marked for death (dwight h. little, usa 1990)

Veröffentlicht: Januar 15, 2012 in Film
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Nachdem eine Razzia in Mexiko fehlschlägt und sein Partner schwer verwundet wird, zieht sich der DEA-Beamte John Hatcher (Steven Seagal) aus dem Beruf zurück, um sich im Schoße der Familie auf neue Tätigkeiten zu besinnen. Dummerweise macht sich in seinem Vorort von Chicago gerade eine Bande jamaikanischer Drogendealer unter der Ägide des dämonischen Screwface (Basil Wallace) breit. Als Hatcher in einen Überfall der Gang gerät und dabei einen von Screwface‘ Männern erschießt, gerät er in den Blick des Verbrechers. Nach weiteren Scharmützeln, aus denen Hatcher jedesmal siegreich hervorgeht, erklärt Screwface dessen Familie als „marked for death“ oder, wie es der deutsche Titel etwas weniger eingängig formuliert, für „zum Töten freigegeben“. Hatcher geht mit seinem alten Armeekumpel Max (Keith David) und dem jamaikanischen FBI-Agenten Charles (Tom Wright) in die Offensive. Doch Screwface hat sich längst wieder in Jamaika verschanzt …

MARKED FOR DEATH war Seagals dritter Spielfilm und mutete nach dem etwas mauen HARD TO KILL wie eine Wiedergutmachung an: Dwight H. Littles Film ist so dermaßen over-the-top, dass man das nur noch halb kopfschüttelnd, halb selig grinsend quittieren kann. Rassistisch bis ins Mark lässt er seine jamaikanischen Finstermänner im regredierten Patois fluchen und schimpfen (wenn De Palmas SCARFACE den Rekord für die meisten „fucks“ in einem Film hält, dann hat dieser hier die meisten „blood clots“), wobei sich vor allem der sich auch noch auf schwarze Magie verstehene Screwface hervortut, der mit seinen Reptilienaugen rollt, Gift und Galle spuckt in seiner Verachtung auf den weißen Hatcher und quasiphilosophische One-Liner am laufenden Band absondert, mit denen man gut jamaikanische Hasskekse füllen könnte, wenn es die denn gäbe. Mein Favorit: „Everybody want go heaven. Nobody want dead.“ Da muss sich Seagal mächtig ins Zeug halten, um mithalten zu können. Seine Ausbeute ist nicht ganz so groß, aber auch nicht zu verachten: Als er einen Mafiosi umlegt, der sich eben noch als „made man“ bezeichnete, kommentiert Seagal seinen Todesschuss nur furztrocken mit: „God made men“. Deutlich lieber lässt er aber Taten sprechen. Eine komplett wahnsinnige Sequenz spielt in einem großen Juweliergeschäft, in das Hatcher und Max bei einer Verfolgungsjagd eine Handvoll Ganoven gejagt haben – mit Autos durch die Scheibe wohlgemerkt und das auch noch während der Hauptgeschäftszeit. Es folgt eine denkwürdige Demonstration im Kaltmachen und Brechen von Gliedmaßen, die man zu jener Zeit so nur von Seagal zu sehen bekam (und die seitdem allerhöchstens von Tony Jaa in TOM YUM GOONG übertroffen worden ist). Screwface selbst muss aufgrund magischer Kräfte gleich zweimal gekillt werden: Begnügt sich Seagal beim ersten Mal noch mit einem Schwerthieb in die Eier und einer anschließenden Enthauptung, geht er danach noch weitaus weniger zimperlich mit dem Stehaufrastafari um, drückt ihm die Augen aus, bricht ihm das Rückgrat und schmeißt ihn in einen Fahrstuhlschacht, an dessen Boden er dann auch noch aufgespießt wird und somit garantiert nicht mehr auf die Idee kommt, noch einmal wiederaufzuerstehen. Little inszeniert das alles sehr zweckdienlich, aber ohne den ganz großen Schwung; er ist weder ein Andrew Davis (ABOVE THE LAW) noch ein John Flynn (OUT FOR JUSTICE). In seiner atemlosen Aneinanderreihung von Gewaltszenen geht außerdem etwas der dramaturgische Zusammenhang flöten: Die eigentlich sehr spannende titelgebende Prämisse wird in einer einzigen Sequenz abgefrühstückt und entfaltet so kaum Wirkung, Keith David ist als Hatchers alter Kumpel ebenfalls verschenkt. Vielleicht hätte man sich einfach von etwas Handlung verabschieden und den Film ganz konsequent als langen Showdown inszenieren sollen.

MARKED FOR DEATH ist also völlig entfesseltes Gewaltkino der ultrabrutalen Art – hat mich aber trotzdem etwas kalt gelassen. Ich habe mich in den vergangenen Jahren vor allem mit dem jüngeren Spätwerk Seagals beschäftigt und dessen Gangart funktioniert für Seagals Filmpersona meines Erachtens einfach besser, selbst wenn man einräumt, dass die Filme inszenatorisch nicht mehr so klar und manchmal ziemlich aufgeblasen sind. Seagals (nicht mehr ganz so) neue Unbeweglichkeit, die einem beträchtlich angewachsenen Körperumfang geschuldet ist, mag ihn als Actionhelden ungeeignet erscheinen lassen und die wenigen Actionszenen, die er noch bestreitet, zu einer Lachnummer degradieren: Zu seinem wizened veteran, auf den er sich seit einigen Jahren festgelegt hat und den er nicht einmal mehr auch nur leicht variiert, passt diese ungerührte, monolithische Statik, dieses überlegen-ungerührte Grinsen, mit dem er die Dinge betrachtet, deutlich besser. Wenn man ihn in MARKED FOR DEATH rennen sieht, mit seinen komischen manierierten und irgendwie weibischen Armbewegungen und den viel zu engen Hosen, ist das dem Respekt vor seiner Figur eher abträglich. Ähnliches gilt für diese ätzende herablassend-altväterliche Art, mit der er selbst seine Freunde bedenkt, ihnen großzügig aufmunternde Backpfeifen und Nackenschläge verpasst, und diese Selbstverliebtheit, die aus jedem seiner schmierigen Sprüche tropft: Einem in sich ruhenden Titan mit Granitfresse, der alles schon gesehen hat, gesteht man solche Ausfälle doch eher zu, sie wirken weniger peinlich als bei dem jungdynamischen Milchgesicht mit Pferdeschwanz, bei dem solche Angewohnheiten an einen stinknormalen Proleten denken lassen und eben nicht an den abgewichsten Profi. So geil also diese frühen Seagals auch sind: Seagal war damals noch weit entfernt von der ikonischen Figur, die er heute ist, hatte seine Persona längst noch nicht voll entwickelt. Man könnte diese frühen Filme auch als „Sturm und Drang“ bezeichnen. Mittlerweile ist Seagal in der Klassik angekommen.

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