il gatto a nove code (dario argento, italien/frankreich/deutschland 1971)

Veröffentlicht: Januar 3, 2012 in Film
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Der Zeitungsreporter Carlo Giordani (James Franciscus) und der erblindete ehemalige Journalist Franco Arno (Karl Malden) tun sich zusammen, um Nachforschungen in einem mysteriösen Kriminalfall anzustellen: Nachdem in der Klinik von Professor Terzi eingebrochen wurde, fällt einer der dort beschäftigten Wissenschaftler einem Mörder zum Opfer. Weitere Tote folgen. Hat die Mordserie etwas mit den in der Klinik stattfindenden Versuchen zu tun, ein „Verbrechergen“ zu identifizieren?

Dario Argentos zweiter Spielfilm beginnt als viel versprechende Ausarbeitung der in seinem Debüt L’UCCELLO DALLE PIUME DI CRISTALLO angestellten Überlegungen zu Wahrnehmung und Erinnerung: Die Rolle des Sam Dalmas wird hier auf gleich zwei Figuren verteilt – Giordani und Arno –, deren unterschiedliche Fähigkeiten ihre jeweiligen Handicaps ausgleichen. Es ist vor allem der blinde und somit nicht auf den im Vorgänger als fehleranfällig und unzuverlässig identifizierten Gesichtssinn angewiesene Arno, der die beiden auf die richtige Spur bringt. Er enttarnt den Unfall eines Wissenschaftlers als Mord, weil er weiß, wie wichtig oft gerade das ist, was sich außerhalb des Gesichtsfeldes zuträgt: Das Foto, das zeigt, wie der arme Mann vor einen heranrauschenden Zug stürzt, war beschnitten, das vollständige Bild zeigt deutlich, dass er gestoßen wird: ein Detail, das noch nicht einmal dem Fotografen selbst aufgefallen war, der sich bei der Bearbeitung des Fotos ganz auf das Opfer konzentriert hatte.

Diesen sehr spannenden Aspekt des Films – das Mehr-Sehen im Weniger-Sehen sozusagen – vernachlässigt Argento danach leider zusehends (Arno, die eigentlich interessanteste Figur des Films, verschwindet fast für eine halbe Stunde), um sich auf die absurden Verwicklungen seiner Murder Mystery selbst zu konzentrieren. Unzählige Verdächtige werden eingeführt und etliche falsche Fährten gelegt – wie das im Giallo so üblich ist –, und leider verliert sich IL GATTO A NOVE CODE dabei. Die geradezu umstürzlerischen neuen Erkenntnisse, die an der Klinik gewonnen wurden, sind kaum mehr als ein schöner McGuffin: Bei allem, was Argento da thematisch in die Waagschale wirft, der Zeit, die er sich lässt, seine Geschichte zu erzählen, erschien mir der Film erstaunlich trivial und flach. Man mag berechtigtermaßen einwenden, dass Gialli nun in erster Linie pulpiges Entertainment sind und nicht dazu da, Reflexionen über das Dasein anzuregen; und dass es bei Argento doppelt leicht fällt,  über diese höchst einfachen (Lästerer würden vielleicht sogar sagen: dummen) Geschichten hinwegzusehen, weil er sich wie kein Zweiter darauf versteht, sie kunstvoll zu erzählen – und dabei dann quasi auf Umwegen die tieferen Sinnebenen jenseits des Plots aufzudecken. Doch auch (oder gerade) in dieser Hinsicht empfand ich IL GATTO A NOVE CODE gestern als eher langweilig.

Vielleicht ist er auch einfach nur deutlich subtiler als seine anderen Filme, vielleicht müsste ich ihn noch häufiger sehen, um eben jene Feinheiten zu erkennen, nach denen ich gestern vergeblich Ausschau gehalten habe. Ich habe diesmal einfach die spektakulären Set Pieces vermisst, diese Argento-Momente, in denen die Leinwand/der Bildschirm ein Eigenleben zu entwickeln beginnt, sich die Form vom Inhalt emanzipiert und sich die Bilder einfach unnachgiebig ins Hirn fräsen – und mich stattdessen mehr und mehr gelangweilt. Na klar, es gibt wieder etliche schöne Subjektiven und auch einige dezent ungewöhnliche Regieeinfälle, gerade die konfrontational inszenierten Morde mit ihren fast subliminalen Augen-Close-ups stechen natürlich hervor, ebenso wie der spektakuläre finale Liftsturz des Mörders, aber andere Szenen – etwa jene in der Gruft – hielten nicht, was ich mir von ihnen versprochen hatte. Vielleicht auch nur ein Problem der Erwartungshaltung, denn ich hatte wirklich große Lust auf diesen Film, den ich (wie übrigens die gesamte Tier-Trilogie) noch nicht kannte. So muss ich diesmal leider zu dem Schluss kommen, dass ich L’UCELLO DALLE PIUME DI CRISTALLO sehr viel besser und vor allem pointierter, zwingender, stringenter fand als den irgendwie umständlichen, nie ganz zu sich findenden IL GATTO A NOVE CODE. In QUATTRO MOSCHE DI VELLUTO GRIGIO werde ich vorsichtshalber mit etwas gedämpftem Enthusiasmus gehen.

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