la ragazza dal pigiama giallo (flavio mogherini, italien/spanien 1977)

Veröffentlicht: Januar 9, 2012 in Film
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An einem Strand von Sydney wird eine fruchtbar zugerichtete Frauenleiche aufgefunden: Offensichtlich wollte der Mörder um jeden Preis ihre Identifizierung verhindern und so ist der auffallende gelbe Pyjama das einzige identitätsstiftende Merkmal, auf das die ermittelnden Beamten – darunter der aus dem Ruhestand reaktivierte Inspector Thompson (Ray Milland) – ihre Ermittlungen stützen können. Als nach Wochen immer noch keine Fortschritte zu verzeichnen sind, wird die Leiche öffentlich ausgestellt und die Bevölkerung zur Begutachtung aufgefordert …

LA RAGAZZA DAL PIGIAMA GIALLO basiert auf einem Kriminalfall, der in den mittleren Dreißigerjahren die australische Öffentlichkeit schockierte. Nachdem 1934 die Leiche einer jungen Frau gefunden worden war, dauerte es ganze zehn Jahre, bis sie schließlich identifiziert werden konnte. Auch die im Film übernommene öffentliche Ausstellung des Leichnams brachte zunächst nicht die gewünschten Erkenntnisse. Es bedurfte einer Neueröffnung des Falles in den Vierzigerjahren und trotzdem gibt heute immer noch Stimmen, die die Richtigkeit der Erkenntnisse anzweifeln.

Flavio Mogherini, der seit den Vierzigerjahren in verschiedenen Funktionen im Filmgeschäft (etwa als Produktionsdesigner in Camerinis ULISSE oder als Art Director von Bavas DIABOLIK) war, bevor er 1972 als 50-Jähriger sein Regiedebüt gab, es bis zu seinem Tod mit 72 im Jahre 1994 aber immerhin noch auf 14 Filme brachte, macht es dem Betrachter mit seiner Verfilmung des berühmten Kriminalfalles nicht ganz leicht: Er spaltet seine Geschichte in zwei parallel erzählte, chronologisch aber eigentlich nacheinander ablaufende Stränge, ohne dass er dies von Beginn an transparent machte. Widmet er also einen Strang der Polizei und ihren Bemühungen, die Leiche zu identifizieren und den Mörder zu stellen, so folgt er im zweiten Strang einer ehemaligen Prostituierten namens Glenda (Dalila Di Lazzaro) und ihren verzweifelten Versuchen, zwischen einem selbstbestimmten, polygamen, aufregenden, aber eben auch unbeständigen und letztlich einsamen Leben und einer sicheren, aber tristen Existenz mit dem zwar grundguten, aber eben auch mittel- und ehrgeizlosen Ehemann Antonio (Michele Placido) die richtige Wahl zu treffen. Es hat eine gute Stunde gedauert, bis ich verstanden hatte, dass dieser zweite Strang eine Rückblende ist und seine Protagonistin Glenda eben jene Unbekannte, die der Polizei im anderen Strang als Leiche im gelben Pyjama Kopfzerbrechen bereitete, und ich weiß nicht genau, ob das an meinem Nichtwissen über die realen Hintergründe des Films oder auch einer möglichen Unkonzentriertheit lag, oder doch an Mogherinis Inszenierung selbst. Das erschwert es mir, ein gültiges Urteil über LA RAGAZZA DAL PIGIAMA GIALLO zu fällen, auch wenn der positive Eindruck, hervorgerufen durch die wunderschöne Fotografie des Films, den charakteristischen Synthiecore von Riz Ortolani (und die zwar gewöhnungsbedüftigen, aber stimmungsvollen Popsongs von Amanda Lear), die liebenswerte Darbietung des in Ehren ergrauten Ray Milland und die Ernsthaftigkeit des Films, dessen emotionale Wirkung weit über das hinausgeht, was Krimis sonst leisten, überwiegt. Während jener ersten Stunde, in der ich dem Geschehen zwar interessiert, aber eben auch etwas ratlos folgte, ist LA RAGAZZA DAL PIGIAMA GIALLO nämlich so ziemlich das Gegenteil von „zwingend“: Man schaut einer Figur zu, von der man keine Ahnung hat, was sie mit dem Rest der Geschichte denn eigentlich zu tun hat, während da doch eigentlich ein ziemlich interessanter Mordfall aufzuklären ist. Rückblickend, wenn sich  LA RAGAZZA DAL PIGIAMA GIALLO als tragische Geschichte einer Frau, die nicht in der Lage ist, ihren Platz in der Welt zu finden, erweist, steht man als solches Denkender dann natürlich ziemlich dumm da. Egal, welche Erkenntnisse eine zweite Sichtung bringen wird: Mogherini ist in jedem Fall ein ungewöhnlicher Film gelungen, der bei mir einen solch starken emotionalen Eindruck hinterlassen hat, dass ich über die genannten (möglichen) Schwächen gern hinwegsehe und bereit bin, sie positiv als Ausdruck eines individuellen Stils zu betrachten. Die-Hard-Giallo-Fans werden sich mit der eher ruhigen Gangart des Films wahrscheinlich eher schwer tun, wie Italo-Afficionados bei LA RAGAZZA DAL PIGIAMA GIALLO aufgrund des Australien-Settings sowieso nicht so ganz auf ihre Kosten kommen dürften, dennoch sollten aufgeschlossene Filmfreunde unbedingt einen Blick wagen. Und nachdem ich mich zuletzt mit den Schattenseiten des Formelkinos auseinandersetzen musste, möchte ich diese Empfehlung noch unterstreichen.

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