l’uccello dalle piume di cristallo (dario argento, italien/deutschland 1970)

Veröffentlicht: Januar 1, 2012 in Film
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Der amerikanische Schriftsteller Sam Dalmas (Tony Musante) hat in Rom soeben ein Sachbuch-Projekt abgeschlossen, um seine Schreibblockade zu überbrücken, und will eigentlich nichts anderes, als so schnell wie möglich in die USA zurück, da wird er Zeuge eines Mordanschlags: Ein maskierter Mann versucht in einer Galerie die schöne Monica Ranieri (Eva Renzi) zu ermorden, wird vom Auftauchen Sams aber vor Vollendung seiner Tat in die Flucht geschlagen. Das Verbrechen reiht sich ein in eine Serie von Morden an schönen Frauen, die Inspektor Morosini (Enrico Maria Salerno) vor ein Rätsel stellt. Weil Sam davon überzeugt ist, an jenem Abend irgendetwas Wichtiges gesehen zu haben, an das er sich nun nicht mehr erinnern kann, beschließt er der Polizei zu helfen – und bringt damit sich und seine Geliebte Julia (Suzy Kendall) in Gefahr …

Dass ich im Zuge meiner Giallo-Exkursionen natürlich nicht um Dario Argento herumkomme, gibt mir Gelegenheit, ein Missverständnis aus der Welt zu räumen, das ich durch einige, hmm, sagen wir mal: streitsüchtige Äußerungen in die Welt gesetzt habe und das mich seitdem verfolgt: Nämlich jenes, dass ich Argento nicht mag. Faktisch haben seine Horrorfilme – vor allem SUSPIRIA und INFERNO, aber auch PROFONDO ROSSO und TENEBRE und mit Abstrichen auch PHENOMENA, OPERA und LA SINDROME DI STENDHAL – eine wichtige Rolle in meiner Filmsozialisation gespielt: Argento war einer der Regisseure, die mir die Augen für die formale Gestaltung von Film geöffnet haben. SUSPIRIA und INFERNO habe ich etliche Male gesehen (ersteren glücklicherweise sogar zweimal im Kino) und ich gehöre wahrscheinlich zu den wenigen Menschen, die sogar seinen überwiegend verrissenen IL FANTASMA DELL’OPERA mochten (weil ich auch den völlig unerwartet im Kino sehen durfte). Argentos Stil ist einzigartig und sofort identifizierbar und für die Intellektualisierung des Horrorkinos hat er möglicherweise mehr geleistet als alle anderen Filmemacher, die sich zu seiner Zeit in diesem Genre ausgetobt haben. Was ist also das Problem?

Um die Katze aus dem Sack zu lassen: Ich halte Argento für limitiert. Er hat es in einer sehr speziellen Spielart des Horrorfilms sehr früh zu unbestritten großer Meisterschaft gebracht und dann nur noch wenig hinzuzufügen gewusst. Nach LA SINDROME DI STENDHAL, der eine mögliche neue Richtung andeutete, ist in seinem Werk ein erschreckender Qualitätsabfall zu beobachten – einhergehend mit zunehmend schlechteren Produktionsbedingungen in seinem Heimatland –, der irgendwie nahelegt, dass Argento, vielleicht mehr als man das bei einem auteur gemeinhin einräumt, davon profitiert hat, dass er mit Künstlern zusammenarbeiten konnte, die ihren schöpferischen Höhepunkt zeitgleich mit ihm erreicht hatten. Diese Kritik scheint mir sehr wichtig und ich fand sie unterrepräsentiert im Netz, wo man sich bis in alle Ewigkeit damit zufriedenzugeben scheint, dass die Ausleuchtung von SUSPIRIA fantastisch ist. Das ist sie tatsächlich, aber dieses Loblied wird ja nun auch schon seit vierzig Jahren gesungen – auch von Menschen, die nicht gerade als Feingeister und Kulturkenner in die Annalen eingehen werden. Was ich damit sagen will: Die Meisterschaft Argentos ist nicht eben mit Subtilität verbunden, sondern auf den ersten Blick ersichtlich. Und sie lässt sich auf ganz bestimmte Aspekte reduzieren, denen gegenüber andere eher stiefmütterlich behandelt werden. Was passiert, wenn der große formale Glanz fehlt, sieht man an NON HO SONNO, IL CARTAIO oder GIALLO.

