quattro mosche di velluto grigio (dario argento, italien/frankreich 1971)

Veröffentlicht: Januar 4, 2012 in Film
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Der Musiker Roberto Tobias (Michael Brandon) wird von einem Mann mit dunklem Anzug, Hut und Sonnenbrille verfolgt. Als er ihn in einem leerstehenden Theater zur Rede stellt, zückt der Mann ein Messer und es kommt zu einem Handgemenge, bei dem Roberto ihm eine tödliche Verletzung zufügt. Ein weiterer Unbekannter in einer bizarren Maske hat Fotos des vermeintlichen Mordes geschossen und beginnt nun Roberto zu bedrohen, ohne jedoch ein konkretes Motiv zu verfolgen. Während der Musiker versucht, Licht ins Dunkel zu bringen, folgen weitere Morde in seinem Umfeld. Schließlich verlässt ihn auch seine Frau Nina (Mimsy Farmer), die dem Terror nicht länger standhält …

Meine autobiografische Geschichte zu QUATTRO MOSCHE DI VELLUTO GRIGIO geht so: Argentos dritter Film war noch vor wenigen Jahren eine äußerst schwer zu bekommende Rarität, dazu praktisch unbekannt. Im deutschsprachigen Raum war der Film gar nicht erst ausgewertet worden, in den USA hatte sich die Paramount nicht dazu durchringen können, ihn nach der Kinoauswertung auch für den Heimvideo-Markt auszuwerten, und die somit einzige erhältliche Fassung war ein französisches VHS-Tape, das längst out of print war. Für den Argento-Begeisterten – der ich damals auch war – gab es wenig Hoffnung, dass diese Lücke geschlossen werden würde. Das war der Stand der Dinge im Jahr 1997, als QUATTRO MOSCHE DI VELLUTO GRIGIO im Rahmen einer Argento-Retrospektive auf dem Fantasy Filmfest gezeigt wurde, für das ich damals zum ersten Mal eine Dauerkarte besaß. Eigentlich ein No-Brainer: Die Chance diesen raren Film, den es ja vielleicht nie wieder zu sehen geben würde, auf großer Leinwand sehen zu können, musste man wahrnehmen. Ich weiß heute auch nicht, was mich – und meinen lieben Freund Erol, der mich damals begleitete – geritten hat, dass ich diese einmalige Chance nicht ergriff und mir stattdessen den parallel laufenden MASCHERA DI CERA ansah, jenen von Lucio Fulci begonnenen und nach dessen Tod von Sergio Stivaletti beendeten Horrorfilm, der sich als genau jene Katastrophe erwies, als die er sich rückblickend (und auch vorrausschauend mit etwas gesundem Menschenverstand betrachtet) erweisen musste. Damals hatten wir wohl einfach Lust auf italienischen Splatter und die Verlockung, kübelweise Blood & Guts geboten zu bekommen, war einfach zu groß. Wie haben wir uns nach diesem Scheißfilm geärgert! QUATTRO MOSCHE DI VELLUTO GRIGIO verschwand danach wieder in der Unerreichbarkeit und stattdessen hatten wir uns einen Film angeschaut, der nicht nur zum Zeitpunkt seines Erscheinens bereits wieder völlig egal, sondern darüber hinaus doch auch überall verfügbar war. Der Ärger verflog dann langsam mit dem abnehmenden Interesse an Argento (wofür der ja maßgeblich selbst  verantwortlich war): Als QUATTRO MOSCHE DI VELLUTO GRIGIO dann hier und da als Bootleg auftauchte, hatte ich mich längst anderen Dingen zugewandt. Vielleicht hatte ich beschlossen, meine einst aus Dummheit getroffene Entscheidung als ewiges Gelübde zu interpretieren.  Und so habe ich Argentos dritten Film und letzten Eintrag in der Tier-Trilogie gestern zum ersten Mal geschaut; mehr als 14 Jahre nach jener verpassten Chance.

