la polizia chiede aiuto (massimo dallamano, italien 1974)

Veröffentlicht: Januar 13, 2012 in Film
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Als sich der Selbstmord der Teenagerin Silvia (Sherry Buchanan) als Mord entpuppt, kommen der ermittelnde Inspektor Silvestri (Claudio Cassinelli) und die zuständige Staatsanwältin Vittoria Stori (Giovanna Ralli) den Machenschaften eines Kinderprostitutionsrings auf die Schliche. Weil den Drahtziehern der Organisation daran gelegen ist, mögliche Belastungszeugen an einer Aussage zu hindern, schicken sie den Sensenmann in Gestalt eines in schwarzes Leder gewandeten Motorradfahrers mit Schlachtermesser los …

In LA POLIZIA CHIEDE AIUTO scheint Dallamano etwas zu explizieren, was in seinem COSA AVETTE FATTO A SOLANGE? noch in den Windungen des verschlungenen Plots verborgen war. Schon die einleitende Schrifteinblendung, die von den „erschreckenden Ursachen“ anscheinend singulärer und unverbundener Verbrechen berichtet, die zutage träten, wenn man sich nur die Mühe machte, genau nachzuforschen, spricht eine deutliche Sprache. Deutete Dallamano in SOLANGE nur an, dass das Leid seiner Titelheldin und der mit ihrem Fall zusammenhängenden weiteren Opfer nicht bloß besonders tragischen Umständen, sondern einer breiter angelegten gesellschaftlichen Fehlentwicklung geschuldet war, nämlich einer zunehmenden Sexualisierung der Jugend, die sie von den Eltern entfremdete und geradewegs in die Arme Erwachsener mit sehr flexiblen Moralvorstellungen trieb, so ist genau dies das Thema von LA POLIZIA CHIEDE AIUTO. Die sexueller Neugier junger Mädchen wird von skrupellosen Geschäftemachern ausgenutzt, die sie sich gefügig machen und für gutes Geld älteren Herren mit zweifelhaften Vorlieben zur Verfügung stellen. Weil der Fokus des Films breiter, er noch offener ist als SOLANGE, ist auch sein emotionaler Nachhall stärker: Wenn der Fall auch am Ende „gelöst“ ist, so hat man doch eine Ahnung davon erhalten, dass man der Hydra der Kinderprostitution allerhöchstens einen Kopf abgeschlagen hat, zumal – wie im paranoiden Italokino so üblich – die Verstrickungen bis in höchste Regierungsetagen reichen, in denen man sich zu schützen weiß. LA POLIZIA CHIEDE AIUTO trägt durchaus dystopische Züge.

Dallamano liefert eine meisterliche Arbeit ab: Getrieben von Ciprianis Score legt sein Film ein irrwitziges Tempo vor, das fast apokalyptische Dringlichkeit vermittelt, aber immer wieder in Momenten der Ruhe geerdet wird. Besonders wirkungsvoll ist sicherlich die Szene, in der Silvestri und Stori einem Tonband lauschen, auf dem die Liebesspiele der Mädchen mit ihren Kunden aufgezeichnet wurden. Dallamano löst die Szene in einer vollkommen statischen Einstellung auf – vorn rechts im Anschnitt das laufende Tonbandgerät, hinten links die beiden Beamten, die fassungslos und zunehmend versteinert zuhören, Stori mit der Kamera abgewandtem Gesicht, Silvestri auf einen Tisch gestützt und uns zugewandt -, die das Unfassbare mit einer schockierenden Banalität ausstattet. Mario Adorf hat zwar nur eine kleine Rolle, trägt aber einen großen Anteil an der Wirkung des Films: Gleich zu Beginn, wenn sein Inspektor Valentini die erhängte Leiche Silvias in einer Dachkammer findet, verrät sein Blick einen Beamten, dem es nicht möglich ist, einer solchen Tragödie mit nüchternem Professionalismus zu begegnen. Später erfährt man dann auch warum: Das verkrampfte Zucken seines Munds, wenn er seine Tochter begrüßt, von der er eben erfahren hat, dass auch sie dem Prostitutionsring ins Netz gegangen ist, verrät mehr als tausend tränenreiche Monologe. So gerät LA POLIZIA CHIEDE AIUTO zu einer einzigen Tour de Force für den Zuschauer, dem kaum eine Sekunde bleibt, Luft zu holen. Beispielhaft für das Tempo des Films steht ein Szenenwechsel: Von der Aussage eines Pathologen, das grausam zerstückelte Opfer sei mit einem speziellen Schlachterbeil ermordet worden, wird direkt auf besagtes Beil geschnitten, das sich nun in der Hand eben jenes Mörders befindet, der damit in den Film eingeführt wird, und zwar in einem Moment, in dem er gerade drauf und dran ist, die nächste unliebsame Zeugin auszuschalten.So hetzt der Film mit grausamer innerer Logik von einer Enthüllung zur nächsten Krise.

LA POLIZIA CHIEDE AIUTO wird gemeinhin zu den besten Giallos gezählt: Das muss man so stehen lassen. Doch dieser Erfolg geht nicht zuletzt darauf zurück, dass sich Dallamano eher den dramaturgischen Mitteln des Polizeifilms unterwirft. Ihm ist ein mitreißender, atemloser, dabei jedoch hochkonzentrierter und beängstigend präziser Thriller gelungen, der in 40 Jahren nichts von seiner Kraft eingebüßt hat und immer noch so frisch wirkt, wie er das wohl damals schon tat. Ein Wunderwerk, das geschmackssichere Hollywood-Produzenten sofort remaken würden.

Kommentare
  1. Thies sagt:

    Das Vorspann-Thema von Cipriani wurde (neben anderen Giallo-Scores) in dem sehenswerten Giallo-trifft-Experimentalfilm „Amer“ verwendet und hatte bei mir einen schweren Ohrwurm ausgelöst:

    Hier auch noch die entsprechende Szene aus dem Film, der zu meiner Verwunderung nächsten Monat einen regulären Kinostart bekommen soll. Catch it if you can:

  2. Oliver sagt:

    Habe auch schon gehört, dass der anlaufen wird. Habe ihn bisher nicht gesehen. Mal schauen, ob’s klappt. Lust habe ich auf jeden Fall.

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