the sergeant (john flynn, usa 1968)

Veröffentlicht: Dezember 12, 2011 in Film
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Der dekorierte US-amerikanische Zweite-Weltkriegs-Veteran Sergeant Albert Callen (Rod Steiger) tritt zu Beginn der Fünfzigerjahre seinen Dienst auf einem Army-Stützpunkt in Frankreich an. Callan, der eine Mauer der Härte um sich herum gezogen hat, hat es sich zum Ziel gesetzt, Disziplin und Ordnung in den etwas ungeordneten Haufen zu bringen und kennt in der Verfolgung dieses Ziels keine Nachsicht. Als persönlichen Vertrauten engagiert er den jungen Rekruten Swanson (John Philip Law), mit dem er nachts um die Häuser zieht und dem er sich als einzigem anvertraut. Als Swansons Beziehung zu der Französin Solange (Ludmila Mikael) mehr und mehr Raum einnimmt, ist es mit der Freundlichkeit Callans jedoch vorbei: Er belegt den jungen Mann mit Strafen und Sonderschichten, um ihn an sich zu binden …

THE SERGEANT ist in verschiedener Hinsicht bemerkenswert: als erstaunlich reifes und homogenes Regiedebüt des damals 36-jährigen Flynn, als weit- und umsichtige Thematisierung von Homosexualität innerhalb eines Milieus, in dem Männlichkeit alles ist und ein Anzeichen der Schwäche der Anfang vom Ende, als Chronologie eines Zusammenbruchs und als exzellentes Schauspielerkino. Rod Steiger, dessen aus jeder Pore triefende Selbstüberzeugung ihn während seiner Karriere häufig die Grenze zum Overacting überschreiten ließ – selbst in seiner Oscar-prämierten Darbietung in IN THE HEAT OF THE NIGHT -, ist als steinern-repressiver Callan das Zentrum des Films, macht den enormen Druck, dem dieser Mensch, der sich mit seiner sexuellen Orientierung wie ein Lamm unter Wölfen fühlen muss, ausgesetzt ist, für den Zuschauer spür- und nachvollziehbar. Wenn sich seine unterdrückten Bedürfnisse am Ende Luft verschaffen, er dem erschrockenen Swanson seine Liebe gesteht und ihn mit einem leidenschaftlichen Kuss überfällt, der nur auf Ablehnung und Entsetzen stößt, wenn er am nächsten Tag sturzbesoffen und als gebrochener Mann vor seinen versammelten Untergebenen aus dem Dienst entlassen wird und die Tränen aus ihm herausbrechen, dann ahnt man, was es für einen solchen Mann damals bedeuten musste, „anders“ zu sein.

Callan zerbricht nicht in erster Linie an den Vorurteilen der Gesellschaft: Seine Vorgesetzten sind bemüht, ihn ohne großen Skandal von seinem Amt zu entheben, selbst noch zu sehr geschockt, von dem, was eigentlich nicht sein darf. Er zerbricht an dem Widerspruch in sich: Er kann, er darf nicht homosexuell sein. Die Eröffnungsszene, ein Schwarzweiß-Rückblick auf eine seiner „Heldentaten“ während des Zweiten Weltkriegs, zeigt ihn, wie er als einziger einen feindlichen Hinterhalt überlebt und die Heckenschützen im Alleingang erledigt. Nur der letzte Soldat, ein junger, attraktiver Deutscher kann ihm vorerst entkommen. Die Jagd nach diesem Mann, der sich anschließende Kampf, bei dem Callan ihn in den Würgegriff bekommt und ihm so das Leben nimmt, sind sowohl der Beleg dafür, dass das Töten nicht spurlos an diesem Mann vorübergegangen ist, dass seine Härte auch ein fataler Selbstschutzmechanismus ist, als auch ein Bild für Callans Verhältnis zu seinen sexuellen Bedürfnissen. Seine Homosexualität ist ein ständiger Kampf gegen sich selbst, den er am Ende erliegen muss.

Ich wusste bereits vor der Sichtung, welches Geheimnis dieser Callan mit sich herumträgt. Und ich frage mich, wie ich den Film gesehen hätte, wenn das nicht so gewesen wäre. Es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass Callan ein sexuelles Interesse an Swanson hat: die Art, wie er sich ihm nähert, hat etwas Werbendes, Balzendes, sein Blick ist niemals neutral, sondern immer aufgeladen, lauernd. Trotzdem ist THE SERGEANT ohne Frage so inszeniert, dass die „Enthüllung“ sein zeitgenössisches Publikum überraschen sollte, als Ausbruch der Lust nach langer, trügerischer und entbehrungsreicher Ruhe. Diese Ausrichtung nimmt dem Film viel von seiner potenziellen Dimension, verortet ihn in seiner Zeit, die eben vielleicht weniger selbstverständlich mit Homsexuelität umging. Aber das ändert nichts daran, dass THE SERGEANT mit seinen deprimierenden, unfassbar tragischen Bildern eines ewigen schlammigen Herbstes, der für den Protagonisten keine Durchgangsstation, sondern Status quo geworden ist, mitten ins Herz trifft. Groß.

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