la classe operaia va in paradiso (elio petri, italien 1971)

Veröffentlicht: Februar 27, 2012 in Film
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Lulu (Gian Maria Volonté) arbeitet als Akkordarbeiter in einer Fabrik und schuftet sich für ein karges Einkommen den Buckel krumm. Unter seinen Kollegen ist er nicht sonderlich beliebt, weil er mit seinem Ehrgeiz dafür sorgt, dass die Anforderungen der Direktion an die Arbeiter stetig ansteigen. Nachdem Lulu bei einem Arbeitsunfall einen Finger verliert, beginnt er umzudenken und schließt sich den studentischen Protestlern an, die die Fabrik belagern und von den Arbeitern fordern, zu streiken. Doch mit seinem Engagement handelt er sich bloß die Kündigung ein …

Wie der vorangegangene INDAGINE SU UN CITTADINO AL DI SOPRA DI OGNI SOSPETTO wirkt auch LA CLASSE OPERAIA VA IN PARADISO der ungemein harsch: Man fühlt sich danach wie ein geprügelter Hund. Doch während der Vorgänger im Verlauf seiner Spielzeit immer mehr in surreale Sphären entrückte, markiert dieser Film bis zum ernüchternden Finale eine Rückkehr zu Petris neorealistischen Wurzeln. Das Leben des Arbeiters Lulu wird in seiner ganzen tristen Ausweglosigkeit gezeigt: Die bedrückend enge Wohnung, in der Lulu mit seiner Freundin Lidia (Mariangela Melato) und deren Sohn zusammenlebt, ist vollgestellt mit allerlei hässlichem und kitschigem Tand, abends versammelt man sich im Flackern des Fernsehers in der Küche, weil das Wohnzimmer ordentlich bleiben soll für den Besuch, der nie kommt. Im Bett geht abends gar nichts mehr, weil Lulu zu erschöpft ist, und morgens, wenn er Lust verspürt, schläft Lidia noch. Der Weg zur Arbeit, in dem er im Strom der Kollegen versinkt, die wie Schlachtvieh blind geradeaus laufen, wird von den Parolen der kommunistischen Studenten begleitet, die daran erinnern, dass „die Sonne für euch heute nicht scheint“. Und in der Fabrikhalle werden schließlich alle von einer Lautsprecherstimme empfangen, die die Arbeiter dazu ermahnt „ihre Maschine zu lieben“, um den bestmöglichen Ertrag zu liefern – wofür auch immer. Welchem Zweck die Klein- und Kleinstteile dienen, die sie in geisttötender Manier tagein, tagaus, ohne Unterlass und Abwechslung produzieren, das erfahren sie nicht. Kein Wunder, dass Mancher über dieser Arbeit in der Klapsmühle landet, so wie Lulus ehemaliger Kollege Militina (Salvo Randone), ein alter, geistig wie körperlich gebrochener Mann. Das Bittere ist, dass auch das Aufbegehren zur hohlen Geste verkommen ist: Sich den Intellektuellen anzuschließen, die den Arbeitskampf mit aller Konsequenz propagieren, ruft nur die Staatsgewalt auf den Plan, die die Quertreiber rücksichtslos niederknüppelt. Und der Kompromiss, die Verhandlung mit den Arbeitgebern, bringt zwar kosmetische Korrekturen und kurzfritige Verbesserungen, besiegelt aber letztlich nur das Leid der Arbeiter, die das Entgegenkommen dankbar annehmen und sich wieder in die Arbeit stürzen, die sie ruiniert und ihren Vorgesetzten die Taschen vollmacht.

Der nach der gescheiterten Revolution in Ungarn in den Fünfzigerjahren aus der Kommunistischen Partei Italiens ausgetretene Petri macht keinen Hehl aus seiner Verachtung sowohl vor dem kapitalistischen System, das Arbeiter konsequent versklavt, als auch vor dem kaum weniger eigennützigen und vor allem blinden Streben der politischen Aktivisten. Die Studenten haben es leicht, große Reden zu schwingen: Sie sind auf die Arbeit ja nicht angewiesen wie Lulu, der arbeitet wie ein Irrer, nur um ein paar Lira mehr mit nach Hause bringen zu können. Und als er seinen Job verliert, weil er ihre weltfremden Forderungen in die Tat umgesetzt hat, da hilft ihm von denen, die zuvor noch von der Einigkeit der Studenten und Arbeiter gefaselt hatte, plötzlich niemand mehr. Das Ende des Films, ein fiebrige Einstellung, die den wieder eingestellten Lulu mit seinen Kollegen zeigt, die sich an ihren Maschinen in einen wahren Rausch hineinarbeiten, der sie als einziges ihre missliche Lage vergessen lässt, ihn von einem Traum erzählen lässt, in dem er mit den anderen Arbeitern die Mauer zum Paradies eingerissen habe, ist erschütternd: Die Knechtschaft funktioniert so gut, dass die Arbeiter sie schon fast als Belohnung begreifen, obwohl die bittere Wahrheit vor ihren Augen liegt.

