ashanti (richard fleischer, usa/schweiz 1979)

Veröffentlicht: Dezember 9, 2011 in Film
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Dr. David Linderby (Michael Caine) arbeitet mit seiner Frau Dr. Anansa Linderby (Beverly Johnson), einer Angehörigen des Ashanti-Stammes, für die World Health Organization in Afrika. Als sie dem Sklavenhändler Suleiman (Peter Ustinov) in die Hände fällt, der hofft, einen hohen Preis für die schöne Frau erzielen zu können, heftet sich David mit der Unterstützung des Briten Brian Walker (Rex Harrison) an seine Fersen. Die Verfolgungsjagd führt ihn quer durch Afrika zum Roten Meer. In der Sahara schließt sich David dem Beduinen Malik (Kabir Bedi) an, der vor Jahren seine Familie an Suleiman verloren hat und seitdem auf Rache sinnt …

Mit ASHANTI widmet sich Fleischer nach MANDINGO zum zweiten Mal dem Themenkomplex „Sklaverei“, wenn auch auf gänzlich andere Art und Weise als vier Jahre zuvor: Beleuchtete er in letzterem noch, auf welch perfide Art und Weise das System soziale, ökonomische und sexuelle Beziehungen durchdrang und unterjochte, und fand er dafür in der Verquickung von High Art und Exploitatition eine kongeniale Form für seine scharfe Kritik, so dient ihm die sensationsträchtige Enthüllung, das der Sklavenhandel in der Gegenwart unvermindert blühe, als Grundlage für einen dramatischen Abenteuerstoff vor exotischer Kulisse. Der ist zwar deutlich involvierender geraten als der unsagbar träge THE PRINCE AND THE PAUPER zwei Jahre zuvor, doch sorgt gerade das in diesem Fall für moralisches Sodbrennen: Das Leid der auf Statistenrollen reduzierten Schwarzafrikaner, die von Suleiman quer durch Afrika getrieben werden, wird zugunsten der Protagonisten gnadenlos trivialisiert. So gibt es eine von Fleischer als Spannungsmoment insznierte Szene, in der ein Beduine Anansa kaufen will: Käme der Verkauf zustande, würde es für David ungleich schwieriger werden, seine Frau zurückzubekommen. Die Spannung löst sich just in dem Augenblick, indem es Suleiman – der Anansa behalten will, weil er weiß, dass er für sie einen besseren Preis erzielen kann – gelingt, ihm eine andere Frau anzudrehen: Die gesichtslose Sklavin kann ruhig verhökert werden, solange der schönen Protagonistin nichts passiert. (Nur wenige Minuten später begegnen David und Malik eben jenem Beduinen und seiner neuen Errungenschaft. Der Zuschauer wurde also zuvor für dumm verkauft, als ihm suggeriert wurde, mit dem Verkauf Anansas sei sie für David endgültig verloren.) Diese ungute Instrumentalisierung des Leids findet sich noch an einer weiteren Stelle, wenn ein Sklavenjunge von einem von Suleimans Schergen vergewaltigt wird: Fleischer geht auf diese Szene später nicht mehr ein, sie dient ihm lediglich dazu, die Bösen als böse zu zeichnen. Das allein machte ASHANTI aber noch nicht zu einem Problemfall: Es ist die Verbindung mit einem in diesem Kontext geschmacklos anmutenden Humor, die an der Redlichkeit der Verantwortlichen zweifeln lässt. Slapstick-Einlagen, in denen David Linderby lernen muss, auf einem Kamel zu reiten, sind im Kontext von Kindesmissbrauch und Menschenhandel einfach fehl am Platze. Auch die Besetzung von Ustinov ist ein Fehlschlag: Sein radebrechender Araber Suleiman ist kaum mehr als eine Karikatur, die jedes möglicherweise ernste Anliegen des Films konterkariert. Er ist schlicht unglaubwürdig, zieht alle Aufmerksamkeit, die eigentlich den Opfern gebührt hätte, auf seine alberne Scharade.

Eine einzige Szene ermöglicht es, diesen Widerspruch in Perspektive zu rücken. Es ist die beste Szene des Films, die einzige, die seinem behaupteten Anspruch einigermaßen gerecht wird, die einzige, in der man Fleischer als den zwischen Realismus und Idealismus zerrissenen Filmemacher wiedererkennt und die auch die westlich zentrierte Perspektive des Films thematisiert: Als Malik und David mitten in der Wüste eine Gruppe von Kindern aus den Fängen von Sklavenhändlern befreien, weigert sich Malik, diese mitzunehmen. Die einzige Chance, Suleiman zu stellen, ist es, die Kinder zurückzulassen. Er erklärt ihnen, wie sie zu einer Beduinensiedlung gelangen, wissend, dass sie dort versklavt werden. David ist entrüstet, doch Malik antwortet trocken: „Wenigstens bekommen sie dort Nahrung und Arbeit.“ Aus dem Blick von David, wenn er den Kindern den Rücken kehrt, spricht die nackte Ohnmacht eines Menschen, der erkennen muss, dass er seine moralischen Ansprüche nicht immer aufrechterhalten kann, dass er nicht immer in der Lage ist, die eigenen Interessen dem Altruismus zu opfern, dass die ganz banale Machbarkeit dem richtigen Handeln manchmal im Wege steht. David, machtlos, mit Tränen ringend auf seinem Kamel, keinen Blick zurück werfend, die Kinder in seinem Rücken, allein, zu einem Leben in Sklaverei verdammt: Hier findet ASHANTI ein einziges Mal zu sich, zu einer angemessenen Sprache für das Unsagbare. Ein kraftvoller, unerträglicher Moment in einem Film, der unerklärlicherweise darauf erpicht zu sein scheint, es den Zuschauern leicht zu machen und sie gerade damit unentwegt vor den Kopf stößt.

