la morte accarezza a mezzanotte (luciano ercoli, italien/spanien 1972)

Veröffentlicht: Januar 11, 2012 in Film
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Das Fotomodell Valentina (Susan Scott) lässt sich von ihrem Freund, dem Klatsch-Journalisten Gio Baldi (Simon Andreu), für die Titelstory seines Revolverblättchens eine neue halluzinogene Droge verabreichen. Während ihres Trips halluziniert sie, wie im gegenüberliegenden Haus eine Frau von einem Mann mit einem stachelbewehrten Handschuh ermordet wird. Wenig später wird sie selbst von dem Mörder attackiert. Als sie daraufhin zur Polizei geht, stellt sich heraus, dass der von ihr gesehene Mord bereits vor geraumer Zeit stattgefunden hat, das Opfer identifiziert wurde und der Mörder bereits inhaftiert ist. Doch bei beiden handelt es sich nicht um die Personen, die Valentina gesehen haben will …

Nach LA MORTE CAMMINA CON I TACCHI ALTI ist dieser Giallo gleich der nächste Volltreffer Ercolis, wieder geschrieben von Gastaldi, der dabei unter anderem vom verlässlichen Sergio Corbucci unterstützt wurde. Trotzdem hat mir der Vorgänger noch ein bisschen besser gefallen: LA MORTE ACCAREZZA A MEZZANOTTE hat eine wunderbare Prämisse (dazu gleich mehr), die er im Folgenden zu einer immer mysteriöser werdenden Geschichte ausweitet, deren Auflösung dann aber fast zwangsläufig etwas enttäuschend ausfallen muss. Vermutete ich lange Zeit, dass der Boden der schnöden Realität zum Ende hin völlig verlassen werden würde, er eine komplette Hinwendung zum Mystery-Film vollzöge, wurde ich dann zu meiner milden Enttäuschung doch eines nicht unbedingt Besseren belehrt. Auch hier gilt aber wieder, was ich schon zum Vorgänger geschrieben habe: Wer der Meinung ist, Giallos (ich lege mich hiermit ein für allemal auf eine deutschen Pluralbildung fest) seien lediglich aufgrund ihres Styles und der Setzung bestimmter oberflächlicher Reize interessant, denen gegenüber ihre inhaltliche Seite aufgrund zahlloser logischer Fehler, Plotholes und maßloser Übertreibungen grundsätzlich zu vernachlässigen sei, den könnten die Ercoli-Giallos vom Gegenteil überzeugen: Auch diesmal fühlte ich mich am Ende mitnichten genasführt, sondern war im Gegenteil lediglich einem sehr sauber konstruierten, zwar verwirrenden, aber dennoch (halbwegs) nachvollziehbaren Krimi auf den Leim gegangen. Dass der mit Susan Scott eine wunderschöne Hauptdarstellerin, einen tollen Score von Gianni Ferro inklusive eines herrlichen Easy-Listening-Titelsongs und einige happig-sadistische Morde vorzuweisen hat, mit der Tatwaffe zudem eine unverkennbare Reminiszenz an Bavas SEI DONNE PER L’ASSASSINO, schadet natürlich nicht, doch noch mehr als all das hat mich sein unverkennbarer Meta-Aspekt gefesselt und mich dazu angeregt, mir noch während des laufenden Films Gedanken über „filmisches Erinnern“ zu machen.

Die Geschichte von LA MORTE ACCAREZZA A MEZZANOTTE wird durch die weiter oben erwähnte „Halluzination“ Valentinas ins Rollen gebracht. Unter Drogeneinfluss „beobachtet“ sie einen Mord, sieht sowohl das Gesicht des Mörders als auch das des Opfers so gut, dass sie beide später wiedererkennen kann. Und der Zuschauer ist dabei ihr Augenzeuge: Nicht nur glauben wir, dass sie diese Vision tatsächlich hatte, wir teilen sie mit ihr. Das ist die Prämisse, von der aus alle weiteren Handlungsfäden gesponnen werden: Valentina beschreibt Dritten Mörder und Opfer, erkennt ersteren später auf der Straße wieder – und ist sich zudem ganz sicher, dass sie nicht bloß halluziniert hat, sondern dass das Gesehene tatsächlich passiert ist, von existierenden Person durchlebt wurde. Selbst wenn man berücksichtigt, dass der Zuschauer für LA MORTE ACCAREZZA A MEZZANOTTE die suspension of disbelief leisten muss, um überhaupt den Einstieg finden zu können, ist das ihm anscheinend zugrunde liegende Verständnis von mentalen Bildern zunächst doch ziemlich spektakulär und faszinierend. In seiner Welt scheint es ja gar keinen Unterschied zu geben zwischen mentalen Bildern und mit den Sinnesorganen aufgenommenen Eindrücken. Eine Person zu imaginieren, also eine Person zu sehen, die nicht wirklich da ist, ist in ihm das gleiche, wie eine Person zu sehen, die einem gegenübersteht. Und in der Welt des Mediums Film (also nicht nur dieses Films) ist das ja auch tatsächlich so: Zwar können eine Halluzination, ein Traum, eine Erinnerung, eine Imagination durch zusätzliche Stilmittel – Schwarzweiß, Weichzeichner, visuelle Effekte, Musikuntermalung etc. – gekennzeichnet und somit von der innerfilmischen Realität abgehoben werden, dennoch werden diese Bilder ja auf dieselbe Art und Weise produziert, nämlich indem Schauspieler vor einer Kamera agieren, die ihre Bewegungen aufzeichnet (heute hat man dank der modernen Technologie natürlich noch andere Möglichkeiten, (mentale) Bilder zu erzeugen). Valentinas Halluzination liegt also eine materielle Entsprechung zugrunde, die in der (damaligen) Technik des Mediums begründet ist. Und diese Entsprechung macht es weiterhin nicht nur möglich, dass sie dem Ebenbild ihrer Einbildung auf der Straße begegnet und es identifiziert, sondern auch, dass wir als Zuschauer sehen, dass ihre Identifizierung richtig ist. In der Realität wäre das nicht möglich: Träume hinterlassen keinen quasifotografischen Eindruck, den man mit der Realität abgleichen könnte. Dritte könnten nicht bestätigen: Ja, diese Person, die ich dort sehe, ist die, die du in deinem Traum gesehen hast. Die Personen, die wir im Traum identifizieren, erkennen wir ja nicht auf dieselbe Art und Weise, wie wir jemanden erkennen, der uns gegenübersteht. Im Traum können wir Personen sogar dann noch identifizieren, wenn sie ganz anders aussehen als in Wirklichkeit, weil wir diese Bilder selbst produzieren. Die Grundlage zur Entschlüsselung unserer Traumbilder liegt nicht außerhalb unserer Wahrnehmung (wie der Mann, den wir gesehen haben, eben tatsächlich existiert), sondern nur in uns selbst: Deswegen identifizieren wir eine Person in einem Traum auch dann noch als unsere Mutter, wenn sie gar nicht wie diese aussieht, ohne dass das zwangsläufig ein Irrtum sein muss.

