suspiria (dario argento, italien 1977)

Veröffentlicht: Januar 28, 2012 in Film

Es gibt eigentlich nur zwei mögliche Reaktionen auf SUSPIRIA: Entweder man erkennt ihn als absolut einzigartigen Ausdruck eines großen Stilwillens und Kunstverstandes oder aber man wirft ihm vor, er habe keine Handlung, sei unlogisch oder dumm. Letzteres verbietet sich eigentlich, es sei denn man hat ein sehr altmodisches und eindimensionales Verständnis davon, was Film ist, sein sollte und darf. SUSPIRIA ist ein Paradebeispiel für einen Film, der in einer ganz eigenen Welt spielt, die ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt und nur ganz oberflächlich mit unserer übereinstimmt. Wenn eine Stimme aus dem Off zu Beginn nüchtern berichtet, dass die Balletttänzerin Susie Banyon (Jessica Harper) mit dem Flieger von New York nach München reist, um dort – genauer gesagt in Freiburg – an einer Ballettschule zu studieren, dann wird mit dieser Nüchternheit und der sie begleitenden Faktentreue, mit der geografische Namen und Uhrzeiten wiedergegeben werden, eine Verwandtschaft mit der uns bekannten Welt nur vorgetäuscht. Die expressive Farbgebung und Lichtsetzung, die aus Volksmärchen bekannten archetypischen Figuren und Situationen, die (Alb-)Traumästhetik, die Argento entwirft, sie mögen zwar zu tiefenpsychologischen Ausdeutungen inspirieren, doch letztlich genügt SUSPIRIA sich selbst. Und das ist zumindest für mich mittlerweile, nach etlichen Sichtungen, ein echtes Problem.

SUSPIRIA wird meist als Argentos Meisterwerk, als Kulmination seines Schaffens bezeichnet, als der Film, in dem Argento jeden Ballast abgeworfen und zu seiner reinsten Form gefunden habe. Ich bin mir da nicht so sicher. So sehr man ihn auch als Film des Italieners erkennt, so sehr sich einzelne seiner Elemente, seien es nun inhaltliche und motivische oder aber formale Aspekte, die sich wie ein roter Faden durch sein Werk ziehen, auch in diesem wiederfinden (das ganze Drama beginnt etwa damit, das Susie die Worte einer Mitschülerin nicht versteht und sich krampfhaft an diese zu erinnern versucht), so sehr fällt SUSPIRIA in seiner krassen Künstlichkeit auch wieder aus diesem heraus. Die eine Szene, in der Argento kurz vor Schluss für ein paar Minuten in die „Realität“ und einen Dialog entführt, dessen expositorischer Charakter aus dem Kontext des Films völlig herausfällt, hätte in keinem seiner sonstigen Filme so deplatziert gewirkt wie hier. Noch nicht einmal der nachfolgende INFERNO, nach diesem ersten der zweite Teil der erst 2007 vollendeten Mütter-Trilogie, der SUSPIRIA noch recht nahesteht, wirkt nicht so durchgehend fremdartig und außerweltlich wie dieser.

SUSPIRIA ist sicherlich der Film des Italieners, der auf den Uneingeweihten am stärksten wirkt: Man kann sich seinen Reizen nur schwer verschließen, er überfällt einen ja förmlich. Meine Probleme mit Argento, die in den vergangenen Jahren immer mal wieder zu mehr oder weniger hitzigen Diskussionen geführt haben, verkörpert SUSPIRIA in Reinkultur. Keinen seiner Filme habe ich in den letzten 18 Jahren häufiger gesehen – aber auch keiner hat sich in dieser Zeit so stark abgenutzt wie dieser. Dabei gibt es an seiner formalen Meisterschaft beim besten Willen keinen Zweifel. Jedes seiner Bilder, jede seiner Szenen und Sequenzen ist für sich genommen großartig. Die Ankunft Susies am Flughafen, die anschließende Fahrt durch einen sehr unheimlichen Wald, die blutrote Fassade der Tanzschule im Regen, der erste Mord in einem Apartmenthaus, in dessen Treppenhaus ein kubistischer Innenarchitekt Amok gelaufen zu sein scheint, Susies Gang durch die Flure der Schule, wo sie der Haushälterin begegnet, die einen eigentümlichen Kristall poliert, die Übernachtung in einem provisorischen Schlafsaal, der Angriff eines unsichtbaren Flugungeheuers auf den blinden Pianisten, der Mord an Susies Freundin, schließlich das Finale: Diese Momente brennen sich unauslöschlich ins Gedächtnis ein, nicht nur, weil sie fantastisch inszeniert und fotografiert sind, sondern auch weil sie an über Jahrhunderte der Zivilisation verschüttete Ängste rühren. (Niemand hat etwa das zutiefst Beunruhigende der Volkstümelei jemals so trefflich ins Bild gesetzt wie Argento in der kreuzunheimlichen Brauhaus-Szene.)

Doch offenbart SUSPIRIA diese Qualitäten – von gestalterischen Feinheiten vielleicht abgesehen – eben auch schon bei der ersten Begegnung: Er ist so ziemlich das Gegenteil von einem subtilen Film. Das ist für sich genommen nicht schlimm, weil er auf die denkbar spektakulärste und stilvollste Art und Weise plump ist. Ich glaube, ich bin tatsächlich zu traditionell „veranlagt“, um heute noch so begeistert von SUSPIRIA zu sein wie ich es mal war: Der Film verändert sich nicht mehr, ich vermisse neue Einsichten und Erkenntnisse, wenn ich ihn sehe. Er erzählt mir nichts mehr. Und für eine „irrationale“, emotionale Reaktion kenne ich ihn einfach zu gut. Und wenn ich heute auch etwas empfänglicher bin für die psychologische Komponente des Films, so fügt dies dem Film nichts wirklich Wesentliches hinzu: Es ist einfach nur eine weitere Ebene seines abstrakten Verweissystems, so wie die Kunstgeschichte eine andere ist. Sehr schade, denn der Film ist schon sehr toll. Aber das ist eben keine wirklich gefühlte Erkenntnis mehr, sondern bloß eine rational gedachte. Ich kann SUSPIRIA eigentlich nur noch als Technokrat betrachten. Und so will ich Filme nicht schauen.

