il tuo vizio è una stanza chiusa e solo io ne ho la chiave (sergio martino, italien 1972)

Veröffentlicht: Januar 16, 2012 in Film
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Die Ehe zwischen dem ausgebrannten Schriftsteller Oliviero Rouvigny (Luigi Pistilli) und seiner nervösen Ehefrau Irina (Anita Strindberg) ist ein Albtraum: In den heruntergekommenen Palazzo seiner verstorbenen und verehrten Mutter lädt er regelmäßig die Hippies vom nächsten Campingplatz zu großen Saufgelagen, bei denen er seine Ehefrau öffentlich demütigt und sich anschließend am schwarzen Hausmädchen Brenda vergeht. Häusliche Gewalt ist Oliviero also kein Fremdwort und so wird Irina zunehmend hysterisch – was dann weitere Gewalt nach sich zieht. Als die Leiche eines Mädchens auftaucht, mit dem Oliviero ein Verhältnis hatte, gerät er sofort unter Verdacht. Ein Verdacht, der es nötig macht, zu unkonventionellen Mitteln zu greifen, als auch Brenda ermordet wird: Gemeinsam mit seiner Frau mauert er die Leiche im Weinkeller ein. Als seine schöne Nichte Floriana (Edwige Fenech) überraschend zu Besuch kommt, kommt Bewegung in die festgefahrenen Verhältnisse: Denn nicht nur hat der unverbesserliche Womanizer Oliviero Interesse an ihr, auch Irina findet Gefallen an der jugendlichen Schönheit …

Der vierte der fünf zwischen 1971 und 1973 entstandenen Giallos von Sergio Martino (zuvor drehte er LO STRANO VIZIO DELLA SIGNORA WARDH, LA CODA DELLO SCORPIONE und TUTTI I COLORI NEL BUIO, danach I CORPI PRESENTANO TRACCE DI VIOLENZA CARNALE) beruft sich auf Edgar Allan Poes Kurzgeschichte „The Black Cat“, die Martino aber zu einem finsteren Ehedrama mit deutlich gotischem Schauerbezug ausweitet. Die sadomasochistische Beziehung zwischen Oliviero und Irina erinnerte mich in der zur Schau gestellten Drastik und Ausweglosigkeit dabei sowohl an Claude Chabrols schonungslosen UNE PARTIE DE PLAISIR als auch ein wenig an Mike Nichols WHO’S AFRAID OF VIRGINIA WOOLF?: Anita Strindbergs zu Berge stehende Haare lösten bei mir jedenfalls unweigerlich diese Assoziation aus. Die Verbindung dieser beiden zunächst einmal nur schwer vereinbar scheinenden Bezüge führt dazu, dass IL TUO VIZIO über den Rahmen des Giallos, der seinen Reiz ja meist aus seinem selbstreflexiven Spiel über mehrere Metaebenen hinweg bezieht, hinausgeht und tatsächlich sehr direkt und emotional wirkt. Auch wenn Oliviero und Irina keine psychologisch ausgefeilten Charaktere sind, so geht ihr Schicksal doch deutlich näher als das so vieler ihrer Giallo-Protagonisten-Kollegen, die lediglich den Plot vorantreiben und alles in allem austauschbar sind. Es ist aber kaum abzuschätzen, wie groß der Anteil von Bruno Nicolais sprachlos machendem Score an dieser Wirkung ist: Schon in der ersten Sekunde, wenn seine tieftraurige, hoch fragile Melodie einsetzt, man dazu zwei durch die Unschärfe zu geisterhaften Schemen reduzierten Menschen beim Liebesspiel zusieht, das weiße Laken, unter dem sich ihre Umrisse abzeichnen in hartem Kontrast zum undurchdringlichen Schwarz darüber, legt sich ein dunkler Schatten aufs Gemüt, sinkt die Herzfrequenz um mehrere Schläge und es wird klar, dass es hier kein Happy End, nur Tod und Trauer zu erwarten gibt.

Bemängelte ich beim zuletzt gesehenen LA CODA DELLO SCORPIONE also noch, dass Martinos exaltierten Bildkompositionen ein nur trivialer Plot gegenübersteht, der die auf der Bildebene vermittelte Spannung nicht auf die Handlungsebene hinüberzuretten versteht, so ist IL TUO VIZIO deutlich ausgewogener, charakter- und handlungsorientierter (ohne dabei verlabert zu sein), gleichmäßiger und runder. Farblich versprüht er weniger den Esprit der Pop-Art, sondern orientiert sich seines Settings und seiner Stimmung angemessen eher an der monochromen Farbpalette des Gothic Horrors. So überwiegt hier ein tiefes Schwarz, das von kaum einladenderen Grau- und Brauntönen aufgelockert wird. Die einzigen Farbtupfer sind Edwige Fenech als jugendlich-frivole Nichte, die mir mit ihrem hier präsentierten Bubikopf zum ersten Mal richtig gut gefallen hat, und das blutrot sprudelnde Blut, das – wie von Martino nicht anders gewohnt – aus klaffenden Wunden sprudelt. IL TUO VIZIO ist in seinen Gewaltdarstellungen erneut wenig zimperlich, doch empfindet man die geschlagenen Wunden fast als Erlösung, weil sie der Seelenpein, die so konkret und doch so wenig greifbar ist, etwas Körperlichkeit entgegenhalten. Ein wunderbarer Film, für mich bislang Martinos bester und einer der stärksten Giallos überhaupt, weil er so viel mehr ist als das. Und diese Musik von Bruno Nicolai, sie lässt mich nicht mehr los …

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