sei donne per l’assassino (mario bava, italien 1964)

Veröffentlicht: Dezember 31, 2011 in Film
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Wiedersehen macht Freude! Viel zu lang liegt die letzte Sichtung von Mario Bavas Giallo-Initialzündung SEI DONNE PER L’ASSASSINO zurück und mein aktuelles Giallo-Studium bietet natürlich den idealen Rahmen für das längst überfällige und  dringend notwendige Wiedersehen. Leider besitze ich nur die qualitativ etwas mittelprächtige RC-1-DVD von VCI, die die visuelle Opulenz des Films etwas gedämpft wiedergibt, aber auch sie lässt erkennen, was man von Bava gemeinhin erwartet: Üppig dekorierte, prächtig ausgeleuchte Sets und ein kreativer, sich nicht von budgetären Limitierungen einschränkender Einsatz der Kamera. Schon dieses eröffnende Bild eines im nächtlichen Unwetter schwingenden Schilds, das schließlich aus der Verankerung reißt, um der vordringenden Kamera Platz zu machen, und den Blick freigibt auf einen Springbrunnen, dessen Fontänen vom Wind gepeitscht wild in alle Richtungen spritzen, und die hinter diesem liegende Villa, nimmt völlig gefangen und deutet an, was man im Folgenden erwarten darf.

Mario Bavas durchs Pulp-Kaleidoskop gebrochener Low-Budget-Hitchcockismus (die Geschichte mit der Handtasche!) ist so sehr Kind seiner Zeit, wie er gleichzeitig total originär daherkommt: Die mondäne Welt seines Films lädt zum entspannten Lounging mit Martiniglas in der Hand ein, doch unter dieser plüschigen Oberfläche der Swingin‘ Sixties erstrecken sich uralte, modrige gothische Gemäuer: Dieses Bild wird zumindest durch die mit den brutalen Morden mitschwingenden psychologischen Implikationen heraufbeschworen. Ironischerweise ist es gerade die Naivität, mit der Bava seine Murder Mystery abspult, die diese Interpretation begünstigt – und die Artifizialität seiner Inszenierung ist die Kehrseite ein und derselben Medaille. Es lässt zunächst einmal auflachen, wenn der brave Inspektor Silvestri (Thomas Reiner) – wie seine Kollegen geradezu die Manifestation repressiver Spießbürgerlichkeit in seinem grauen Anzug und der korrekten Frisur – hinter den Morden einen „Sex Maniac“ vermutet, gerade weil die Modelopfer aus heutiger Perspektive (und im direkten Vergleich mit den Gialli, die Bavas Film nachfolgen sollten) eher hausfräulich-bieder anstatt anzüglich-aufreizend anmuten. Aber es hilft auch bei der Horizontverschiebung, die dann erkennen lässt, was an subversivem Potenzial in dieser spaßigen Murder Mystery egentlich schlummert.

Der Einfluss von Bavas Film (Schaufensterpuppen!) wird ja manchmal über den Giallo hinaus auf den Slasherfilm ausgeweitet. Hinsichtlich seiner Struktur spricht tatsächlich Einiges dafür, doch die sexuell aufgeladene Stimmung, die dem Mörder einen idealen Nährboden für seine Obsessionen liefert, steht dem Klima, das Jason und Konsorten etablieren, diametral entgegen. Sind die Maskenmänner des Slashers in einer durchpornografisierten Welt die Ausgeschlossenen, die sich für die ihnen auferlegte Zuschauerrolle rächen, ist der Täter in SEI DONNE PER L’ASSASSINO der Lustmörder, der den Deckmantel der Sitte genussvoll durchbohrt und zerreißt. Ein kleiner Film mit großer, großer Wirkung. Filmgeschichte, nicht weniger.

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