Kommentare
  1. Agis Sideras sagt:

    Nein, nein und nochmals nein. Dennoch werde ich hier natürlich keine Gegenkritik schreiben. Vielleicht werde ich einmal die Gelegenheit haben, deiner Ansicht, die von einer L´art pour l´art-Interpretation ausgeht, in einem eigenen Text entgegenzutreten. Ich folge dir darin, daß man Suspiria nicht aus dem Werk isolieren sollte. Und bin dankbar für deinen Text. Gerade bei den Filmen, die ich besonders mag, sind kritischere Texte sehr hilfreich.

    Mich würde interessieren, ob es bei dir einen mehr oder weniger datierbaren Punkt gab, wo du dem Konzept Argentos nicht mehr folgen konntest oder wolltest.

    • Oliver sagt:

      Zunächst mal: Um mehr über meine Beziehung zu Argento zu erfahren, könntest du damit anfangen, die anderen Blog-Texte von mir zu ihm zu lesen, die alle um die SUSPIRIA-Sichtung herum liegen.

      Dann: Mit dem Text will ich SUSPIRIA eigentlich gar nicht ans Bein pinkeln. Meine Texte hier sind meist sehr subjektive Angelegenheiten, auch wenn sie sich oft wie Rezensionen lesen. Im Falle dieses Textes ging es nicht zuletzt um eine „Aufweichung der Fronten“: Ich war vor einigen Jahren in diverse Online-Diskussionen verwickelt, in denen ich mich sehr kritisch zu Argento geäußert hatte. Dabei war ich um der Diskussion willen etwas übers Ziel hinausgeschossen und hatte plötzlich den Ruf des Aregntohassers inne. Irgendwann fügt man sich in eine solche Rolle – bis man dann merkt, dass man nur noch ein Kommunikationsspiel spielt, das mit dem eigentlichen Anlass – den Filmen – gar nichts mehr zu tun hat. Die SUSPIRIA-Sichtung war Teil meiner „Therapie“: Ich wollte mich und meine Kritikpunkte überprüfen und abseits von Internet-Besserwisserei und -Schwanzvergleichen sachlich zu ihnen äußern, so sie denn noch Bestand hätten. Wenn du meinst, dass ich SUSPIRIA „falsch“ einschätze: Das mag sein, faktisch hat der Film bei mir nach zahlreichen Sichtungen eben massiv an Wirkung eingebüßt – mehr als alle anderen seiner Filme. Daran lässt sich schwerlich rütteln. Er berührt mich heute einfach nicht mehr so sehr. Aber seine Bedeutung würde ich nicht in Abrede stellen wollen.

      Um auf deine Frage einzugehen: Die Probleme begannen mit NON HO SONNO. Ich habe ihn damals mit höchsten Erwartungen beim Fantasy Filmfest gesehen, nachdem Christian Kessler ihn recht euphorisch besprochen hatte, von einer Rückkehr zur Form (und zu Goblin!) die Rede war. Ich fand ihn unsagbar beschissen, fühlte mich nahezu persönlich verarscht von Argento. Ich habe mir seitdem keinen einzigen neuen Film mehr von ihm angeschaut und habe mich gefragt, wie es sein kann, dass jemand, der die Form solchermaßen beherrschte, plötzlich solch hässlichen, schlicht inkompetent anmutenden Quark fabrizieren konnte. Der Schluss, zu dem ich kam, war der, dass er vielleicht auch früher nicht ganz der große Künstler gewesen war, als den man ihn gemeinhin bezeichnet hatte. Seine Filme waren stark vom Dekor abhängig, von der Kameraarbeit, von der Musik, vielleicht mehr, als dass bei anderen Filmemachern der Fall ist. Er hatte ohne Frage davon profitiert, mit Leuten zusammenarbeiten zu können, die mit ihm ihren Zenith erlebten (der Goblin-Score von NON HO SONNO ist ja auch nur noch ein Schatten vergangener Tage). Ich will gar nicht abstreiten, dass diese Sichtweise zu kurz greift, sie zudem den offensichtlichen Makel hat, dass ich sein Spätwerk gar nicht beurteilen kann. Aber so kam das alles.

      Wie gesagt: Wenn du dir die anderen Texte aus dem genannten Zeitraum durchliest, wirst du feststellen, dass ich seinem Konzept grundsätzlich immer noch folgen kann. Ich möchte die abgebrochene Argento-Retro (es war mehr ein Exkurs innerhalb einer Giallo-Reihe) sogar denächst mit einem meiner Lieblinge von ihm, TENEBRE, fortsetzen. Mal gucken. Vielleicht lesen wir uns dann ja nochmal. Würde mich freuen.

  2. Agis Sideras sagt:

    Hm, es ist wirklich interessant, deine von meiner stark divergierende Rezeptions-Story zu verfolgen. Ich muß endlich eine überfällige Gesamt-Werkschau in Angriff nehmen. Deine Texte werden mir eine Hilfe sein. Auf bald, hier oder woanders.

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