paranoia (umberto lenzi, italien/frankreich 1970)

Veröffentlicht: Januar 5, 2012 in Film
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Nachdem sie sich von einem Autounfall erholt hat, erhält die Rennfahrerin Helen (Carroll Baker) eine Einladung von ihrem Ex-Gatten, dem Playboy Maurice (Jean Sorel), der sie vor drei Jahren verlassen hatte. Neugierig folgt sie der Einladung in sein prächtiges Haus an der mallorquinischen Küste, nur um dort etwas enttäuscht festzustellen, dass er eine neue Frau hat: die schon etwas ältere Constance (Anna Proclemer), die auch für den gemeinsamen Wohlstand verantwortlich ist. Nach einigen Tagen, in denen Helen sowohl von Maurice als auch von Constance Avancen gemacht wurden, offenbart sich die Gastgeberin: Sie will Helen – die selbst einmal mit der Waffe auf ihren Gatten losgegangen war – dazu überreden, Maurice umzubringen. Doch Constance hat nicht mit der Skrupellosigkeit des Ehemanns gerechnet, denn der wiederum schlägt seiner Ex vor, die lästige Ehefrau zu entsorgen, um sich mit ihrem Reichtum ein schönes Leben zu machen. Helen, dem Charme Maurice‘ wieder einmal erlegen, willigt ein. Nach vollbrachter Tat müssen nur noch die lästigen Fragen von Polizei und Freunden beantwortet werden. Doch dann steht auf einmal Constance‘ jugendlich-aufmüpfige Tochter Susan (Marina Coffa) auf der Matte …

Schon lustig: Jean Sorel war mir in zwanzig Jahren exzessiven Filmschauens nur einmal wissentlich begegnet (nämlich bei meiner Erstsichtung von Lados LA CORTA NOTTE DELLE BAMBOLE DI VETRO vor ein paar Jahren) und jetzt habe ich innerhalb von zwei Wochen gleich vier Filme mit ihm gesehen. Auch hier spielt er, ähnlich wie in José María Forqués EL OJO DEL HURACÁN, den attraktiven, charmanten Liebhaber, der einsame Frauen nach Belieben um den Finger wickelt und dieses Talent rücksichtslos zu seinem Vorteil einsetzt. Beide Filme liegen sowieso eng beieinander, nicht nur zeitlich: Sie transportieren klassische Noir-Plots aus den amerikanischen Straßenschluchten in den sommerlichen Mittelmeerraum, aus dem Zwielicht schummriger Bars und ranziger Hotelzimmer in die vom dolce vita geprägten Sphären des europäischen Jetsets. Als Vorbild für diese Filme darf man vielleicht René Clements Highsmith-Verfilmung PLEIN SOLEIL betrachten, der dem beneidenswerten Glamour von Hitchocks TO CATCH A THIEF endgültig die Unschuld raubte und die ganze Verkommenheit und Gier seiner Protagonisten auf eine Art und Weise bloßstellte, dass man selbst in der Mittagshitze noch eine Gänsehaut bekam. Auch in Lenzis PARANOIA gibt es keine einzige sympathische oder auch nur ehrliche Figur: Helen, die zunächst noch dem Typus der selbstbestimmten, starken Frau zu entsprechen scheint (Rennfahrerin …), entpuppt sich mehr und mehr als willenlos und entscheidungsunfähig zwischen Maurice und Constance schwankende Hysterikerin (… die einen Unfall baut), der schöne Maurice sich als aalglatter Intrigant und Egomane, Constance als feige und rückgratlos, die emotionale und moralische Integrität vorgaukelnde Susan als abgebrühte und zu allem entschlossene Zockerin. Es verschafft ja immer eine gewisse Genugtuung, mitanzuschauen wie sich die Reichen und Schönen ungehemmt gegenseitig betrügen, belügen und schließlich aus dem Weg räumen und das ist hier nicht anders: PARANOIA ist durchweg unterhaltsames Thrillerkino mit jenem unnachahmlichen Sixties-Flair und wenn der Handlungsverlauf auch nicht besonders originell ist, so gelingt es Lenzi dennoch mehr als einmal, den Zuschauer auf dem falschen Fuß zu erwischen.

