cosa avete fatto a solange? (massimo dallamano, italien/deutschland 1972)

Veröffentlicht: Januar 12, 2012 in Film
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Beim Tête-à-Tête mit ihrem Lehrer Prof. Rosseni (Fabio Testi) beobachtet die Schülerin Elizabeth (Cristina Galbó) den Mord an einer Klassenkameradin. Weitere Morde an Schulmädchen folgen. Rosseni begibt sich selbst auf Spurensuche und bietet sich damit nicht nur  dem ermittelnden Scotland-Yard-Inspector Barth (Joachim Fuchsberger) als Tatverdächtiger an, er riskiert auch, dass seine Ehefrau, die Deutschlehrerin Herta (Karin Baal) von seiner Affäre erfährt …

Die geistige Verwandtschaft italienischer Giallos mit den bundesdeutschen Mysterykrimis der Edgar-Wallace-Reihe ist längst nicht nur produktionstechnischen Überschneidungen geschuldet. In beiden Genres wurde der eher bürokratische Aspekt von kriminalistischer Arbeit zugunsten der Darstellung garstiger Gräueltaten, der Betonung menschlicher Abgründe und der Anknüpfung an gothische Schauerwelten vernachlässigt, wenn nicht gar ganz verworfen. Die Filme, die dabei entstanden, hatten eher selten etwas mit der Realität zu tun, entsprachen eher dem Wunsch des Publikums nach Sex and Crime. COSA AVETE FATTO A SOLANGE?, der unter dem Titel DAS GEHEIMNIS DER GRÜNEN STECKNADEL als später Beitrag zur deutschen Erfolgsreihe entstand, ist sowas wie der direkte Kreuzungspunkt beider Genres, aber eigentlich viel zu seriös, ambitioniert und stilvoll, um ihnen einverleibt zu werden. Der Fan der staubigen Edgar-Wallace-Filme, die immer wieder mit augenrollenden Psychopathen, nebligen Londoner Seitenstraßen und nervigen Comic Reliefs aufwarteten, wird von Regisseur Massimo Dallamano allenfalls noch mit der Anwesenheit Joachim Fuchsbergers und den Grundzügen des Plots angesprochen, dürfte von der recht ernsten und düsteren Geschichte um eine Abtreibung und ihre tragischen Folgen dann aber nur noch wenig anzufangen wissen. (Behaupte ich jetzt mal, denn die Verbindung zur Erfolgsreihe bleibt einem als Zuschauer der englischen Synchronfassung weitestgehend verborgen.) Aber auch der Vergleich mit den ihm vielleicht näher stehenden Giallos, wie sie in überwiegend in Südeuropa entstanden, hinkt, selbst wenn er die wichtigsten Zutaten mit diesen teilt: eine rätselhafte Mordserie eines wenig zimperlichen Mörders, die von einem eifrigen Kriminalisten und einem selbst unter Verdacht stehenden Zivilbürger aufgeklärt werden muss, und eine Handlungsentwicklung, die immer wieder durch die Unzuverlässigkeit der Wahrnehmung ihrer Protagonisten beeinflusst wird.

Massimo Dallamano, dem für die Kameraarbeit für Leones PER UN PUGNO DI DOLLARI und PER QUALCHE DOLLARO IN PIÙ ein Platz in der Filmgeschichte sicher ist und dessen spätere Regielaufbahn leider durch einen tödlichen Autounfall jäh beendet wurde, erzählt sein Geschichte mit traumwandlerischer Sicherheit, unterstützt durch die famose Kameraarbeit Aristode Massaccesis (deren Qualität in keinem Verhältnis zu seinen streitbaren inszenatorischen Fähigkeiten steht) und einen wie immer albtraumhaft schönen Score von Ennio Morricone: Allein der kurze Moment, indem seine dissonant-sirenenhaft wimmernden Streicher für einen kurzen Augenblick tatsächlich mit der diegetischen Sirene eines Notarztwagens verschmelzen, lohnt schon das Ansehen. Was COSA AVETE FATTO A SOLANGE? jedoch am meisten auszeichnet: Bei aller Zielorientierung, die einen Krimi nun einmal prägt, überieht Dallamano nie, dass diesem singulären Verbrechen gesamtgesellschaftliche Tendenzen zugrunde liegen, die mit der Aufklärung eines Falls längst noch nicht behoben sind. Zwischen Eltern- und Kindergeneration klafft ein tiefer Graben, in ihrem fortgeschrittenen sexuellen Selbstverständnis finden die Teeniemädchen keinen Orientierungspunkt mehr, sind gänzlich auf sich allein gestellt und die Erwachsenen scheinen sich um ein Verständnis dieser neuen Probleme ihrer Kinder gar nicht zu bemühen. Wie verfahren die Situation ist, erkennt man daran, dass den Mädchen ausgerechnet der kirchliche Beichtstuhl als Rückzugsort einfällt: Das kann ja nur böse enden. Und auch der Held des Films, der schöne Prof. Rosseni, ist wenn schon nicht direkt, so doch mindestens indirekt an den Problemen beteiligt, wenn er sich als verheirateter Mann – noch dazu als Lehrer! – mit einer 18-Jährigen einlässt.

Dallamano löst alle unterschwellig brodelnden Konflikte niemals auf: Wenn auch Rossenis Geliebte dem Mörder zum Opfer fällt, sich später dann aber herausstellt, dass diese noch Jungfrau war, nehmen er und seine Gattin das Eheleben fast erleichtert und in dem Bemühen wieder auf, so zu tun, als sei nichts gewesen. Doch ihre gemeinsamen Szenen sind ab diesem Zeitpunkt noch um ein Vielfaches unangenehmer als vorher, wo sie einen unbeholfenen Eiertanz aufführten, um das heikle Thema „Ehebruch“ bloß nicht ansprechen zu müssen. Mit sichtbarer Abscheu voreinander oder schmerzhaft anzusehender Selbstverleugnung tauschen sie banale Freundlich- und Zärtlichkeiten aus, anstatt die offene Aussprache zu suchen. Diese Gesellschaft, so versteht man, ist perfekt darin, Probleme zu leugnen, sich selbst zu belügen und heile Welt vorzugaukeln. Zurück bleiben Leichen und zerstörte Seelen wie Solange. Was hat man ihr bloß angetan?

Kommentare
  1. Howie sagt:

    Sehr sehr schöner Text. Bring den Frank mal dazu den endlich zu schauen. Meine jahrelangen Bemühungen diesbezüglich sind ohne Ertrag.

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