Wenn ich zu Beginn geschrieben hatte, LA CLASSE OPERAIA VA IN PARADISO verzichte auf surreale Anwandlungen, dann ist das etwas unpräzise: Petris Einsatz von Bild und Ton steht zwar im Dienste einer möglichst wirksamen Übersetzung der Lebenswirklichkeit ins Medium Film, doch greift er dabei durchaus zu sehr expressiven Stilmitteln: Seinen Stammkameramann Luigi Kuveiller lässt er mit der Kamera teilweise so nah ans Geschehen herangehen, dass die Bilder den Zuschauer fast zu überwältigen drohen, und der Soundtrack von Morricone steigert sich unter dem Einsatz von Maschinengeräuschen zu einer beängstigenden Kakophonie. Der ganze Film ist von einer fast mit den Händen greifbaren Unmittelbarkeit, er entwickelt seine Vision einer gesellschaftlichen Apokalypse mit einer solchen Unausweichlichkeit, dass er einen körperlich beinahe genauso in Mitleidenschaft zieht, wie die Arbeit Lulu und seine Kollegen. Kaum zu überschätzen ist auch die Leistung Gian Maria Volontés, den ich nach seinen Filmen mit Petri als einen der größten und wandelbarsten Schauspieler überhaupt bezeichnen muss: Vergleichbares leistet heute niemand mehr. Nach dem verzärtelten intellektuellen Zauderer in A CIASCUNO IL SUO und dem brutalen Karrieristen und Faschisten in INDAGINE verkörpert er hier den einfältigen, aber gutmütigen Fabrikarbeiter Lulu mit einer Glaubwürdigkeit und körperlichen Präsenz, die Ehrfurcht gebietet. LA CLASSE OPERAIA VA IN PARADISO ist ohne Volonté überhaupt nicht vorstellbar. Kann man einem Schauspeiler ein größeres Lob aussprechen? Für diesen Film gilt mithin wie für die vorangegangenen: ein berauschendes Meisterwerk von einem einzigartigen Regisseur, der dringend eine Wiederentdeckung verdient hat.

Kommentare
  1. Peter sagt:

    Vielen Dank für die toll formulierte Kritik. Ich bin ein großer Fan von Elio Petri, aber auch Lina Wertmüller und Damiano Damiani. Alle drei Regisseure harren allerdings einer Wiederentdeckung. In vielerlei Hinsicht sind sie eben nicht so ikonisch wie Fellini, Antonioni und Co., allerdings gehören sie auch nicht zu den Figuren des Unterhaltungsgenres Italiens wie die Regisseure der giallo oder zum polizioteschi, weshalb sie ein bißchen durch die Raster fallen. An Petri fasziniert mich vor allem die Larmoyanz und Intensität seiner Inszenierungen, die Filmsprache wirklich nutzen, um eigenständige (oft politische) Aussagen zu formulieren. Auch dass seine Filme formal brillant, aber doch immer auch unangenehm anzuschauen sind, macht sie mir extrem sympathisch. Im Gegensatz dazu verblassen auch die viel spröderen Arbeiten Godards und der Pravda-Gruppe für mich, weil die ihr eigentliches Publikum m.W. verfehlen. Über „La Classe Operaia“ gibt es so gut wie gar nichts, deshalb war ich dankbar, diesen Blog zu finden, da mich der Film nach dem Ansehen noch sehr beschäftigt hat.

    • Oliver sagt:

      Freut mich, dass dir der Text gefallen hat!

      Nur eine Frage: „Larmoyanz“ wie „Weinerlichkeit“? Das musst du mir erklären, denn ich finde, dass sich Petri emotional sehr raushält aus seinen Filmen. Wenn, dann würde ich sie als bitter oder resigniert bezeichnen, allenfalls noch zornig.

