoziationen Anlass für weitere Gedanken: Etwa jenen, dass Grenzen, egal wie hoch und sicher sie auch sein mögen, die Außenstehenden stets auch dazu einladen, über das, was hinter ihnen liegt, zu fantasieren. Man weiß nicht, ob Vereinigten Staaten sich hinter einer Mauer verbergen, damit die Monster draußen bleiben oder um zu insinuieren, dass es im Inneren überhaupt noch etwas gibt, dass es vor einem Außen zu beschützen lohnt – was sich ja von außen eben nicht überprüfen lässt.

Dass diese zu so etwas wie einer Zivilisationskrankheit des modernen Kinos gewordene Überdeutlichkeit dem Film nicht wie anderen (DISTRICT 9 anyone?) völlig das Genick bricht, liegt vor allem daran, dass Edwards sonst eher wenig didaktisch unterwegs ist, nur wenig erklärt, Dialoge eher zur Charakterisierung denn zur Exposition benutzt und sich ganz der Schaffung einer nicht wirklich greifbaren, deshalb umso beunruhigenderen Atmosphäre einer bevorstehenden Aufruhr widmet. Das gelingt ihm sehr gut: Die Monster bleiben lange unsichtbar, ohne dass ihre Präsenz dadurch beeinträchtigt würde, die unwirklichen Bilder städtischer Verwüstung hallen lange nach und die surrealen Bilderwelten, die sich dem Zuschauer im weiteren Verlauf während der Urwalddurchquerung eröffnen, tragen ihren Teil dazu bei, dass MONSTERS im gegenwärtigen Genrekino einerseits sehr heimisch ist, aber andererseits nie so ganz zum supercleveren Metakino dazugehören möchte.

Das ist gut so und MONSTERS somit mit Leichtigkeit einer der besten Beiträge zum erwachsenen Science-Fiction-und Horrorkino der vergangenen Jahre. Was nicht heißt, dass er frei von Fehlern ist: So gut mir sein (zugegebenermaßen derivatives) Monsterdesign als Lovecraft-Anhänger auch gefallen hat, so wenig fügt das Auftreten der Monster dem Film insgesamt hinzu. Das liegt zum einen daran, dass sie ein ständiges Déjà-vu verursachen, abwechselnd an die genannten WAR OF THE WORLDS, THE MIST, Lovecraft oder auch JURASSIC PARK denken lassen, zum anderen daran, dass ihr Auftreten irgendwann sehr redundant wird. Schlimmer ist jedoch die Auftaktsequenz, die mit ihren Found-Footage-Bildern Böses befürchten lässt,  einem die Freude über diesen gelungenen Film dann aber doch erst im Nachhinein verdirbt, weil man sie erst dann einordnen kann. Auch wenn sie inhaltlich durchaus konsequent ist: Wann kommen Filmemacher endlich wieder zu der Einsicht, dass es völlig ausreicht, eine Geschichte mit einem Anfang und einem Ende zu erzählen, und es nicht nötig ist, irgendwelche Twists oder Surprise Endings als Prolog oder Epilog vor- bzw. nachzuschalten und für sich genommen perfekt funktionierende Filme damit auszuhebeln?

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Kommentare
  1. HomiSite sagt:

    Ich fand Monsters sehr schön, auch wenn er natürlich kein „echter“ Monsterfilm ist. Kannste nochmals den Kram mit der Auftaktsequenz bzw. fehlendem Anfang/Ende spoilern, denn daran kann ich mich gar nicht mehr erinnern. District 9 fand ich übrigens super.

  2. Oliver sagt:

    Mein Text ist vielleicht etwas blöd strukturiert mit der Kritik am Ende, denn tatsächlich finde ich MONSTERS auch sehr schön – aber eben nicht bedingungslos. 🙂

    In der Auftaktsequenz fährt man als Kameramann des Militärs in dem Jeep mit, mit dem Andrew und Samantha aus der Tankstelle am Schluss des Films gerettet wurden. Der Jeep wird von einem Alien attackiert, man sieht noch Andrew mit der verwundeten (oder toten?) Samantha auf dem Arm fliehen, bevor ein Luftangriff auf das Monster geflogen wird, der mutmaßlich alles Leben im direkten Umkreis vernichtet. Man weiß zu Beginn natürlich nicht, wer diese beiden Zivilisten sind. Aber am Ende des Films wird dann klar: Die Rettung ist keine, die beiden Protagonisten werden sterben.

    Zu DISTRICT 9: Ja, da gehöre ich mit meiner Meinung zu einer Minderheit. 🙂

  3. HomiSite sagt:

    Oh, das ist mir beim Schauen gar nicht aufgefallen bzw. ich hatte am Ende schon wieder den Anfang vergessen. Hm, hab jetzt Monsters aber schon länger nicht gesehen, um sagen zu können, ob das meine Meinung ändert. Finde eigentlich, der Film und die Protagonisten haben das vorgebliche glückliche Ende verdient.

  4. Oliver sagt:

    Naja, „glückliches Ende“ … Es ist ja mehr oder weniger klar, dass die Welt in MONSTERS am Abgrund steht und wahrscheinlich früher oder später von den Monstern vereinnahmt werden wird.

    Aber gerade weil das an den Anfang gestellte Ende dem Film nix hinzufügt, hätte ich es weggelassen. Außerdem fällt es stilistisch natürlich krass raus und lässt den Film unnötigerwiese als CLOVERFIELD-Klon erscheinen.

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