Zurück in der Gegenwart: Nachdem ich mich mit IL GATTO A NOVE CODE schwer getan habe, überwiegt hier nun wieder die Begeisterung. War erstgenannter über die Gebühr zerredet, verlabert und umständlich, wird in QUATTRO MOSCHE DI VELLUTO GRIGIO zumindest in der ersten Hälfte auffallend wenig gesprochen. Der Film beginnt mit Bildern von Robertos Band, die den für die Zeit typischen Blues- und Jazz-inspirierten Rock spielt (Deep Purple waren ursprünglich mal als Soundtrack-Komponisten angedacht), und das scheint durchaus programmatisch zu sein, wirkt der ganze Film doch insgesamt spontaner, emotionaler, direkter und weniger komponiert als man das von Argento sonst kennt. Auch thematisch scheint QUATTRO MOSCHE DI VELLUTO GRIGIO lockerer, weniger eng: Es geht nicht so sehr um die Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Erinnerung und ihrer wechselseitige Beeinflussung, also darum, wie die Erinnerung Dinge nachträglich verfälscht oder löscht, die die Sinnesorgane aufgenommen haben, sondern um die Möglichkeit der Sinnsuche bei Abwesenheit jeglicher äußerer wahrnehmbarer Indizien und Fakten. Das Unheimliche am Kriminalfall des Films ist gerade die völlige Abwesenheit eines erkennbaren Motivs. Roberto scheint ein vollkommen willkürliches Opfer in einem Erpressungsfall, der nur der Belustigung des anonymen Täters dient. Und diese beunruhigende Tatsache zeitigt vor allem sichtbare emotionale Folgen. Roberto ist ein ungewöhnlich passiver, eigentlich sogar gänzlich handlungsunfähiger Protagonist. Nach dem Schock zu Beginn erstarrt er förmlich, flüchtet sich nach innen und macht vollkommen dicht. Bis zum Ende ist er ratlos: Zu diesem Zeitpunkt ist der von ihm beauftragte Detektiv, der der Wahrheit recht schnell auf die Spur gekommen war, bereits tot. Und wenn er den Täter dann durchschaut, so ist das einem Zufall geschuldet. Ebenso wie sein Überleben: Ohne den Deus ex Machina hätte QUATTRO MOSCHE DI VELLUTO GRIGIO wahrscheinlich gar kein Ende gefunden.

Betrachtet man den Giallo als eine extreme Spielart des Whodunit oder der Murder Mystery, dann ist QUATTRO MOSCHE DI VELLUTO GRIGIO vielleicht sein am radikalsten verkürzter und stilisierter Vertreter: Argentos Inszenierung akzentuiert immer wieder die dem Zugriff entfliehende Wahrheit. Der ganze Film handelt von dem, was man nicht sehen kann. Wenn der Detektiv beim Vergleich zweier Fotos eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen zwei abgebildeten Figuren erkennt, dann zeigt Argento diese Bilder nicht nur nicht, er lässt den Detektiv auf die entsprechende Frage Robertos auch nicht antworten. Wen der Detektiv in der folgenden Sequenz  verfolgt, bleibt sein Geheimnis. Alles, was der Zuschauer sieht, ist der Detektiv, der nach dem Ausschau hält, von dem wir nicht wissen, wer es ist. (Überhaupt dieser Detektiv: Im Zustand höchster Euphorie gesteht er seinem Auftraggeber, keinen seiner bisher 84 Fälle gelöst zu haben. Das könne ja nur ein gutes Zeichen sein, denn diese Serie könne ja unmöglich länger anhalten. Er bräuchte eigentlich nur in seinem Büro zu sitzen und darauf zu warten, dass sich der Schuldige selbst stellt. Er sagt das, als ließe sich dazu unmöglich eine Widerrede formulieren. Herrlich. Er stirbt dann auch mit einem Lächeln auf dem Gesicht: Er hatte den richtigen Verdacht.) Die Traumsequenz, die Roberto immer wieder hochschreckt – eine Enthauptungsszene, die an die Erzählung einer Nebenfigur zu Beginn anknüpft -, ist ebenfalls nicht zu entschlüsseln. Sie enthält keinen Hinweis auf die Identität des Mörders, ist kein Rätsel, das der Zuschauer zu lösen hätte, sondern entpuppt sich zum Schluss lediglich als Vorahnung, die erst nachträglich mit Bedeutung aufgeladen wird. Ich habe erst vor Kurzem irgendwo gelesen, dass der Giallo erheblich von Antonionis BLOW-UP beatmet wurde: Eine These, die so unmittelbar einleuchtend ist, dass ich mich frage, warum ich nicht vorher darüber gestolpert bin. Argento, der als Formalist sowieso als ein direkter Nachfahre des Meisterregisseurs des Neorealismus angesehen werden kann, lag mit seinen Gialli zwar stets besonders nah an diesem Vorbild, doch QUATTRO MOSCHE DI VELLUTO GRIGIO, der vielleicht „leerste“, abstrakteste Giallo, den ich kenne, wirkt fast, als hätte Argento ein pulpiges Remake des großen Pop-Art-Kunstwerks gedreht. Eins mit Bud Spencer als Lebenskünstler namens „Gott“, mit einer betörenden Mimsy Farmer, die hier das krasse Gegenteil ihrer Rolle aus IL PROFUMO DELLA SIGNORA IN NERO verkörpert – und dann doch wieder nicht, mit einer gruseligen Heckenlabyrinth-Szene, die THE SHINING, sowie einem Zeitlupen-Kugelflug, der THE MATRIX zu antizipieren scheint, einem spektakulären Autocrash zum Schluss und einigen weiteren wunderschönen Argento-Momenten. Superb.

 

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