Dazu kommt, dass dieser Postkartenthriller unter der Regie des Italieners mit dem Faible fürs Saftige eine dezente Schlagseite zum Sleaze hin erhält, die das Abgündige noch abgründiger macht: Gleich zu Beginn, wenn Helen auf die Frage des Arztes, welches der drei Laster Zigaretten, Sex und Alkohol sie denn glaube, auch weiterhin in vollen Zügen genießen zu können, kurzentschlossen mit „Alkohol“ antwortet, ahnt man schon, dass diese Frau ein ausgesprochenes Talent dafür hat, sich lustvoll in die Scheiße zu reiten. Der Freund, der die Rekonvaleszente abholt, macht erst einmal Halt an einer Tankstelle, die er als seinen „Whiskey-Stop“ bezeichnet, um ihr neuen Stoff zu beschaffen (eine Gelegenheit, die sie sofort dazu nutzt, mit seiner Karre abzuhauen), und der schöne Maurice hat keine Hemmungen, sich im Beisein der Ehefrau mit diversen Bikinischönheiten zu vergnügen. Als er Helen mit seinem zahnreichen Verführerlächeln begrüßt, montiert Lenzi einen kurzen Erinnerungsfetzen Helens ein, der zeigt, wie er ihr mit dem Handrücken eine saftige Maulschelle verpasste, nachdem sie mit einer Pistole auf ihn losgegangen war. Schöne Gesellschaft. PARANOIA fällt aus meiner Giallo-Reihe eher raus, weil er – wie oben ausgeführt – einer anderen Traditionslinie entstammt, aber er hat mir trotzdem sehr gut gefallen. Und einen solchen dann doch überwiegend geschmackssicheren, beinahe schon als „edel“ zu bezeichnenden Thriller hatte ich von Lenzi definitiv nicht erwartet. Mir wird immer mehr bewusst, welchen Abstieg das italienische Kino und seine Protagonisten im Verlauf der Siebziger- und Achtzigerjahre tatsächlich hingelegt haben. Von PARANOIA zu LE PORTE DELL’INFERNO: Das muss man auch erst einmal hinbekommen …

(Achtung: Diesen Film – der auf Englisch A QUIET PLACE TO KILL heißt – kann man nur allzu leicht mit Lenzis ORGASMO verwechseln: Der lautete international nämlich auf den Titel PARANOIA und bietet, um die Verwirrung komplett zu machen, ebenfalls Carroll Baker als Hauptdarstellerin auf. Wer meinen Text ganz kurz nach meiner Veröffentlichung gelesen hat, wird sich bemerkt haben, dass ich selbst auf die Namensgleichheit hereingefallen war und das falsche Postermotiv ausgewählt hatte.)

Kommentare
  1. Thomas Hemsley sagt:

    Ich gebe ja zu nicht so der Giallo-Kenner zu sein, deswegen kann ich hierzu keine semiliteraten Kommentare lassen, aber ich liebe diese wunderbaren an alte Pulpromane erinnernden gemalten Plakate. Sind italienische Poster heute noch so geil. Die amerikanische Plakatkunst ist ja leider definitiv am abbauen, die deutsche auch, wie ich finde. Wo hast du eigentlich diese tollen Bilder her?

    • Oliver sagt:

      Ich schätze mal, dass italienische Poster heute so aussehen wie bei uns auch. Poster von echten Künstlern malen zu lassen ist wahrscheinlich zu teuer – und anscheinend auch nicht mehr zeitgemäß genug. Und zu den modernen Filmen würde dieser Look ja auch kaum noch passen. AMER, der ja eine Art Giallo-Hommage ist (habe ihn noch nicht gesehen) hat ein Postermotiv, das sehr an diesen alten Stil angelehnt ist.

      Die Antwort auf die Frage nach der Herkunft dieser Bilder ist leider sehr trivial: Google-Bildersuche. 😉

      Wenn du dir solche Poster gern aufhängen würdest, kann ich dir kinoart.net empfehlen (siehe auch in meinen Links). Das ist ein Posterhandel, den ein Freund von mir betreibt. Viele Raritäten, Schwerpunkt auf jeden Fall aus Postern prä-1980. Einiges ist natürlich entsprechend hochpreisig, aber man kann da auch schon für wenig Geld tolle Sachen kaufen. Gerade auch aus Italien. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall, allein schon, um etwas in Nostalgie zu schwelgen.

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