      Über Petri gibt es in der aktuellen Ausgabe der Splatting Image übrigens einen langen Essay von Gerd Reda, vielleicht interessiert dich das. Und bei Bildstörung ist soeben LA DECIMA VITTIMA auf DVD und Blu-Ray veröffentlicht worden – mit einem Booklet-Text von mit. 🙂

  2. Peter sagt:

    Richtig, Larmoyanz ist das falsche Wort, ich meinte eher Abgeklärtheit oder sogar Unversöhnlichkeit. Und die ist natürlich gerade frei von jeglicher Emotion, wobei seine Filme auh weniger analytisch als einfach nur sinnbildhaft-kühl sind, ohne Wege für Läuterung oder Besserung aufzuzeigen. Das macht sich oft schwer erträglich, vor allem auch die späten Filme wie La proprietà non è più un furto und Todo Modo.

    Danke für die Hinweise. Leider finde ich La Decima Vittima aus verschiedenen Gründen den einzig nicht so gelungenen Film Petris, obwohl er sehr bekannt ist. Aber vielleicht unterziehe ich ihn mal einer Neubewertung.

  3. Oliver sagt:

    Dachte ich mir doch, dass du etwas anderes meintest!

    Deiner Einschätzung von LA DECIMA VITTIMA würde ich zustimmen, auch wenn ich noch nicht alle Filme von Petri kenne (der von dir angeführte LA PROPRIETÁ fehlt mir noch, ebenso wie I GIORNI CONTATI). Mir gefallen seinen düstereren Filme wie INDAGINE, A CIASCUNO IL SUO, LA CLASSE oder auch TODO MODO ebenfalls besser. Schlecht ist LA DECIMA aber definitiv nicht und die Bildstörungs-DVD lohnt eine Anschaffung in jedem Fall. 🙂

  4. Peter sagt:

    Nein, du hast recht, schlecht ist La Decima nicht. Mir gefällt auch L’Assassino recht gut und von den späteren würde ich La Proprieta auch sehr empfehlen: Der Film ist eher nicht düster, sonder heiter bis hysterisch, ist aber universeller als La Classe mit seinem Bezug auf die Zeit nach 68 und Todo Modo mit Bezug auf die Democrazia Cristiana. La Proprieta könnte überall in der westlichen Welt spielen und er verhandelt die Problematik um Besitz, Macht und deren Subversion auf meines Erachtens grandiose Weise. Flavio Bucci spielt die Hauptrolle eines jungen Bankiers, der allergisch gegen Geld ist. Sein komisches Talent (er spielt auch eine Nebenrolle in La Classe) rettet den Film über manche Länge und viele Einfälle (wie das Sprechen der fünf Hauptfiguren in die Kamera – a la Brecht) sind überaus gelungen. Auch La Buone Notizie (mit Giancarlo Giannini) ist zu empfehlen – eine Satire auf das Fernsehen, der letzte Film Petris, wenngleich auch nicht mehr ganz so ätzend scharf. Beide Filme kenne ich auch nur als italienische TV-Aufnahmen. Die Chancen, dass diese mal auf DVD erscheinen, dürfte auch eher gering aussehen. Ich träume ja von einer schönen Box über das Spätwerk. Vielleicht gibt es da ja noch Überraschungen, wenn der Markt anderweitig gesättigt ist.

  5. Oliver sagt:

    LA PROPRIETA habe ich noch als AVI rumfliegen – wie auch I GIORNI. Bei Gelegenheit werde ich mir die zu Gemüte führen. LA BUONE NOTIZIE sah in der Petri-Doku ELIO PETRI: NOTES ON A FILMMAKER schon sehr interessant aus, eben wieder sehr rätselhaft und poetisch, wie auch schon TODO MODO. Es wäre wirklich schön, wenn die Filme alle in guten deutschen oder wenigstens englischen Versionen erschienen. Aber allzu viel Hoffnung mache ich mir derzeit nicht. Petri ist ein Randthema und hier in Deutschland dürfte es sehr schwer sein, genug Käufer zu finden. VITTIMA ist da wahrscheinlich die Ausnahme, weil er eben Schnittmengen mit dem Exploitation-Kino aufweist. Mal sehen, ich lasse mich gern eines besseren belehren. 🙂

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