un tranquillo posto di campagna (elio petri, italien/frankreich 1968)

Veröffentlicht: Februar 18, 2012 in Film
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Der Maler Leonardo Ferri (Franco Nero) steckt in einer Krise: Seit Monaten hat er kein Bild mehr fertiggestellt. Von seiner Geliebten Flavia (Vanessa Redgrave), die auch als seine Agentin fungiert, wohlhabend ist und über gute Kontakte zur Oberklasse verfügt, fühlt er sich unter Druck gesetzt, träumt, dass sie ihn umbringen will. Als er ein altes, leerstehendes Landhaus entdeckt, wird seine brachliegende Kreativität wieder geweckt: Er überredet Flavia, ihm das Haus zu mieten, und zieht voller Tatendrang ein. Doch in dem Haus scheint der Geist eines jungen Mädchens herumzuspuken, dass dort im Zweiten Weltkrieg bei einem Fliegerangriff erschossen wurde. Und es beginnt einen unheimlichen Einfluss auf Leonardo auszuüben …

Nach dem doch eher ruhigen, gediegenen A CIASCUNO IL SUO kommt UN TRANQUILLO POSTO DI CAMPAGNA gleich doppelt heftig: Als sei der karge und kalte futuristische Chic von Flavias großzügiger Wohnung nach den dekorativ verfallenen sizilianischen Häusern des Vorgängers nicht schon Tapetenwechsel genug, wird der Zuschauer auch noch von Morricones dissonantem Score und heftig springenden Schnitten attackiert, aus der Sicherheit der Beobachterperspketive direkt in Leonardos Kopf gezogen, in dem einiges durcheinandergeraten ist. Und auch wenn sich der Film nach dem Schauplatzwechsel zumindest räumlich A CIASCUNO IL SUO annähert, so trennen beide Filme zumindest vordergründig doch Welten. Kameramann Luigi Kuveiller macht ausgiebigen Gebrauch von der Handkamera, raubt dem Zuschauer so jede Möglichkeit der Orientierung und macht ihn zum seelischen Leidensgenossen Leonardos. Der ist wiederum ein typischer Petri-Protagonist: in den Kreisen, in denen sich Flavia bewegt, ein krasser Außenseiter, unfähig, sich so zu vermarkten, wie es wohl nötig ist, um von seiner Kunst leben zu können. Minderwertigkeitskomplexe nagen an ihm, die Spielchen, die zu spielen er gezwungen wird, liegen ihm überhaupt nicht. Sein künstlerisch heilsamer Wahn – wie im Rausch stellt er innerhalb kürzester Zeit mehrere Bilder fertig – führt aber auch zum Bruch mit Flavia und dem System, das sie repräsentiert: Wenn ein Künstler zum bl0ßen Produzenten degradiert wird, kommt das einer Kastration gleich, gegen die er sich zur Wehr setzen muss. Aber – das kennt man ja schon aus A CIASCUNO IL SUO – das System ist stärker und weiß sich ebenfalls zu helfen.

Das Ende von UN TRANQUILLO POSTO DI CAMPAGNA ist – wie eigentlich der ganze Film – ziemlich starker Tobak. Die sanfte Melancholie, die einem beim Vorgänger noch half, die bittere Pille zu schlucken, ist hier schmerzhaft abwesend: Petri hat einen bei aller Stilsicherheit und Geschliffenheit brutal hässlichen Film gedreht, nach dem man sich wie gerädert fühlt. Inhaltlich fühlte ich mich etwas an Kubricks THE SHINING erinnert, der den Wahnsinn seines Protagonisten ja auch an ein verfluchtes Haus koppelt, doch Petri verfolgt natürlich eine eindeutig politische Agenda, die sich hier sehr viel stärker als zuvor auch in der Form niederschlägt. Stille, heimliche Indoktrination war gestern: UN TRANQUILLO POSTO DI CAMPAGNA ist ein harter Schlag, sein Effekt in etwa vergleichbar mit dem Schock, den Neo in THE MATRIX erleiden muss, als man ihm zeigt, dass seine Realität eine Simulation ist.  Jetzt wüsste ich nur noch gern, warum es in Petris Filmen so oft die Frauen sind, die es geschafft haben, sich so gut mit dem System zu arrangieren …

Kommentare
  1. Alex sagt:

    Feiner Text zu feinem Film! Das Drehbuch basiert übrigens lose auf der Geistergeschichte „The Beckoning Fair one“ (1911) von Oliver Onions – nicht zu verwechseln mit dem Pseudonym der De Angelis-Brüder. 😀

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