la corta notte delle bambole di vetro (aldo lado, deutschland/italien/jugoslawien 1971)

Veröffentlicht: Januar 2, 2012 in Film
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Der in Prag arbeitende Journalist Gregory Moore (Jean Sorel) liegt in einem Zustand der Katatonie auf dem Tisch des Leichenbeschauers, bekommt alles, was um ihn herum passiert, mit, ist aber unfähig, sich bemerkbar zu machen. Verzweifelt versucht er, sich daran zu erinnern, wie er in diese missliche Lage kommen konnte: Ihm fällt ein, dass seine Verlobte Mira Svoboda (Barbara Bach), mit der er die Tschechoslowakei verlassen wollte, spurlos verschwunden war und ihn seine Versuche, sie wiederzufinden, auf die Fährte einer Verschwörung geführt hatten …

In einer Rückblende erzählt Aldo Lado seine Geschichte und webt so gleich zwei Spannungsbögen ineinander. Der erste verbindet den Zuschauer mit dem Protagonisten, dessen Erinnerungen nach und nach zurückkommen und sich zu einem schlüssigen Bild zusammenfügen, das ihm die Frage beantwortet, wie er als Scheintoter enden konnte, der zweite erreicht seinen Höhepunkt erst ganz zum Schluss: Wird Gregory aus seiner Starre erwachen? Man ahnt allerdings schon vorher, welches Ende LA CORTA NOTTE DELLE BAMBOLE DI VETRO nehmen wird: Lado, der mit L’ULTIMO TRENO DELLA NOTTE ein paar Jahre später ein italienisches LAST HOUSE ON THE LEFT-Rip-off drehen würde, das es locker mit dem großen Vorbild locker aufnehmen konnte, ist dann doch ein zu großer Realist, als dass er in Versuchung geriete, seiner Ostblock- und Faschismus-Allegorie mit einem läppischen Happy End den kritischen Zahn zu ziehen. Das Setting des sozialistischen Prags ist die halbe Miete bei diesem exzellenten Mystery-Thriller, weil es nicht bloß einen wunderbar unverbrauchten bildlichen Rahmen liefert, sondern auch entscheidend zur Atmosphäre des Alters, des Verfalls und des Todes beiträgt, die den Film bestimmt. Es gibt kaum junge, frische Gesichter in dem Film zu sehen, stattdessen fast ausschließlich ergraute, greisenhafte Gestalten, die mit den ruinösen Häusern um sie herum in symbiotischer Beziehung zu stehen scheinen. Der Sozialismus hat jedes Leben aus dem Land gesaugt und was übrig ist, ist hässlich, krank und moralisch verrottet, nur auf den eigenen Erhalt bedacht. Es ist klar, dass solch attraktive Personen wie Gregory oder Mira hier keine Chance haben.

Aldo Lado hat leider neben diesem Film – einem mehr als beachtlichen Debüt –, der im weiteren Sinne noch als Giallo zu bezeichnen ist, nur noch ein weiteres Mal in diesem Genre gearbeitet – CHI L’HA VISTA MORIRE? läuft dann auch demnächst in diesem Kino. Das ist sehr schade, weil er neben der inszenatorischen Finesse und einem ausgezeichneten Sinn für das Visuelle – LA CORTA NOTTE DELLE BAMBOLE DI VETRO sieht wirklich großartig aus – auch eine beachtliche Intelligenz und ein intaktes soziales Gewissen mitbrachte; Eigenschaften, die seine Thriller über bloß spannende Unterhaltung hinauswachsen lassen. Wer italienisches Genrekino allerdings in erster Linie für sein ehrliches Bekenntnis zum Trivialen schätzt, der bekommt hier immerhin einen Auftritt von Jürgen Drews als Straßensänger serviert, der eine ergreifende Ballada über die Schmetterlinge der Freiheit trällert …

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