Was ich sagen will: Indem Ercoli in LA MORTE ACCAREZZA A MEZZANOTTE Valentinas Halluzination „zeigt“, bestätigt er sie. Es kann keinen Vermittlunsgverlust geben. Indem wir an ihrer Halluzination teilhaben, zu ihr zurückspulen und sie nochmals betrachten können, indem wir wissen, dass sie inszeniert werden musste, indem wir zugeben müssen, dass dieser Mann, den Valentina sieht, der Mann ist, den sie zuvor imaginiert hat, wissen wir, dass sie Recht hat, die Wahrheit sagt. Das ist ein ziemlich starkes Stück, das außerhalb der Kunstrichtung „Film“ gar nicht möglich wäre – selbst in der Literatur müssten wir dem auktorialen Erzähler glauben, ohne uns von der Richtigkeit seiner Behauptung selbst überzeugen zu können. LA MORTE ACCAREZZA A MEZZANOTTE authentifiziert aber etwas, das erkenntnistheoretisch keinerlei Entsprechung in der Wirklichkeit hat. Angesichts dieses Wurfs finde ich es fast schon schade, dass Ercoli nicht auf seine eigene filmische Täuschung reinfällt: Er ist zwar Giallo-Regisseur, aber einer, der irrwitzige Plots nicht um ihrer selbst willen konstruiert. Er weiß, dass man keine realen Ereignisse fantasieren kann und dass Valentinas Aussage  gegenüber einem Kriminalisten, sie habe jene auf einem Foto abgebildete Person in ihrer Halluzination gesehen, in der Realität vielleicht zur Kenntnis genommen würde, aber keinesfalls eine ernsthafte argumentative Auseinandersetzung nach sich zöge. Deshalb – und jetzt kommt ein Spoiler – handelt es sich bei Valentinas Halluzination dann auch gar nicht um eine solche, sondern um eine verdeckte Erinnerung. Valentina hat den Mord in der Vergangenheit gesehen und ihre Erinnerung wirft deshalb das Bild des Mörders vor ihr inneres Auge; deshalb ist sie in der Lage, einen Mann auf der Straße als jenen Mann aus ihrer Erinnerung erkennen.

Und genau das mag ich so an diesem Film: Er hat diese ganzen Reflexionen in mir angestoßen, mich dazu gebracht, darüber nachzudenken, was an ihm irgendwie nicht stimmt, ohne dass dieses Gefühl des Da-stimmt-was-nicht meine Sichtung, die Freude daran, der Geschichte auf ihren verschlungenen Pfaden zu folgen, beeinträchtigt hätte. Im Gegenteil: Es hat den Film aufgewertet. Und dass er mich in dem Verdacht, dass Ercoli diese Fantasterei nicht einfach so stehenlassen können würde, bestätigt hat, das war einfach toll. Insofern weiß ich jetzt am Ende gar nicht so genau, ob ich mein Eingangsstatement, LA MORTE CAMMINA CON I TACCHI ALTI habe mir besser gefallen, überhaupt noch aufrechterhalten kann. Letztlich ist das aber nicht so wichtig: Entscheidend ist, dass Ercoli (mindestens) zwei erstklassige Giallos gemacht hat.

(Ich hoffe, mein Sermon war halbwegs nachvollziehbar. Sollte ich bei meiner Argumentationskette Erkenntnisse der Epistemologie, Neurologie und Hirnforschung missachtet haben oder allzu vereinfachend vorgegangen sein, rege ich hiermit zur Richtigstellung und Aufklärung via Kommentar an. Mir scheint der Komplex „Erinnerung im Film“ sowieso ein recht interessante Diskussionsthema zu sein …)

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