chi l’ha vista morire? (aldo lado, italien/deutschland 1972)

Veröffentlicht: Januar 5, 2012 in Film
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Während des Besuchs bei ihrem Vater in Venedig, dem Bildhauer Franco Serpieri (George Lazenby), verschwindet die kleine Roberta (Nicoletta Elmi) und wird wenig später tot aufgefunden. Krank vor Trauer begibt sich Franco auf Spurensuche. Er findet heraus, dass der Täter bereits schon einmal ein Kind ermordet hat und irgendwie mit dem Kunsthändler Serafian (Adolfo Celi) und dem zwielichtigen Politiker Bonaiuti (José Quaglio) in Verbindung steht…

Nach SOLAMENTE NERO der zweite Film, dem das düsterromantische, dekadente Venedig als Kulisse sehr zum Vorteil gereicht: Kein Wunder, wuchs Regisseur Aldo Lado doch in der Lagunenstadt auf und kennt deshalb die Orte abseits der Touristenströme, die besonders viel morbiden Charme versprühen. Visuell ist CHI L’HA VISTA MORIRE? also eine Pracht und in diesem kurzen Bild, das nichts als einen riesigen, vor dem Auge zu einer amorphen Masse aus grauen und weißen Flecken verschimmenden Schwarm von Tauben zeigt, bündelt Lado dann sogar diese suggestive, beunruhigende Kraft, aus der Nicholas Roeg mit DON’T LOOK NOW einen ganzen Film gemacht hat. CHI L’HA VISTA MORIRE? ist ohne Frage beeinflusst von diesem Meisterwerk, das elterliche Trauerarbeit in das Gewand eines Mystery-Films um Vorahnung und Determination kleidet, bleibt jedoch über weite Strecken auf den sicheren, weil ausgetretenen Bahnen des Giallos. Das Leid der Eltern wird von Lado nie wirklich ausgelotet, es bleibt bloße Behauptung, weil der Regisseur viel zu sehr damit beschäftigt ist, nicht den Anschluss an die Irrwege der Handlung zu verlieren. Das ist sehr schade, weil gerade das erste Drittel des Films ein gewaltiges Potenzial für verstörendes Kino offenbart: Die Szene, in der Franco im Anschluss an die vergebliche Suche nach seiner Tochter in der Hoffnung nach Hause kommt, sie dort gesund und munter vorzufinden, vor seiner Wohnungstür kurz innehält, weil er von drinnen tatsächlich eine gut gelaunte Mädchenstimme hört, und nach dem erwartungsvollen Öffnen der Tür feststellen muss, dass die Stimme aus dem Fernseher kommt, den er vergessen hatte auszuschalten, und sich seine Angst endgültig verfestigt, die Erkenntnis einsinkt, dass sich seine Sorgen nicht in Wohlgefallen auflösen werden, lässt einem das Blut in den Adern gefrieren.

Doch diese unmittelbare emotionale Resonanz erzeugt Lado in der Folge nur noch sehr selten: Der Liebesakt, den Franco und seine Noch-Ehefrau Elizabeth (Anita Strindberg) kurz nach der Beerdigung ihrer Tochter unter Tränen vollziehen, von Lado ausschließlich in Großaufnahmen gefilmt und nur mit Musik unterlegt, ist so ein Moment. Leben und Tod liegen dicht beieinander und manchmal sind sie überhaupt gar nicht voneinander zu trennen. Die Jagd auf den Mörder, das typische Hin-und-Her des Giallos mit seinen zahllosen Verdächtigen, die einer nach dem anderen über die Klinge springen müssen, bis nur noch der übrig bleibt, den man garantiert nicht auf dem Schirm hatte, ist zwar stilvoll abgelichtet und wirkt deshalb immer einen Tick seriöser als bei anderen Genrevertretern, aber trotzdem überwiegt die leise Enttäuschung darüber, dass Lado nicht etwas mehr Energie aufgebracht hat. Dann hätte CHI L’HA VISTA MORIRE? richtig groß werden können. So ist es „nur“ ein sehr guter Giallo geworden – mit einem beunruhigenden Kinderlied-Score von Meister Morricone.

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Kommentare
  1. Alex sagt:

    Der Score ist wirklich ein Hammer und sehr einprägsam. Jedes Mal, wenn ich nur den Filmtitel lese, habe ich ihn direkt wieder im Ohr…

  2. Oliver sagt:

    Ich habe mich gestern gefragt, wer eigentlich Kinderlieder textet. Werden die von Erwachsenen für Kinder geschrieben, entstehen die aus dem kindlichen Spiel heraus oder sind da einfach exisitierende Lieder, die irgendwann bei Kindern landen? Wenn ersteres der Fall ist, fänd ich das angesichts des Liedes in diesem Film ziemlich gruselig.

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