ASHANTI war ein großer Misserfolg, wurde ebenso wie MANDINGO von den Kritikern zerrissen – diesmal zu Recht. Und nicht nur von denen: Michael Caine wird zitiert, ASHANTI sei der schlechteste Film, an dem er jemals mitgewirkt habe (und er war immerhin an JAWS : THE REVENGE beteiligt), er habe es nur wegen des Geldes getan. Auftritte von Omar Sharif, William Holden und Rex Harrison wirken wie Gefälligkeiten, rücken ASHANTI in die Nähe eines aufgeblasenen Abschreibungsprojekts (ein Eindruck, der durch die Beteiligung Schweizer Geldgeber noch verstärkt wird). Vielleicht kann man Fleischer zugute halten, dass er nicht ganz zurechnungsfähig war. Er konnte die Dreharbeiten nicht beenden, weil er einen Sonnenstich erlitt und ersetzt werden musste. Leider fand sich niemand, der den Regiecredit mit ihm teilen wollte.

 

Kommentare
  1. Frank Stegemann sagt:

    Mit dem bist du aber hart ins Gericht gegangen…
    Die imdb nennt im Gegensatz zur ofdb übrigens Frankreich als Produktionsland (Georges-Alain Vuille Production), das LdIF die Schweiz. Keine Ahnung, wer nu Recht hat.

    • Oliver sagt:

      Ich weiß, habe vier verschiedene Varianten für die Produktionsländer gefunden: IMDb, OFDb, Wikipedia.de und Wikipedia.com bieten alle was anderes an. Habe mich für OFDb entschieden, weil die gegenüber der IMDb dahingehend meist vorzuziehen sind. AUßerdem meine ich mich daran zu erinnern, dass der auch in Fernsehzeitungen immer als US-Schweizerische Koproduktion gelistet wurde.

      Ach, hart ins Gericht … Ich weiß nicht. Ich habe geschrieben, dass ich ihn immerhin „unterhaltsam“ fand, habe eine tolle Szene hervorgehoben. Dass der ideologisch ziemlich daneben oder wenigstens fragwürdig ist, ist für mich einfach kein Kavaliersdelikt. Und will man darüber hinwegsehen, dann ist er eigentlich völlig irrelevant.

      Ich habe mich nicht vor Schrecken gewunden. Aber ich bin eben strenger gegenüber Durchschnitt als du. 😉

  2. Frank Stegemann sagt:

    Ach, ich habe mir angewöhnt, ideologischen Fehltritten bei Filmen, die älter als ein Vierteljahrhundert sind und nicht im Zeichen menschenverachtender Regimes entstanden sind, zunehmend gelassen gegenüberzutreten (etwas provokante Nebensatzfrage: Muss ein erklärter Achtziger-Action-Apologet das nicht a priori auch…?).
    Ist eben einer dieser unfassbar größenwahnsinnigen Filme, die außerhalb ihres spezifischen Entstehungs-Raum-Zeit-Kontinuums überhaupt nicht denkbar sind, was ich durchaus charmant finde. Davon gibt’s bei Fleischer ja sowieso zwei, drei. Außerdem habe ich bekanntlich ein Faible für überflüssige Gastauftritte überkommener Altstars. Ich phantasiere mir dann gern was von späteren Trinkgelagen und Herzinfarkten zusammen.

    • Oliver sagt:

      Erstmal: Du schätzt meine Kritik falsch ein. Mir hat an ASHANTI einiges gefallen, etwa, dass er so angenehm altmodisch ist, wie 20 Jahre zu spät gekommen wirkt. Aber das sind eher oberflächliche Reize und ich finde es eben unaufrichtig, die überzubewerten.

      Zum Zynismus: Der Actionfilm präsentiert eine Welt, die nur dazu aufgestellt wird, um Triebabfuhr zu ermöglichen, Differenzen auszublenden. Der Zynismus wird meist mit thematisiert. Er ist dem Genre inhärent. Oft genug erwähne ich es, wenn ein Actionfilm rassistisch etc. ist. Solche Ausfälle bleiben aber meist im Rahmen des Weltbildes, das diese Filme aufstellen. Gute lösen Probleme, indem sie die Bösen abknallen. Würde man das eins zu eins auf die Welt übertragen, wäre es tatsächlich problematisch. Aber genau darum geht es ja beim Actionfilm: Dass die Differenz deutlich ist.

      Bei ASHANTI ist es so, dass er sein Thema als immer noch gegenwärtiges Problem kennzeichnet, es letztlich aber nur zur Staffage für Exotismus missbraucht. Das finde ich fragwürdig und zweifelhaft, vor allem, wenn man bedenkt, wozu Fleischer eigentlich in der Lage war. Wenn es nur um Entertainment ging: Dann müssen keine Kinder vergewaltigt werden, finde ich. Das Problem ist, dass der Film keinen einheitlichen Ton findet. Er beginnt als Anklage gegen Sklavenhandel, wird dann zum lustigen Abenteuerfilm und lässt irgendwann völlig daran zweifeln, dass ihn die Sklaven überhaupt interessieren, wenn es nicht gerade bildhübsche Ärztinnen sind, die mit weißen Männern verheiratet sind. Das macht ihn natürlich auch wieder interessant – weshalb ich ihn auch eher nochmal sehen würde als etwa THE PRINCE AND THE PAUPER, der einfach nur öde ist -, aber ein guter Film ist was anderes.

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