class of 1999 (mark l. lester, usa 1990)

Veröffentlicht: Dezember 6, 2011 in Film
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1999: Jugendgangs haben die US-amerikanischen Metropolen in bürgerkriegsartige Zustände gestürzt. Die Ordnung wurde wieder hergestellt, indem man bestimmte Stadtgebiete einfach aufgab: die so genannten Free-Fire-Zones, in denen nun Anarchie herrscht. Die Kennedy High School in Seattle liegt in einer solchen Free-Fire-Zone und soll wieder geöffnet werden. Dazu installiert das „Ministry of Educational Defense“ gemeinsam mit dem Waffenhersteller Megatech drei Cyborgs als Lehrkräfte (John P. Ryan, Pam Grier und Patrick Kilpatrick), die den aufmüpfigen Schülern notfalls mit Gewalt Manieren beibringen sollen. Was niemand weiß: Die Cyborgs sind der Prototyp für eine neue Waffenserie und ihr Einsatz an der Schule nur ein Testlauf. Bald sind die ersten toten Schüler zu beklagen. Der Anführer der Jugendgang „Blackhearts“, Cody Culp (Bradley Gregg), stellt sich den Kampfmaschinen entgegen …

Wieder mal so eine Filmsichtung aus der Kategorie „Wiedersehen mit alten Freunden“. Die deutsche Leihvideo-Veröffentlichung von CLASS OF 1999 war massiv geschnitten, die Kopie des niederländischen Tapes avancierte somit zum gefragten Kulturgut und zum essenziellen Bestandteil der Sammlung. Ja, seinerzeit war CLASS OF 1999 ein Renner, vollgestopft mit schöner Gewalt, geilen MAD MAX-Outfits, kreativen Latex- und Prosthetics-Splattereien und Darstellern, von denen man zwar wusste, dass man sie irgendwie cool finden sollte (neben den oben genannten etwa Stacy Keach mit herrlich gebleichter Endachtziger-Rattenschwanz-Frisur und gruseligen Reptilienaugen-Kontaktlinsen und natürlich Malcolm McDowell), aber noch nicht so recht, warum bzw. wofür. Untermalt wurde das Spektakel von in höchstem Maße testikelvergrößerndem,  prolligem und – da Nirvana ja noch in weiter Ferne lagen (zwei Jahre fühlten sich damals noch wie eine Ewigkeit an) – von der eigenen Dominanz besoffenem Schwanzrock, der die Bilder einer nahen, von coolen Jugendlichen in noch cooleren Postpunk-, New-Barbarian- und New-Wave-Klamotten dominierten urbanen Apokalypse treffend kommentierte. Der Zahn der Zeit hat also naturgemäß seine Spuren an Mark L. Lesters Film hinterlassen, aber das macht nichts, ist schließlich Teil des Spiels, wenn man solche mit einem selbst verwachsene Schätze aus der Versenkung hebt. Und mit den aktuellen Genrevertretern vorm geistigen Auge, die Vision, Commitment und Einfallsreichtum oft durch vordergründige Perfektion ersetzen, kickt CLASS OF 1999 doppelt so hart: Was hier an Stunts, Explosionen und Zerstörung aufgefahren wird, spottet jeder Beschreibung. Heutzutage lassen Filmemacher die Festplatten und Prozessoren ihrer Rechner rauchen, früher haben Leute wie Lester Autos angezündet und Häuser gesprengt, wenn sie Qualm haben wollten. Recht so!

So ist CLASS OF 1999 dann auch nicht unbedingt ein Film für Feingeister – noch weniger als der nominelle Vorgänger, Lesters visionärer CLASS OF 1984, der sich des Themas „Gewalt an Schulen“ angenommen und es mit dem seit Winners DEATH WISH etablierten Selbstjustizfilm kurzgeschlossen hatte und selbst schon nichts für zarte Gemüter gewesen war. Der Realitätsbezug, den jener noch hatte, wird hier weitestgehend zugunsten eines wilden, deutlich an Verhoevens ROBOCOP angelehnten Science-Fiction-Szenarios verworfen, das zwar dystopische und also halbwegs auf realen Verhältnissen gründende Züge trägt, aber in erster Linie Anlass für krachendes Spektakel bietet. Vor allem am Schluss, wenn die Cyborglehrer ihre fleischlichen Hüllen fallen lassen und sich ganz unverhohlen als Mordmaschinen mit individueller Bewaffnung (Flammenwerfer, Raketenwerfer, Stahlkralle und Schlagbohrer) präsentieren, schlägt das Herz des Exploitationfreundes einen Salto in der Brust. Doch die schönste und hintersinnigste Szene des Films ist ohne Zweifel die, in der John P. Ryans gestrenger Geschichtslehrer (immer stilecht in Sakko und Cordhose) zwei Bandenmitglieder zur Räson bringt, indem er sie vor versammelter Klasse kurzentschlossen über Knie legt und ihnen ordentlich den Arsch versohlt. Das ist so wunderbar oldschool wie Lesters Film im Jahre des Herrn 2011.

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Kommentare
  1. Genzel sagt:

    An den erinnere ich mich auch sehr gerne. Ewig nicht gesehen – wer weiß, ob ich die Cyborg-Action heute noch so aufregend finden würde wie seinerzeit … Mein gehütetes Uncut-Tape kam übrigens damals aus Dänemark – ja, damals hat man noch viel Geld dafür ausgegeben, kleines B-Kino in voller Länger sehen zu dürfen. Es gab dann übrigens noch eine weitere Fortsetzung, CLASS OF 1999 PART II, die … hm … nicht die Güteklasse des Vorgängers erreichte.

    • Oliver sagt:

      Die Fortsetzung habe ich leider (?) nie gesehen. War ja auch geschnitten bei uns, soweit ich mich erinnere, hat aber auf mich auch nicht genug Reiz ausgeübt, um ihn mir ungeschnitten zu besorgen.

      Für mich hat die Cyborg-Action immer noch gut funktioniert, wenn auch sicherlich anders als damals. Wie ich geschrieben habe: Heute weiß man die Anwesenheit von Leuten wie John P. Ryan, Stacy Keach, Pam Grier oder Malcolm McDowell in solchen Filmen ja erst richtig zu würdigen. Was für ein Wunder, dass solche wunderbaren Sachen damals gemacht werden konnten.

      • Genzel sagt:

        Von der Fortsetzung habe ich mir dann auch das Dänemark-Tape besorgt (ÅRGANG II hieß der da, glaube ich). Abgesehen davon, daß niemand aus dem Vorläufer drin war (Hauptdarsteller war Sasha Mitchell) und auch nicht Mark Lester, sondern Spiro Razatos Regie geführt hat, hatte der Film auch sonst nur sehr sehr vage was mit CLASS OF 1999 zu tun. Sagen wir mal so: Ich glaube, wenn der Film ein großer Wurf gewesen wäre, würde ich mich jetzt, ca. 14 Jahre nach der Erstbegegnung, genauer daran erinnern … aber sicherlich werde ich irgendwann in großangelegter Retrospektive nochmal reinschauen.

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