casa d’appuntamento (ferdinando merighi, italien/deutschland 1972)

Veröffentlicht: Dezember 27, 2011 in Film
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Als der Juwelendieb Antoine Gottvalles (Peter Martell) im Pariser Edelpuff von Madame Colette (Anita Ekberg) mit der schönen Francine (Barbara Bouchet) aneinandergerät und diese nur kurz nach seinem lautstarken Abgang tot aufgefunden wird, steht er als Mörder fest und wird demzufolge ohne viel Federlesen zum Tode verurteilt, wobei er es sich aber nicht nehmen lässt, seine Unschuld zu beteuern und Rache aus dem Grab zu schwören. Zwar gelingt Antoine noch einmal die Flucht, doch verliert er bei einem Motorradunfall seinen Kopf. Als wenig später auch Madame Colette umgebracht wird, ist für alle, die nicht an Übersinnliches glauben, klar, dass man den Falschen verurteilt hat. Inspektor Fontaine (Roberto Sacchi) steht vor einem Rätsel – und einer unüberschaubaren Zahl potenzieller Verdächtiger (darunter etwa Howard Vernon, Rosalba Neri, Rolf Eden und Evelyn Kraft). Diese wird durch weitere Morde jedoch immer mehr dezimiert …

Meine Sichtung war zunächst durch die verzweifelten Versuche von meiner Frau und mir beeinträchtigt, unsere Tochter in einem Bett zum Schlafen zu bewegen, aus dem diese zum ersten Mal selbst wieder aussteigen konnte. Nach der flotten ersten halben Stunde – etwa bis zu dem Zeitpunkt, als Antoine sich an einem dumm geparkten Transporter enthauptet – zogen sich die letzten beiden Drittel für mich daher etwas zäh dahin, zerrissen durch zahlreiche erzwungene Pausen. Der Verriss war eigentlich schon geschrieben. Weil auf dem Cover der Mondo-Macabro-DVD (unter dem TItel FRENCH SEX MURDERS) aber von einem „delirium from start to finish“ die Rede ist, wollte ich mich damit nicht zufrieden geben und habe dem Film direkt im Anschluss eine zweite Chance mit nun ungeteilter Aufmerksamkeit eingeräumt. Und siehe da: CASA D’APPUNTAMENTO ist tatsächlich eine ziemliche Schote, die Menschen mit schlechtem Geschmack für kanppe 90 Minuten das Leben erheblich versüßen kann.

Für einen Appel und ’n Ei produziert vom Low-Budget-Papst Dick Randall, dem es irgendwie gelungen war, eine stattliche Riege von bekannten Namen zur Teilnahme zu überreden (in Minirollen wirken außerdem Gordon Mitchell als Frauenbelästiger und Söldnerfilm-Regular Mike Monty mit – letzterer mit einem imposanten Schnurrbart, dessen Enden er fast am Hinterkopf zusammenbinden kann), sollte man seine Erwartungen nicht zu hoch schrauben: Wer von einem Giallo opulente Bildkompositionen erwartet, psychedelische Beat-Scores und eine gewisse inszenatorische Klasse, wird hier nämlich eines Schlechteren belehrt. Die Settings sind hässlich-karg bis zugestellt-kitschig, der Lichtsetzer leuchtet alles so grell aus, dass man sich einen Spaß daraus machen kann, die Schlagschatten zu zählen, die Dialoge sind zum Gottserbarmen dumm, die Schauspieler verlegen sich entweder aufs gnadenlose Chargieren oder aufs Stocksteif-im-Bild-Rumstehen und die kruden Splattereffekte des jungen Carlo Rambaldi werden gern vier- bis fünfmal hintereinander gezeigt und dabei hübsch psychedelisch eingefärbt. Der große Clou des Films ist sicherlich die Besetzung des Inspektors mit dem professionellen Bogart-Lookalike Sacchi, der den ganzen Film über im klassischen Trenchcoat mit hochgestelltem Kragen herumläuft und spricht, als hätte der Zahnarzt vergessen, ihm die Watte aus den Backen zu nehmen.

Was CASA D’APPUNTAMENTO – der mit seiner Besetzung und der zugkräftigen Melange aus Sex & Crime eindeutig als künstlerisch wenig ambitionierte Cashcow zu identifizieren ist – zum oben erwähnten „delirium“ werden lässt, sind die abstrusen Drehbucheinfälle, die keinem höheren dramaturgischen Zweck verpflichtet sind, sondern dem Zuschauer lediglich möglichst viel fürs Geld bieten sollen, frei nach der Gleichung „Mehr ist Mehr“. Die Wirkung des ausgestoßenen Fluches wird sofort dadurch nivelliert, dass Antoine entkommen kann und seinen Tod letztlich vor allem selbst zu verantworten hat. Der Wunsch von Professor Waldemar, Experimente am abgetrennten Kopf des vermeintlichen Mörders vorzunehmen (!), dient nur dazu, Vernon in einer typischen Mad-Scientist-Rolle aufbieten zu können (inklusive Gehirn im Einmachglas auf dem Regal) und ihn infolgedessen dabei zu zeigen, wie er mit einem Skalpell den Augapfel des Verblichenen tranchiert: Er stellt sich dabei so ungeschickt und grobmotorisch an, dass er die Operation mit ähnlichem Erfolg auch mit einem Holzlöffel hätte durchführen können. Das falsche Todesurteil wird nach dem Tod von Madame Colette von den Verantwortlichen kaum mehr als etwas zerknirscht zur Kenntnis genommen: Shit happens! Und was die Szene soll, in der der Richter beim Schachspiel mit Waldemar einfach mal kurz bewusstlos wird, ist mit gesundem Menschenverstand auch nicht zu begreifen: Ich musste unweigerlich an PRAXIS DR. HASENBEIN denken („Bin nur mal kurz eingeschlafen!“). Dieser ganze Irrsinn wird auf merkwürdige Art von Roberto Sacchis Dreigroschenbogart zusammengehalten, der in seiner Inkompetenz so souverän ist, dass er tatsächlich wie ein abgebrühtes Mastermind rüberkommt und so das Universum des Bescheuerten, in dem CASA D’APPUNTAMENTO angesiedelt ist, fast wieder normal erscheinen lässt: Wenn er Verdächtige frustriert aus dem Verhör entlässt, nur weil sie ihm gesagt haben, dass sie unschuldig sind, entscheidende Hinweise überhört, falsch interpretiert oder einfach regelmäßig zu spät kommt, dann versteht man, was der Begriff „menschliches Versagen“ wirklich bedeutet. Regisseur Ferdinando Merighi ist von solcher Selbsterkenntnis wahrscheinlich weit entfernt.

Kommentare
  1. Alex sagt:

    Du scheinst ja die Mondo Macabro-Fassung gesehen zu haben – die deutsche Synchro des Films als „Das Auge des Bösen“ potenziert den Unterhaltungswert noch ziemlich, neben zahlreichen Dialogklopsern gibt es hier Herbert „Mr. Spock“ Weicker auf Howard Vernon zu hören: „Rufen Sie mich, wenn das Zentralhirn offen liegt!“ Ein Spruch zum eintätowieren.

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