Glücklicherweise ist jene traurige Gegenwart bei L’UCCELLO DALLE PIUME DI CRISTALLO noch weit, weit entfernt, jenem Film, mit dem Argento seine Karriere überaus erfolgreich einläutete und die von Mario Bava mit SEI DONNE PER L’ASSASSINO etablierte Giallo-Schablone entscheidend verfeinerte. L’UCCELLO wird gegenüber Argentos „horribleren“ Filmen (ca. ab SUSPIRIA) zwar gemeinhin als quasirealistischer Krimi eingestuft (in Deutschland wurde er als Edgar-Wallace-Adaption vermarktet), doch tatsächlich ist in ihm schon alles angelegt, was später dann den genuinen Argento-Style ausmachen würde: Sam Dalmas‘ missliche Lage – etwas gesehen zu haben, an das er sich nicht mehr erinnern kann – antizipiert jene von Marcus Daly in PROFONDO ROSSO, die kriminalistische Ermittlung trägt somit deutlich psychoanalytische Züge. Hier wie dort spielt ein Gemälde eine bedeutende Rolle bei der Tätersuche. Leblose Objekte – Kunstwerke, Messer, Handschuhe, Kleidungsstücke – werden von der Kamera fetischisiert und mit Bedeutung aufgeladen, die Mordszenen mithilfe kreativer Kameraarbeit (c/o Vittorio Storaro) und Ausleuchtung zu elaborierten Meditationen über den filmischen Raum ausgedehnt und die Musik (hier von Ennio Morricone) verstärkt den traumatischen Effekt der Bilder.

L’UCCELLO ist zwar auf den ersten Blick eine Spur weniger expressiv als Argentos wahrscheinlich ultimatives Giallo-Masterpiece PROFONDO ROSSO, aber deshalb kaum weniger artifiziell: Er ist reines Formenspiel, weswegen der gern gegen Argento erhobene Einwand, seine Filme seien unlogisch, auch meterweit an der Sache vorbeigeht. In L’UCCELLO duldet der ermittelnde Inspektor nicht nur die Alleingänge des Zeugen (und zunächst ja auch Tatverdächtigen), er ermutigt und unterstützt ihn sogar dabei. Dass die weiblichen Opfer des Mörders kaum als menschliche Individuen bezeichnet werden können, hat Argento die unvermeidlichen Misogynie-Vorwürfe eingebracht, dabei rührt diese Strategie daher, dass es in seinen Filmen eben nicht um menschliche Tragödien geht, sondern um psychologische und empirische Prozesse. Der Giallo, die Mordgeschichte, bietet ihm nur die Ebene, auf der er seine Verscuhe anordnen kann. Dass der Mörder über weite Strecken auf Handschuhe, Messer, Hut und Mantel reduziert wird, steht also nicht so sehr im Dienste einer Whodunit-Dramaturgie, als dies das hohe Abstraktionsniveau des Films unterstreicht. Der Mörder ist ein Strukturelement, das in den Film einbricht, um bei seinem Protagonisten die verschiedenen Erkenntnisprozesse anzuwerfen. Was von dieser eher theoretischen Ebene des Films ablenkt, sind seine brillant orchestrierten Schocktableaus und die vielen humorvollen Nebenfiguren: Allen voran sind hier Werner Peters als obligatorischer homosexueller Kunsthändler und Mario Adorf als katzenfressender, abgebrannter Maler mit Sturmfrisur zu erwähnen. Ja, ich muss sagen: L’UCCELLO DALLE PIUME DI CRISTALLO hat mir richtig gut gefallen und mir große Lust auf meinen kleinen Re-Appreciation-Kurs gemacht. Was sagt ihr jetzt?

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